aus meinen Erinnerungen

Wie mich der Atem der Kriminalgeschichte streifte

drei historische Fälle und ein aktueller mit Bildberichten
ein Intermezzo am Tatort sowie zwei Unglücke mit Echo



Ich glaube an das Gute im Menschen.
Ich verlasse mich aber lieber auf das Schlechte in ihm.
Alfred Polgar. Im Lauf der Zeit

Waffendiebstahl bei der Bundeswehr

Um mich als Käuferberater auch mit den neuen Eigentumswohnungen in der schon länger bestehenden kleinen Wohnanlage in Weilheim/Oberbayern vertraut zu machen, vereinbarte ich im Oktober 1970 mit dem Hausmeister ein Treffen. Als ich bei schönem Wetter dort eintraf, kam er mir schon entgegen, allerdings flankiert von zwei dunkel gekleideten und ernst blickenden Herren, und sagte mir, dass er jetzt leider keine Zeit habe, weil er mit diesen zwei Herren etwas besprechen müsse. Ohne mir da zu viele Gedanken zu machen, solche Gesprächspartner eher für eine Weilheimer Besonderheit haltend, ging ich dann allein durch die Anlage. Etliche Tage danach sah ich zuhause in der Sendung "Aktenzeichen xy - ungelöst" gleich als ersten Fall eben die Darstellung genau dieser Szene (natürlich ohne mich) mit dem wackeren etwas untersetzten Hausmeister, der mit einer auffällig großen hellen Schürze bekleidet war, an die ich mich aber nicht erinnern konnte, in Zusammenhang mit der Suche nach den Tätern eines Diebstahls aus einem Waffendepot der Territorialverteidigung neben einer Bundeswehrkaserne in Maising bei Starnberg in Oberbayern und von deren Soldaten bewacht. Es war die hohe Zeit der RAF und man vermutete, dass sie sich hier mit Waffen eingedeckt hatte (87 Pistolen, 18 Maschinenpistolen, 2 Maschinengewehre u.a.), weshalb das Bundeskriminalamt in Wiesbaden eingeschaltet worden war. Auf den Hausmeister war man gekommen, weil der von den Tätern eingesetzte Schließzylinder des beraubten Depots zur Schließanlage einer der Häuser seiner Weilheimer Wohnanlage gehörte, was man anhand der Zylindernummer hatte feststellen können. Jemand musste im Depot den Schließzylinder nach dem Diebstahl eingesetzt haben, da die Wachen lt. Dienstvorschrift lediglich die Türgriffe des Waffenlagers zu überprüfen hatten. Jedenfalls hatte der neue Zylinder den Zweck, die Entdeckung des Diebstahls zu verzögern, um so den nötigen Vorsprung zu gewinnen. Eine aufgebrochene ungesicherte Tür wäre der nächtlichen Streife sicher sofort aufgefallen. So aber blieb der Diebstahl das ganze Wochenende über unentdeckt. Aber es war trotzdem auch ein Fehler der Diebe, keinen ganz normalen Schließzylinder verwendet zu haben. Vielleicht wussten die Diebe einfach nicht, dass man die Schließzylinder einer Schließanlage anhand ihrer eingeprägten Nummer identifizieren kann, auch wenn diese ausgefeilt ist. Nun war also der arme Hausmeister für die Beamten des Bundeskriminalamtes der wichtigste Zeuge, der für sie schnell zum Hauptverdächtigten wurde, was ihn schwer bedrückte, wie er mir bei einem Telefonat sagte. Sie fanden einfach niemand anderes und es war für mich typisch von Leuten, die mit Baustellenusancen nicht vertraut sind. Außerdem wird doch kein Hausmeister so dumm sein, für ein solches Verbrechen einen Schließzylinder der eigenen Wohnanlage zu verwenden! Kurze Zeit später liefen mir diese ratlosen Kriminaler dann auch noch im Büro der Oberbauleitung, zu der ich seit einiger Zeit gehörte, erneut über den Weg. Ich stieß fast mit ihnen zusammen, als sie zu meinem Chef eilten, um sich kundiger zu machen. Das war dann wieder typische Beamtenmentalität: der Glaube, wer höher im Rang steht, der weiß auch mehr. Dabei sind gerade diese Oberen meist schon lange von der Praxis entfremdet oder hatten sie gar nie und hören von ihren Leuten vor Ort oft nur Geschöntes. Schon die Befragung des damaligen örtlichen Bauleiters war für die Kriminaler wohl nicht besonders aufschlussreich gewesen, da dieser stark religiöse und eher misstrauische aber ansonsten recht tüchtige Kollege (inzwischen verstorben) wohl in seinem Eifer gerade deshalb mehr darauf bedacht war, keinen Schuldverdacht auf sich oder seinen Arbeitgeber fallen zu lassen, weshalb er mauerte. Wir werden noch sehen warum.

Für mich als ehemaliger langjähriger Bauleiter aber war eigentlich sofort klar, wo man hätte suchen müssen und was sich nach Jahren auch bestätigte. Die Praxis einer auslaufenden Baustelle ist einfach die, dass man wichtigen Firmen der Fertigstellung den Schlüssel zu einem der allgemeinen Kellerräume gibt, damit sie dort ihr noch benötigtes Werkzeug und Restmaterial lagern können, schon um bei Reklamationen der frisch eingezogenen Bewohner beides schnell zur Hand zu haben. Zu diesem kleinen Personenkreis gehören vor allem Elektriker und Maler, vielleicht auch mal der Fliesenleger und der Installateur. Man hätte also gleich die entsprechenden Handwerker des betroffenen Hauses unter die Lupe nehmen müssen. Dabei kamen da nur wenige, dem Bauleiter meist gut bekannte und vertrauenswürdig erscheinende Personen in Frage, denen er einen Schlüssel ausgehändigt hatte, mit dessen Hilfe dann auch der zugehörige Schließzylinder ausgebaut werden konnte. Der Schlüsselbesitzer musste zwar nicht unbedingt gleich selbst zu den Dieben gehören, aber doch mit ihnen in Verbindung gestanden haben. Bei der Befragung des Hausmeisters konnte sich dieser dunkel erinnern, dass etwa drei Jahre vorher einmal ein Schließzylinder nachbestellt worden war. Ein beiläufiger Ersatz ist nicht möglich, schon weil für seine Nachbestellung der Schließschein benötigt wird, der ja in der Regel nicht irgendwo herumliegt. Hier hatte der Bauleiter sicher eher etwas zu verbergen als der Hausmeister, denn er muss für vollständige Schlüsselübergabe sorgen, weshalb er sich wahrscheinlich unwissend stellte. Oder weil es sich für den Münchner Bauleiter um eine auswärtige Baustelle handelte und er noch an anderen Orten welche betreuen musste, hat er zwangsläufig einiges dem vor Ort anwesenden Hausmeister überlassen müssen, was zu Unklarheiten führte, wer was veranlasst hatte und dann verantwortlich war. Möglicherweise war der Bauleiter aber auch einfach nur geschickter darin, seine Verantwortung zu vertuschen, weshalb der Hausmeister zum Hauptverdächtigen wurde. Da ich ja trotz der zweimaligen Begegnung mit den Detektiven von ihnen nicht befragt wurde und ich auch nicht zum Kreis der schnell zu unrecht Verdächtigen gehören wollte, behielt ich meine Sicht der Dinge lieber für mich. Denn wer etwas weiß, weiß schon zuviel, um ihn unverdächtig erscheinen zu lassen. Und die Kollegen hätten mich bestimmt nicht ernst genommen und gespottet: Herr Hille, wie wollen Sie etwas von dieser Baustelle wissen? Das nicht. Aber ich kann mich auch heute noch gut erinnern, wie das am Ende einer solchen immer zwangsläufig zugeht. Hat denn den Kriminalern niemand etwas über diese Gepflogenheiten gesagt?

Nach etlichen Jahren bestätigte sich dann, was ich gleich zu Anfang am meisten vermutet hatte: es war der Elektriker (kam dann wohl in Aktenzeichen xy-ungelöst). Auch die Waffen wurden alle fein säuberlich verpackt in einem Gehöft wieder gefunden. Also nichts mit RAF. Die Diebe wollten sie wahrscheinlich ins südöstliche europäische Ausland verscherbeln, hatten aber nicht mit diesem Fahndungsdruck gerechnet, der sie dann entmutigte. Wie ich 2016 von einem Leser noch erfahren habe, handelte es sich bei den Dieben um 2 Brüder, die eine Werkstatt hatten. Und irgendwann am Stammtisch konnten sie ihre Tat nicht mehr für sich behalten, was dann angesichts der hohen Belohnung jemand der Polizei meldete, die bis dahin vergeblich nach den Tätern gefahndet hatte, was mich bei der gezeigten Beamtenmentalität der Kriminaler wenig wundert.


Jetzt ist mir noch eingefallen, dass ich schon Anfang der fünfziger Jahre bereits einmal mit einer spektakulären Tat unfreiwillig in Verbindung kam und dazu sogar von einem Privatdetektiv ausgehorcht wurde.

Diebstahl der Gelder des Münchner Arbeitsamtes

Es muss im Spätsommer des Jahres 1951 gewesen sein. Die Baufirma bei der ich als Ingenieur-Praktikant auf der Baustelle tätig war, hatte den Auftrag, die Mensa der Münchner Universität zu bauen. (Diese relativ kleine Mensa an der Veterinärstraße gibt es schon lange nicht mehr.) Es war an einem Wochentag. Nach Feierabend verließ ich die Unigebäude und trat auf die Ludwigsstraße hinaus. In diesem Moment raste mein Onkel mit seinem Dienstwagen in Richtung Stadt an mir vorbei. Autos waren damals eher noch selten, weshalb sein noch dazu schneller Wagen nicht zu übersehen war. Was war los? Onkel Arnold* war Direktor des Münchner Arbeitsamtes und ich hätte ihn eher gelassen in Richtung Schwabing fahrend erwartet, wo er wohnte. Doch dem Arbeitsamt waren seine sämtlichen Gelder gestohlen worden! Nicht nur das Stempelgeld für die wöchentliche Auszahlung der Arbeitslosen, sondern auch die monatlichen Lohngelder für die Angestellten, denn man zahlte ja noch mittels Lohntüte. Zusammen für damals eine große Summe. Die Diebe hatten das also gewusst. Auch hier lag kein Raub durch Anwendung von Gewalt vor, sondern ebenfalls ein Schlüsseltrick. Die Täter waren freundlich grüßend in der staatlichen Bank zum Tresor des Arbeitsamtes gegangen, schlossen ihn in aller Ruhe auf und nahmen alles Geld mit, was sie fanden. Wie war das möglich? Onkel Arnold war schon schnell klar, wie das hat passieren können und er legte es auch schriftlich nieder. Aber da war wieder die Unwissendheit der Kriminaler, die mit den Gepflogenheiten eines Betriebes nicht vertraut sind. Sie verdächtigten lieber alles und jeden und so letztlich auch Onkel Arnold und mich. Ein eingeschalteter Privatdetektiv, ein kleiner zäher Mann, wollte sich wohl eine Belohnung verdienen und kam mehrmals in die Wohnung meines Onkels am Kaiserplatz und stellte uns unserer Meinung nach allerhand mehr oder weniger dumme Fragen.
*MdL Dr. Arnold Hille

Nach den Überlegungen von Onkel Arnold muss einer jener Kassierer, die einen Schlüssel zum Tresor hatten, diesen heimlich im Gang des Arbeitsamtes, wo ja auch viele Arbeitslose herumliefen, z.B. auf dem Weg zur Toilette einem Vertrauten oder Verwandten bei einer Begrüßung unbemerkt in die Hand gedrückt und auf auch diesem Wege wieder zurückerhalten haben. Pech nur, dass Onkel den falschen Kassierer verdächtigte. Jedenfalls wurde das Rätsel so schnell nicht gelöst, letztlich jedoch aufgeklärt. Also auch hier hat sich die Tat nicht nur nicht gelohnt (die Täter, die meiner Erinnerung nach zu 2 Familien gehörten, hatten sogar noch Kredite aufgenommen, um ihre plötzlichen Sonderausgaben zu rechtfertigen), sondern den Schuldigen Jahre der Freiheit gekostet. Beide Fälle zeigen, dass man zwar mit etwas Insiderwissen und logischen Kalkül schnell auf die Verdächtigen kommt. Aber sie auch zu überführen bleibt trotzdem die schwere Aufgabe der Polizei (oder von xy-ungelöst).


Die Oetker-Entführung von 1976

Als im Fernsehen vor Monaten wiedereinmal Richard Oetker zu sehen war, der prinzipiell nicht über seine am 14. Dezember 1976 erfolgte Entführung spricht, erinnerte ich mich, dass dieser spektakuläre Kriminalfall mich nicht nur als Mensch und als Münchner besonders berührt hatte. Ich kannte mich auch in Weihenstephan in Freising bei München einigermaßen aus, war jedes Jahr öfters dort, und konnte mir so die Entführungsszene auf dem Parkplatz der Technischen Universität gut vorstellen. Besser aber noch als die Polizei kannte ich mich mit dem Ort der Lösegeldübergabe im Untergeschoss des Münchner Stachus aus. Als Ingenieur hatte ich mich besonders für die vielen großen Tiefbaumaßnahmen in den siebziger Jahren im München interessiert, so auch für das Tiefbauwerk des verkehrsreichsten Platzes in München, dem Karlsplatz, besser bekannt als "Stachus". Als Schnittpunkt wichtiger Straßenbahnverbindungen mit allen Linien der S-Bahn, ist es sehr umfangreich ausgebaut. Unterhalb des Fußgängergeschosses mit Läden und Zugängen zu 3 den größten Kaufhäusern der Stadt, gab es auch von mir öfters benutzte Tiefgaragen auf (mind.) 2 Etagen. Aus diesen führen Fluchttüren in einen Gang, der zwischen den rohen Betonbohrkernen der Baugrube und der geschalten Wand der Tiefgarage verläuft. Aus baulicher Neugier hatte ich mir das einmal angesehen. Die Fluchtgänge führen in das Passanten- und Ladengeschoss darüber. Im Gegensatz zu den Tiefgaragengeschossen sind dort die Fluchtüren nur von den Fluchtgängen aus zu öffnen, schon dass sich da kein Passant hinein verirrt. Das nutzte der Entführer Dieter Zlof und beorderte den Lösegeldübergeber August Oetker direkt neben eine solche Stahltür neben der Apotheke im belebten Fußgängergeschoss. "Durch die Fluchttür greift Zlof sich den Aluminium-Koffer* mit den 21 Millionen und verschwindet, ohne das es den Zivilfahndern gelungen wäre, die Tür von außen zu öffnen." (SPIEGEL ONLINE) Also auch hier eine Art Schlüsseltrick. Mir wäre das nicht passiert, wenn genügend Zeit gewesen wäre, das zu organisieren, denn 1. hätte ich mir den Schlüssel besorgt und 2. hätte ich Posten an den infrage kommenden Zu- und Ausgangstüren postiert. Doch in dem großen Gangwerk mit mehreren Etagen wäre es sicher auch nicht so einfach gewesen, den Entführer mit dem Geldkoffer zu fassen, und sehr wahrscheinlich war es ja auch gut so, dass Zlof schnell in den Besitz des Geldes gekommen war und er deshalb den durch einen Stromschlag in seinem Versteck schwer verletzten Richard Oetker noch am Abend frei lassen konnte.
*Soviel ich weiß, musste der Koffer eine bestimmte Größe haben, um in das vorbereitete Versteck im Wagenboden zu passen. Anhand des Koffervolumens hat Zlof dann die Höhe des Lösegeldes berechnet. Koffer voll = 21 Millionen à 1000 DM da.

Damit war aber meine Konfrontation mit dem Oetkerfall noch nicht beendet, ganz abgesehen davon, dass ich, ebenso wie alle anderen, später bei der Einzahlung von Eintausendmarkscheinen am Bankschalter beargwöhnt wurde und die Seriennummer des Geldes geprüft wurden, obwohl die Scheine doch immer von einer Bank stammten (ich lies mir dann keine Tausender mehr geben). Meine sehr verehrte Tante Anni (Anni Hille) hatte wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag, den 26. Dezember, den engsten Familienkreis zum Abendessen in ein schönes Restaurant eingeladen. Wegen der Weihnachtsfeiertage waren jedoch viele Gaststätten in der Nähe ihrer Wohnung wegen der ausländischen Inhaber geschlossen, da diese zu Familienfeiern in ihre Heimatländer gereist waren. So hatte Tante 1977 etwas außerhalb vom Münchner Westen, wo sie wohnte, in Germering im Hotel Restaurant Meyer uns Plätze reservieren lassen müssen. In ihrer Wohnung schon etwas vorgefeiert kamen wir gegen Abend gelöst dorthin. Ich sehe noch heute mehrere hauptsächlich in Schwarz gekleidete nicht gerade schlanke Bedienungen wortkarg um den Schanktisch herumstehen - eine statische und bedrückende Szene. Sie warteten dort wohl auf die Getränke bzw. das Essen. Da war nirgends etwas Fröhliches. Dann erfuhren wir, dass im Restaurant im Jahr zuvor der Übergeber des Lösegeldes für Richard Oetker, sein Bruder August Oetker, auf den Anruf des Entführers gewartet hatte (damals gab es noch keine Handys). Angesichts des schweren Schicksals von Richard Oetker hat uns die unerwartete Konfrontation mit dem Leidensweg des sympathischen jungen Mannes doch sehr berührt. Auch heute kann ich noch nicht ohne innere Bewegung an seine skrupellose Entführung denken, wo ich doch noch die Bilder von ihm und den Tatorten vor Augen habe.


Das Phantom von Heilbronn

Auf der eigenen Spur ausgerutscht

Als Robinson Crusoe wiedereinmal zum Strand seiner einsamen Insel ging erschrak er heftig, denn er fand dort Fußspuren, wo er doch dachte, auf der Insel, auf die es ihn als Schiffsbrüchigen verschlagen hatte, allein zu sein. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, trat er näher und sah sich die Spuren genauer an: Und siehe, es waren seine eigenen! Da war die Erleichterung natürlich groß. - Als die Quantenforscher Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Daten analysierten, blieb stets ein unerklärlicher Rest. Etwas Unbekanntes musste seine Spuren hinterlassen haben. Und eines Tages entdeckten sie wie Robinson: es waren ihre eigenen! Bei aller Beobachtung gibt es auch immer eine Rolle des Beobachters und sei es nur die seiner Instrumente. Dies bedacht zu haben, führte zu der Formulierung der so erfolgreichen Quantenmechanik in der Kopenhagener Deutung. - Als der SOKO Parkplatz in Heilbronn bei der Suche der Mörderin der Polizeimeisterin Michéle Kiesewetter (+ 25. April 2007) an den unterschiedlichsten Orten bei den unterschiedlichsten Verbrechen über Jahre hinweg immer wieder die gleichen DNA-Spuren gemeldet wurden, ohne dass je ein einziger Zeuge eine infrage kommende Person gesehen hatte, die dadurch immer mehr zum Phantom wurde, begann es den Verantwortlichen zu dämmern: es könnte ja ihre eigene Spur sein, die sie verfolgten, nämlich die der von ihnen benutzten Instrumente, und auf der sie ausgerutscht sind, was zuzugeben natürlich ungeheuer schwerfällt. Die Wattestäbchen, mit denen die DNA aufgenommen wurde, waren kontaminiert! Die gesuchte Person war wahrscheinlich eine polnische Rentnerin, die vor Jahren in Bayern solche Wattestäbchen verpackt hatte. Peinlich, peinlich! Und teuer! Und das ganz überflüssigerweise! Denn hätte man gleich am Anfang auch nur ein einziges unbenutztes Wattestäbchen getestet, dann hätte man sofort gewusst, woher die Spur stammte! Und/oder man testet nach jedem Gebrauch ein unbenutztes Wattestäbchen der gleichen Packung. Warum kam niemand auf eine so naheliegende Idee? Fehlt es an Ideen? Herrschte blindes Vertrauen in die neue Ermittlungstechnik? Oder war es einfach nur die bekannte schwäbische Knauserigkeit, die gern am falschen Ort spart?
Nachtrag: Meldung in der "Heilbronner Stimme" vom 13.09.2012: "19.12.2008: Der Rechtsmediziner Professor Bernd Brinkmann geht von verunreinigten Wattestäbchen aus. Die Polizei verwirft die Theorie." Wollte wohl aus Sparsamkeitsgründen keine ungebrauchten Wattestäbchen testen und machte mit ihrer Phantomsuche bis 26.3.2009 weiter. In diesem Fall kann man immer wieder nur über soviel Inkompetenz und Ignoranz staunen, wie die nachfolgenden Meldungen zeigen und wie sie bundesweit bekannt sind. Es ist haarsträubend, was im Bundestag-Untersuchungsausschuss und anderen zur NSU-Terrorzelle alles ans Licht kommt. Dieser musste nun (Febr. 2013) in die Türkei reisen und den türkischen Politikern restlose Aufklärung versprechen - die es m.E. jedoch nicht geben wird, solange Frau Zschäpe schweigt. Auch der Bundespräsident hat am 18. Febr. 2013 beim Empfang der Angehörigen der Opfer im Schloss Bellevue ein solch wahrscheinlich nicht einzulösendes Versprechen gegeben. Versprechen kommt von versprechen.

Hier also noch ein akuter Fall der Kriminalgeschichte, das Phantom von Heilbronn, der mich diesmal als Bewohner dieser schönen Stadt streifte. Am 25. April 2007 "durfte" ich als Ohren- und Augenzeuge seine Geburt miterleben - stundenlang heulten Streifenwagen durch die Stadt und Hubschrauber knatterten über ihr, später besuchte ich den Tatort. Aufgrund spektakulärer Kriminalfälle mit Jugendlichen 2009, gerade in Baden-Württemberg, machte ich der Polizei einen Vorschlag, in welche Richtung verstärkt nach den Tätern zu suchen wäre, bevor man jetzt dem Phantom der osteuropäischen Maffia ebenso chancenlos hinterherjagd. Den Maffiakillern fällt zwar ein Mord leicht, aber sie morden dann, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen, der sie die Auffälligkeit der Tat in Kauf nehmen lässt. Doch wo soll hier ein Vorteil für sie sein, ausgerechnet zwei Polizisten im Streifenwagen noch dazu in ihrer Pause und nicht bei einer polizeilichen Aktion erschießen und dann auch noch ihrer Waffen berauben zu wollen, der voraussehbar den ganzen Polizeiapparat in Bewegung setzt? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Nach dem Krieg gab es einen berühmten Film mit dem Titel "Die Mörder sind unter uns". Vielleicht ist es auch diesmal der Fall. (Ich setzte auf Angehörige der linken Szene. Wie alle Behörden und Medien war auch mir von reisenden Mördern der rechten Szene bis dahin nichts bekannt.) Abgesehen davon waren meine hier abgelegten Vermutungen richtig, die ich auch der hiesigen Pressestelle der Polizei per E-Mail mitgeteilt hatte.
November 2011: Es ist ziemlich sicher, dass der Anschlag auf die beiden Polizisten in Heilbronn auf das Konto der Zwickauer Neonazis geht, denn bei ihnen wurde nicht nur die Mordwaffe und Gegenstände aus dem Besitz der beiden gefunden, sondern im ausgebrannten Wohnwagen in Eisenach nach ihrem letzten Banküberfall auch die entwendeten Pistolen. Nachdem was ich noch gehört habe, wurde am Tag des Überfalls sogar der Wohnwagen des mörderischen Trios bei der Ausfahrt registriert aber nicht durchsucht, auch später die Spur nicht aufgenommen, weil man davon ausging, dass Wohnwagenbenutzer "natürlich" stets harmlose Urlauber sind, denen freundlich zu begegnen ist, so wie man ja auch bei den Wattestäbchen keine Kontrolle machte, weil man hier ebenfalls ohne Argwohn war. Wahrscheinlich wurde den beiden jungen Uwes auch noch gute Weiterfahrt gewünscht. Man stand ihnen also vermutlich Auge in Auge gegenüber - aber das Suchschema passte nicht auf sie. Doch so verlief diese Begegnung zwischen den Mördern und der Polizei diesmal wenigstens friedlich. - Ca. 2 km von der Innenstadt und ca. 1000m vom Tatort entfernt gibt es am Rande des Wertwiesenparks einen kleinen Parkplatz für durchreisende Wohnwagentouristen mit Ver- und Entsorgungsstation - den einzigen im Ort! Stand ihr Wagen dort? Kamen sie auf dem Gang zu oder von der Innenstadt auf dem Fuß- und Radweg entlang des Neckars nur zufällig am direkt neben ihm liegenden Tatort vorbei und sahen Michéle und ihren Kollegen Pause machend entspannt im Wagen sitzen, was ihre mörderischen Instinkte (schon lange niemand mehr umgebracht) weckte? - zum Tatort s. unten das jeweils linke Bild der 1. und 2. Reihe mit Erläuterungen.
23./24. Nov. 2011: Auch wenn Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) jetzt glaubt, dass es sich bei dem Mordfall um eine gezielte Tötung gehandelt haben könnte, weil die ermordete Polizeimeisterin wie die Täter aus Thüringen stammt, bleibe ich bei meiner Version. Behörden suchen immer nach Zusammenhängen und seien sie noch so vage. Der amtlichen Behauptung, dass Michéle in Thüringen gegenüber einer Gaststätte gewohnt hätte, in der mal Neonazis verkehrt hätten, wird bereits vom Großvater der Ermordeten widersprochen, der über solche Meldungen empört ist und sagt, dass sie nie woanders als bei ihrer Mutter gewohnt habe. Hier werden vielleicht wieder neue Wattestäbchen gelegt, deren angeblicher Kontaminierung man nachjagt und die Familie der Ermordeten Verdächtigungen aussetzt wie zuvor den Familien der ermordeten Muslime, für die sich der Bundespräsident inzwischen bei ihnen entschuldigt hat. Und was ist mit dem vom Überfall ebenfalls betroffenen Kollegen, der nur durch Zufall überlebt hat? Könnten da nicht auch Zusammenhänge bestehen, wenn man schon an solche glaubt? Doch das interessiert wieder niemand, weil er ja noch am Leben ist. Man sucht ja Mörder bzw. deren Motiv, dass vielleicht nie gefunden wird. - Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Mörder gewusst haben könnten, wo die junge Polizistin bzw. ihr Kollege sich während der Streife aufhielt, wo noch dazu Michèle an diesem Tag Urlaub gehabt hätte und nur kurzfristig für eine erkrankte Kollegin eingesprungen war. Setzt man eine Beziehungstat voraus, müsste man eher fragen, ob der Anschlag nicht der erkrankten Kollegin gegolten hätte (fühlte sie sich bedroht und blieb sie daher vorsorglich dem Dienst fern?) oder eben dem überlebenden Kollegen. Ich denke jedoch, dass die beiden Uwes Spontantäter waren und nur darauf achteten, wie sie nach der Tat möglichst spurlos verschwinden können, worin sie offensichtlich Meister waren. Eine zufällige Zigarettenpause der Opfer an einem abgelegenen Ort (hinter dem Trafohaus) kann man nicht einplanen.
Ende Nov. 2011: Der "stern" will mit seiner Version des Geschehens - 2 Verfassungsschützer und 3 US-Agenten hätten bei der Observierung eines Mitglieds der Sauerlandgruppe zufällig der Ermordung zugesehen und nicht eingegriffen, um unerkannt zu bleiben - wohl an die Phantasien seiner Hitlertagebücher anknüpfend. Aber wie kommt er zu seiner Behauptung? So ganz willkürlich wird sie doch nicht sein. - Nachdem das BKK die Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung der Neonazimorde gebeten hat und dafür die Telefon-Nr. 0800 130 110 zur Verfügung stellt, habe ich dort gleich angerufen und meine obigen Bedenken zum Heilbronner Fall mitgeteilt. Der angerufene Beamten beruhigte sich jedoch sofort damit, dass die SOKO Parkplatz dass sicher schon abgeklärt habe. Gegenüber einer SOKO, die jahrelang einem Phantom hinterherjagte und dann auf die russische Mafia setzte, wäre ich skeptischer. Mit der gezeigten laxen Beamtenmentalität wird sicher auch jetzt nichts aus der Aufklärung des Heilbronner Falls werden. Doch wenigstens der neue Generalbundesanwalt teilt nicht die Meinung des BKK, dass es sich hier um eine Beziehungstat handle. Aber weiß er auch, dass es unweit des Tatortes zwischen Wertwiesenpark und Freibad Neckarhalde einen kleinen Parkplatz für durchreisende Wohnwagentouristen gibt? Kann man noch auf Aufklärung hoffen? Warten wir's ab.
Mai 2012: Noch öfters als es tötete, verübte das NSU-Trio Banküberfälle, 15 an der Zahl, um seinen Unterhalt zu finanzieren. Und da die Polizei in Thüringen sich ausrechnen konnte, wann in einem begrenzten Umkreis wieder ein Überfall fällig ist, war ihre Aufmerksamkeit nach Jahren entsprechend geschärft. Der Hinweis eines Rentners nach dem Banküberfall durch zwei Radfahrer in Eisenach am 4. November 2011, der sich das V für Vogtland auf dem Nummernschild ihres Wohnmobils gemerkt hatte, "zu dem sie förmlich anflogen" und mit dem sie so schnell davon fuhren, "das die Räder durchgedreht sind", führte dann zur richtigen Suche der Thüringer Polizeidienststelle. Von den zur Ergreifung der Täter ausgelobten 30.000 € wurden dem Rentner 7.000 € als Belohnung zugestanden - Abschlag?
Jan. 2013: Es war wohl ein besonderer Trick der beiden Männer, für die Taten Fahrräder zu benutzen und diese danach schnell im Wohnwagen verschwinden zu lassen, wie bei dem Banküberfall in Eisenach, so dass die Suche nach den Radfahrern stets erfolglos blieb. Im Untersuchungsausschuss des Bundestages zu den Morden wurde bekannt, dass bei einer neuerlichen Befragung der Schausteller 2009, nachdem die Phantomtheorie geplatzt war, einer zu Protokoll gab, dass er am Tage des Überfalls am Tatort einen Wohnwagen hätte stehen sehen, der am Abend dann nicht mehr dort war. Da wegen des anstehenden Maifestes aber viele Schausteller ihre Wohnwägen auf der Theresienwiese abgestellt hatten, maß man dieser Beobachtung keine Bedeutung zu, wie man überhaupt keinen einzigen Halter der bei der Ringfahndung registrierten Fahrzeuge anschließend überprüft hatte (!) - und das bei einer SOKO von über 30 Mann! Das fügt sich nahtlos zu dem Gesamtbild einer völlig versagenden Polizei und eines desorientierten Verfassungsschutzes, von der engagierten Dienstelle 2011 in Eisenach, dem Ort des letzten Banküberfalls, einmal abgesehen, ohne die und dem Rentner man wahrscheinlich bis heute noch nichts von den Tätern wüsste, obgleich Profiler sie schon ziemlich genau beschrieben hatten, wovon die zuständigen Politiker und der Staatsanwalt in Bayern aber nichts wissen wollten, auch nicht von dem Vorschlag, auch einmal in der rechten Szene zu suchen, genausowenig wie von der vom BKA angebotenen Hilfe. Polizeilich gesehen gelten die Taten noch nicht als aufgeklärt, da man nicht genau weiß, wer von den Dreien an den Überfällen jeweils beteiligt war, z.B. ob und inwieweit die einsitzende Beate Zschäpe an ihnen aktiv mitgewirkt hatte. Nachtrag: nachdem aufgrund der Spuren auf beide Polizisten zugleich geschossen wurde ist aber klar, dass es 2 Täter gibt. (Bilder vom Gedenken 2012 mit Enthüllung einer Gedenktafel für alle Mordopfer weiter unten.)
11. Juli 2012: Inzwischen mussten 3 Geheimnisdienstchefs (Fromm, Sippel und ?) und die Leiterin der Abteilung für Verfassungsschutz des Berliner Innenministeriums wegen des eklatanten Versagens ihrer Organisation den Abschied nehmen. Es wird nicht der letzte sein. Und die Polizei war da auch nicht besser, wie man in Heilbronn weiß. Eher noch schlimmer, wenn da überhaupt noch eine Steigerung möglich ist. Welchen instinktlosen Dilettanten haben wir da die Sicherheit Deutschlands anvertraut?
13. August 2012: In 3SAT kam ein zusammenfassender Bericht über das Versagen der Ermittler. In ca. der Hälfte aller Fälle (10 Morde, 2 Bombenanschläge und 15 Banküberfälle) wurden Tatverdächtige auf Rädern mit mitteleuropäischen Aussehen beobachtet und gefilmt, was die Fahnder jedoch nicht davon abbrachte weiterhin im türkischen Milieu zu suchen. Im Heilbronner Fall wurden am Tatort ebenfalls Radfahrer gesichtet, was meine These erhärtet, dass ihr Wohnwagen möglicherweise beim Wertwiesenpark abgestellt war und sie nur zufällig an der Theresienwiese vorbeikamen oder er war tatsächlich am Tatort abgestellt und die Täter sind von dort aus mit ihren Rädern vielleicht in die Stadt gefahren und sahen bei ihrer Rückkehr den Streifenwagen nebenan parken.
April 2013: Die Behördenpannen gehen nahtlos weiter. Das Oberlandesgericht in München hat zum anstehenden ersten NSU-Prozeß die Plätze für Journalisten so schnell vergeben, dass die interessierten türkischen Berichterstatter keine Gelegenheit hatten sich anzumelden, die deshalb in Karlsruhe erfolgreich klagten. In seiner Ratlosigkeit hat das Gericht den Prozeßbeginn verschoben, um Zeit für eine bessere Regelung zur Vergabe der Journalistenplätze zu finden. - Es hat sich für ein Losverfahren entschieden, bei Reservierung für besondere Bewerbergruppen, z.B. türkische Journalisten und Nachrichtenagenturen. Doch einige große deutsche Zeitungen kamen so nicht zum Zuge. Dafür z.B. ein Journalist, der seinen Akkretitierungsantrag bereits vorher zurückgezogen hatte. Und die den Angehörigen der Opfer von deutschen Politikern vollmundig versprochene "restlose Aufklärung der Taten" wird es sowieso nicht geben. Selbst die RAF-Taten konnten trotz lebender Zeugen bis heute nicht restlos aufgeklärt werden. Wer hat z.B. 1977 Buback erschossen? So wird es auch diesmal sein, zumal die Geheimdienste ihre V-Leute schützen - auch heute noch die bei der RAF.
August 2014: Der Abschlussbericht des Thüringischen Landtags zur NSU-Affäre bestätigt all das, was ich oben geschrieben habe: die Suche im falschen Milieu und das völlige Versagen von Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaft und Polizei. Die Fehler waren so gravierend und gegen jede Regel, dass die Sprecherin des NSU-Untersuchungsausschusses die Frage aufwarf, ob hier nicht auch gezielte Irreführung am Werk gewesen sei, was weiteren Aufklärungsbedarf notwendig machen müsse. Z.B. meldete der Verfassungsschutz, dass die Verdächtigen in den USA seien, während er wusste, dass sie nach Sachsen ausgewichen waren.

Bilder vom stillen Gedenken am 25. April 2009 und 2010 an Michéle Kiesewetter
(2. bzw. 3. Todestag)

Dolores auf Spurensuche - Foto H.Hille
Dolores am Ort des Geschehens*
ist immer wieder das Ziel von Agressionen Jugendlicher - Foto H.Hille
die Gedenktafel
waren eigens aus Thüringen angereist, im Hintergrund rechts der Tatort - Foto H.Hille
Ankunft der Großeltern**
Foto H.Hille
ihre Blumenniederlegung
Großeltern in der Mitte - Foto H.Hille
Blumen der Polizei
u.a. OB Himmelsbach und MdB Strobl - Foto H.Hille
stilles Gedenken der Prominenz
Foto H.Hille
und der Kollegen
Ordnung muss sein - Foto H.Hille
warten auf sie
*Tatort rechts neben dem Trafohaus, Gedenkort am oberen Weg, zwischen den beiden Bäumen
**im Hintergrund das Trafohaus und die Theresienwiese, auf der wie damals die Vorbereitungen des Maifestes liefen, weswegen die Polizisten vor Ort waren

Foto H.Hille
auch am 25. April 2010 gab es ein stilles Gedenken der Kollegen
und der Großeltern

25. April 2012: Zum 5. Jahrestag wurde am Tatort aller Opfer der Terrorzelle gedacht und eine entsprechende Gedenktafel enthüllt. Der Innenminister des Landes hielt eine beeindruckende Rede, in der er u.a. betonte, dass es in "Baden-Württemberg keine Hinweise auf Verbindungen zwischen Opfer und Täter gibt," eine Auffassung, die ich immer schon vertreten habe.

Bilder vom Gedenken 2012
(5. Todestag)

alle Fotos H.Hille, einige eingeblendete Informationen gemäß Heilbronner Stimme
Spalier der Polizei  (Gedenktafel in der Mitte)
Polizeischülerinnen mit Zopf
aus der Nähe gesehen

BW-Innenminister Reinhold Gall, OB Helmut Himmelsbach
li. der türkische Generalkonsul, re. die Prominenz
Großeltern und weitere Angehörige der Toten
stellte die Opfer in den Mittelpunkt seiner Rede, aber auch Kritik an den Ermittlern
Rede des Innenministers
betonte, dass Michéle Kiesewetter auch als Sinnbild für all jene stehe, die im Dienst für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ihr Leben ließen
Rede des Cousins Kt.-Lt. Martin Ralf Kiesewetter
li. der türkische Generalkonsul in Stuttgart, re. die Angehörigen
Enthüllung der neuen Gedenktafel
im Hintergrund links wieder die Vorbereitungen des Maifestes
die Gedenkstätte

hoffentlich bleibt jetzt diese von Vandalismusattacken verschont. Die alte Gedenktafel wird künftig im Haus der Geschichte in Stuttgart ausgestellt.
die neue Gedenktafel

Interview des Innenministers

Interview des Oberbürgermeisters

2013 ein neuer Anlauf

März 2013: Nun will auch der Landtag von Baden-Württemberg Aufklärung in der NSU-Affäre leisten. Was dort bisher bekannt wurde entspricht desaströs dem, was die vorherigen Recherchen anderen Orts ergaben, nur das es in BW schon 2003 einen Informanten gab, der von der NSU-Terrorgruppe berichtete und auch Namen nannten, wie den von Uwe Mundlos. "Der Informantenführer Günter S. habe daraufhin seine Kollegen im Landesamt für Verfassungsschutz über die neuen Erkenntnisse informiert, doch seien den Informationen dort keine Beachtung geschenkt worden." - Bei dem auf dem Cannstatter Wasen am 16. Okt. 2013 durch Verbrennung zu Tode gekommenen 21-jährigen Florian H. aus Eppingen habe es sich sogar um einen potenziellen Zeugen zum Heilbronner Polizistinnenmord gehandelt. Seine Aussagen wurden jedoch als unglaubwürdig angesehen. Am Tage der dann nochmals vorgesehenen Vernehmung durch das Landeskriminalamt ist der Mann in Bad Cannstatt in seinem Auto verbrannt. Sein Tod wurde zuerst durch schulische Probleme verursacht angenommen, bis man feststellte, dass er ein Einserschüler war. Daraufhin stufte man schon nach eineinhalb Tagen die Tat als ein Akt aus Liebeskummer ein, von dem die Angehörigen jedoch nichts wussten. Nichteinmal seine Freundin Melissa M. wurde befragt, die jetzt am 28. März ebenfalls "unerwartet" verstorben ist. Noch im März hatte sie vor dem Untersuchungsausschuss gesagt, dass sie sich bedroht fühlte, doch man unternahm nichts. - Ein Mord an H. wurde ausgeschlossen, obwohl er als Aussteiger aus der rechtsextremen Szene und seine Angehörigen von dieser ebenfalls massiv bedroht worden waren (und von dieser vielleicht in den Tod getrieben wurde). Seine Brüder bargen dann noch Laptop und Handy aus dem Wagen - für die sich bis heute niemand interessiert! (Die Eltern von Florian H. musste sie dem Untersuchungsausschuss förmlich aufdrängen, sie als Beweismittel zu sichten, was jetzt von unabhängiger Seite geschehen soll.) Es ist so schaurig schlimm, was bisher schon festgestellt wurde, so dass man, wie in Thüringen, unwillkürlich denken muss: soviel Inkompetenz kann es doch gar nicht geben, dass sie allein verantwortlich sein könnte. Die Ermittlungen gehen weiter.
Am 31. März 2015 listet Die "HEILBRONNER STIMME" bereits 3 unerwartet Verstorbene im "Umfeld" "der Aufklärung der Neonazi-Mordserie" auf, 2 davon in ausgebrannten Autos. Melissa M. ist jetzt die 4. Tote. Der Ausschuss "ist geschockt". Unbehagen breitet sich aus.

vor dem Rathaussaal auf das Revers meines Sakkos geklebt
vor dem Rathaussaal auf das Revers meines Sakkos geklebt

Am 4. Mai 2015 ließ sich der Untersuchungsausschuss in Heilbronn vor Ort die Feststellungen der Polizei vortragen, an der ich teilnahm. Anschließend gab es im großen Rathaussaal der Stadt eine öffentliche Sitzung mit der vereidigten Vernehmung des Polizeireferenten. Quintessenz ist, dass es zum Mord auf der Theresienwiese keine Tatzeugen gibt, außer drei Ohrenzeugen, die die Schüsse hörten. Zwei davon waren Bahnarbeiter auf dem Gleiskörper, die zwei Schüsse hörten, jedoch durch eine hohe Hecke getrennt nicht zur Theresienwiese sehen konnte. Die 3. Zeugin hielt mit ihren Wagen in der ca. 450 m südlich davon entfernten Karlsruher Straße vor einer Ampel und wunderte sich, dass es nur zwei Schüsse waren, weil sie sie für Eröffnungssalut des Maifestes hielt. In den 450 m dazwischen mit Dutzenden von Schaustellern will jedoch keiner etwas gehört haben. Mysteriös wie alles an dem Fall.
Viele Zeugenaussagen waren sehr obskur, zum Teil auch mit Beobachtungen von "Verdächtigen" vor der Tat. Kein einziger "Zeuge" hat später ein Mitglied der NSU-Terrorzelle identifizieren können. Sie hat also keine Spuren hinterlassen. Das war jedoch bei ihnen die Regel, schon weil das Suchschema der Polizei nicht stimmte. Die Schüsse fielen (am 25. April 2007) um ca. 13:58. Die Polizei konstruierte den Tatablauf so: Kurz vor den Schüssen kamen die beiden Beamten, die Bereitschaft hatten, von einer Schulung im Polizeirevier zurück auf die Theresienwiede und wollten neben dem Trafohaus eine kleine Pause machen. Sie wendeten den Wagen und jeder zündeten sich bei offenen Fenstern eine Zigarette an. Schon Sekunden später kamen die Täter von links und rechts hinten und schossen beide sofort nieder. Sie flüchteten danach aber nicht, sondern zogen ihre Opfer mit dem Oberkörper aus dem Wagen, um an die an den Kleidungen gesicherten Waffen zu kommen, die sie mit Gewalt entrissen. Auch andere Ausrüstungsgegenstände nahmen sie an sich. Es gab dabei keine Zeugen, aber ein am oberen Weg vorbeiradelnder Radler sah später neben dem Trafohaus den Streifenwagen und eine vor der Fahrertür liegende Person. Da er kein Handy hatte, radelte er noch ca. 400 m bis zum Taxistandplatz neben dem Bahnhof und bat einen Taxifahrer die Polizei zu verständigen, die darauf Alarm auslöste. Dieser Punkt ist der einzig verlässliche.

Im Untersuchungsausschuss des Landtags glaubt der Vertreter der Polizei immer noch, dass sie "alles richtig" gemacht hat. Ist wie Hohn!

der breite Rücken von W. Drexler, alle Fotos H.Hille
der George Cloony der Polizei: Referent nach Aktenlage Alex Mögelin
möchte Zeugen nochmals vorladen
der Vorsitzende Wolfgang Drexler bei einer Nachfrage
hier war eine Schweigeminute angesagt
Kranz des Landtags an der Gedenktafel

Nachspiel für mich: Nach der Sitzung im Rathaus ging ich in Richtung experimenta-Parkhaus, wo mein Wagen stand. Gut 100 Meter vom Rathaus entfernt, ich war schon fast an der Oberen Neckarstraße, hörte ich hinter mir einen sich nähernden starken Atem. Gleich darauf sprach mich ein gut gekleideter Herr um die 60 an, der von mir den Verlauf der Sitzung hören wollte. Er käme aus dem Hohenlohischen und hätte mangels Ortskenntnisse die Sitzung verpasst, obgleich das Rathaus eigentlich nicht zu verfehlen ist. Ich berichtete ihm bereitwillig und sagte ihm, dass ich wegen meines Berichtes auf dieser Seite (WEGE DES DENKENS) mich heute dem Untersuchungsausschuss angeschlossen hätte. Er fragte dann, wer von der Polizei vorgetragen hätte. Da ich den Namen nie richtig verstanden hatte, mutmaßte ich vorsichtig einen Herrn "KOR", wie er in der Zeugenliste stand (KOR M.). Er klärte mich dann auf, dass KOR "Kriminaloberrat" hieße - also war er wohl selbst Kriminaler, denn wer weiß das sonst schon? Seine Zugehörigkeit zur Polizei beunruhigte mich aber weiter nicht, denn ich hatte mich dem Ausschussvorsitzenden per E-Mail selbst bekannt gemacht, der sich für meinen Bericht bedankte und mir die Tagungsordnung vom 4. Mai quasi als Einladung zuschicken ließ. Ich hoffe nur, dass ich nun nicht zum Kreis der Verdächtigen gehöre, hatte ich dem Herrn, der sich auf Nachfrage leicht erschreckt "vorläufig Reinhold" nannte, wegen meiner Vortragstätigkeit, für die er Interesse zeigte, doch meine Visitenkarte gegeben, damit er im Internet nachsehen könne. Vielleicht war der Herr aus Künzelsau, dem bei meiner Nachfrage nur schnell der Vorname des dortigen Schraubenmilliadärs Reinhold Würth eingefallen ist. Polizei weiterhin ratlos.

19. Oktober 2015: Im Untersuchungsausschuss kam heute heraus, dass Michéle Kiesewetter, die eigentlich an diesem Tag frei hatte, mit einem Kollegen und auf eigenen Wunsch aber nicht mit einer erkrankten Kollegin, wie bisher angenommen, den Dienst getauscht hatte und so zum Opfer wurde. Doch der Kollege hat über 8 Jahre lang den Ermittlern das nicht wissen lassen, "um nicht psychologisch behandelt zu werden", obgleich das für die Aufklärung der Zusammenhänge doch hätte wichtig sein können. Die Tauschgründen wären ihm auch nicht mehr bekannt. Der Fall wird immer noch mysteriöser, wobei auch hier die Polizei selbst das Problem ist. Die Ermittlungen wurde generell zu wenig ernst genommen. Jeder kochte sein eigenes Süppchen. Von einem Willen zur "Aufklärung" kann man da nicht sprechen.

9. Dezember 2015: Zschäpe lässt in München ihre Erklärung vorlesen. t-online.de, dpa: "In ihrer Erklärung äußerte sich Zschäpe auch zu dem rätselhaften Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter: Dabei soll es ausschließlich um die Dienstpistolen von Kiesewetter und deren Kollegen gegangen sein. Mundlos und Böhnhardt seien mit ihren eigenen Waffen unzufrieden gewesen. Zschäpe teilte mit, diese "unfassbare Antwort" habe sie selbst von Mundlos und Böhnhardt auf ihre Nachfrage erhalten. Sie sei fassungslos gewesen und habe auf die beiden Männer sogar eingeschlagen. Böhnhardt und Mundlos seien davon ausgegangen, dass sie auch Kiesewetters Kollegen getötet hätten." "Zschäpe bestritt, an dem Mord an Michèle Kiesewetter beteiligt gewesen zu sein." Der spontane Raub der Waffen (und anderer Gegenstände) ist m.E. auch das einzige plausible und das durch die Tat belegte Motiv. Unaufgeklärt bleibt, warum die Polizistin unbedingt an diesem Tag Dienst machen wollte. Das ist aber für den NSU-Fall nun auch nicht mehr wichtig. Tragisch ist auch das Schicksal ihres Kollegen, der schwer verwundet überlebte, "für den es der erste Einsatz nach der Polizeiausbildung war." Für die Thüringer Linke-Landtagsabgeordnete Katharina König, die wie Zschäpe aus Jena stammt, war die Aussage zum Fall Kiesewetter das einzig Verwertbare. "Das entzieht den Verschwörungstheoretikern rund um den Mord die Grundlage", sagte König.

Auch der Abschlussbericht des Landtags vom 15. Januar 2016 bezeichnet Michéle Kiesewetter (und ihren Kollegen Martin Arnold) zweifelsfrei als Zufallsopfer der NSU, was nach Sachlage auch nicht anderes möglich ist. Auch eine fehlende Spur ist eine Spur, die ernst zu nehmen ist, weshalb man endlich aufhören sollte, noch immer Helfer und Informanten zu vermuten. Man weiß doch: der NSU hatte bei seinen Taten nie Helfer, brauchte auch keine. Gerade dadurch konnte er über Jahre hinweg unerkannt bleiben! Und Aussagen von "Zeugen" in Heilbronn, welche die von ihnen beobachteten Personen nicht als Mundlos und Böhnhardt identifizieren konnten, sind wertlos und sonst nichts. Ich denke, der Überfall auf der Heilbronner Theresienwiese auf die beiden Streifenbeamten kann jetzt überhaupt als abgeschlossen angesehen werden, denn da es keine Zeugen gibt und Frau Zschäpe sich als am Mord "nicht beteiligt" bezeichnet, kann man auch von ihrer Seite mit keiner weiteren Aufklärung rechnen. Und ebensowenig wie man heraus bekommen hat, was das NSU-Trio in Heilbronn wollte, ebensowenig hat der Heilbronner Fall zur Aufklärung der Mordserie beigetragen, noch dazu, da hier nicht Ausländer die Opfer waren. Anschließend und wahrscheinlich auch als Abschluss für mich noch die beiden Pressemitteilungen des BW-Landtags:
"Untersuchungsausschuss „Rechtsterrorismus/NSU BW“ legt gemeinsamen Abschlussbericht vor
Stuttgart. Nach insgesamt 39 Sitzungen hat der Untersuchungsausschuss „Rechtsterrorismus/NSU BW“ seine Arbeit am Freitagvormittag, 15. Januar 2016, beendet. In einer sich anschließenden Pressekonferenz stellten der Vorsitzende des Gremiums, Landtagsvizepräsident Wolfgang Drexler MdL (SPD), und die Obleute aller vier Fraktionen den rund 1.000 Seiten umfassenden Abschlussbericht vor. Nicht nur der Sachbericht, sondern auch sämtliche Bewertungen und Handlungsempfehlungen sind einheitlich ausgefallen, ein Minderheitsvotum wurde nicht abgegeben. Dies stelle eine Besonderheit in der baden-württembergischen Parlamentsgeschichte dar, sagte Drexler."
- Neben dem Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses, dessen Online-Fassung aus Datenschutzgründen wie es heißt noch bis voraussichtlich März 2016 dauern wird, wären die Protokolle der (öffentlichen) Sitzungen bereits im Netz und über folgenden Link abrufbar: http://www.landtag-bw.de/cms/home/der-landtag/gremien/ausschusse/untersuchungsausschuss-rechtster.html

Presemitteilung vom 19. Februar 2016: "Sitzungsprotokolle des Untersuchungsausschusses „Rechtsterrorismus/NSU BW“ sind seit Freitag, 19. Februar 2016, veröffentlicht." "Neben den Protokollen wird auch der über 1.500 Seiten umfassende Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses auf der Internetseite des Landtags eingestellt werden. Allerdings müssen auch hier die Belange des Datenschutzes berücksichtigt werden. Aus diesem Grund werde die Erstellung der Online-Fassung des Berichtes noch bis voraussichtlich März 2016 dauern, führte Drexler aus." (Aus dem 15. Januar ist der 19. Februar 2016 als Zeitpunkt der Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle geworden, aus den zuerst gemeldeten 1.000 Seiten des Abschlussberichtes 1.500. Bei soviel Seiten verliert man leicht den Überblick.) Drexler: „Damit betreten wir ganz bewusst Neuland, um zu zeigen, wie sehr uns die Aufklärung und Information der Öffentlichkeit am Herzen liegt. Wir sehen uns unserem Auftrag und den Opfern und ihren Angehörigen verpflichtet, gegen Verunsicherung, gegen Angst, aber auch gegen Verschwörungstheorien möglichst umfassende Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu setzen. Auch wollen wir das Thema in der Öffentlichkeit wachhalten.“

Ein am 20. Juli 2016 vom Landtag eingesetzter zweiter NSU-Untersuchungsausschuss zur Rolle der Behörden, sieht den Fall Kiesewetter ebenfalls als abgeschlossen an und will sich mit ihm daher nicht befassen. Ob er sich daran hält? Das Thema ist doch wohl gerade für die Heilbronner Abgeordneten im Ausschuss zu interessant, soweit sie sich nicht in die hier aufgezeigten Fakten vertieft haben. Da aber wie zuvor schon MdL Wolfgang Drexler Vorsitzender des Ausschusses ist, wird er solche Fehlaktivitäten sicher zu bremsen wissen.


Intermezzo am Tatort
Bei diesen Volksfesten auf der Heilbronner Theresienwiese ist auch immer viel kriminelle Energie zugegen. Dolores wurde Jahre vor dem Mord an der Polizistin bei einem solchen Fest im Bierzelt bei Tisch bestohlen. Eine freundlich lächelnden Frau mittleren Alters nähert die sich ihr von hinten. (Ich saß Dolores gegenüber und konnte, im Gegensatz zu Dolores, sie sehen und hatte für einen Moment den Eindruck, sie wolle sich zu uns setzen.) Die Frau hat dann die auf der Bank neben Dolores liegende kleine Handtasche mit Geld und Schlüsseln sehr wahrscheinlich in dem Moment ansich genommen, als uns der grinsende blonde Ober vom anderen Tischende her die bestellte Maß in Wildwestmanier über die Tischplatte schoss und wir besorgt vor unerwünschtem Nass abgelenkt waren. Die Frau habe ich danach nicht mehr gesehen. Den Diebstahl bemerkte Dolores erst einige Minuten später. Wir konnten uns dann nicht des Eindrucks einer Zusammenarbeit beider erwehren (am Nachmittag waren im spärlich besuchten Festzelt keine weiteren Personen in der Nähe). Zwei Jahre später wurde am letzten Tag dieses Volksfestes nach Schluss sogar der Festwirt des Bierzeltes, zugleich der Organisator des Volksfestes überfallen und ausgeraubt. Seitdem meiden wir diese Heilbronner "Festlichkeiten", erst Recht seit dem Mord an Michéle Kiesewetter und dem Mordversuch an ihrem Kollegen Martin Arnold. - Würde ich in Heilbronn und in der Region einchließlich des Wasen in Stuttgart allerdings alle Geschäfte und Wirtschaften meiden, wo man mich oder Dolores beim Geldwechsel versucht hat zu betrügen (aber wie oft haben wir es nicht bemerkt?), wüsste ich immer weniger, wo wir hier noch hingehen könnten. In 50 Münchner Jahren ist mir das nicht ein einzigesmal passiert. (Zumindest habe ich nichts davon bemerkt.) Ich versuche das jetzt sportlich zu sehen, als eine Herausforderung, in meinen alten Tagen beim Bezahlen noch besser achtzugeben. Einige der versuchten Täuscher begegnen mir heute noch grinsend. Sie sehen es wohl auch sportlich.


Die nicht bemerkte Tragödie

Als mein Sohn Peter ca. 2 oder 3 Jahre alt war (wahrscheinlich eher 3), es muss also 1968 oder 1969 gewesen sein, besuchten wir von München aus an einem sonnigen Sonntag die Familie meines Schwagers auf ihrem Campingplatz am Pilsensee, einem Nebensee des Ammersees in Oberbayern. Dabei traf meine Frau zum erstenmal nach ihrer Scheidung 1953 auf Karl, ihren ersten Mann, der mit Schwager Rudi befreundet war, die Kriegskameraden waren. Die beiderseitige Verlegenheit der einstigen Eheleute wurde noch dadurch vergrößert, dass Karl seinerseits seine neue Frau dabei hatte, die wir noch nicht kannten. Man tastete sich allseits vorsichtig ab, um der unerwarteten Situation Herr zu werden. Bei dem Gespräch erwähnte Karl, dass er beim Bootsverleiher ein Tretboot reserviert habe. Als mein Sohn dies hörte rief er spontan: "Ich will auch mit!" Natürlich wollte meine Frau dann ebenfalls dabei sein und ich mochte Frau und Kind nicht allein lassen. Zudem versprach eine solche Bootsfahrt eine Entspannung der etwas peinlichen Situation. Nun waren wir nicht nur 4 Erwachsene, sondern auch 2 Kinder, weil der 11- bzw. 12-jährige Neffe Gerhard, dem Karl die Bootsfahrt wohl ursprünglich versprochen hatte, natürlich nicht ausgeschlossen werden konnte. Der Bootsverleiher, ein älterer Rentner, der sich beim Camping etwas dazu verdienen wollte, wies uns ein Boot zu und ließ uns einsteigen. Es war ein Rumpfboot und nicht eines der moderneren Tretboote mit Schwimmkörpern links und rechts, wo man auf einem Deck über dem Wasser sitzt. Karl und Gerhard strampelten vorn fleißig, um das Boot in Fahrt zu bringen, mit Karls Frau zwischern ihnen, während meine Frau und ich, unseren Sohn in der Mitte, auf der Rückbank saßen. Entgegen meinem Wunsch hielt Karl den Kurs mehr parallel zum Ufer, war also vorsichtig (er wusste wohl warum, ich aber nicht). Bald merkten wir, dass Wasser ins Boot eintrat. Es kam vermutlich durch das wohl etwas ausgeleierte Lager der Antriebswelle, weil das Gefährt zu tief im Wasser lag und so das wahrscheinlich undichte Lager unter die Wasserlinie gedrückt war. Mir kam der Verdacht, dass das Boot überladen sein könnte, doch konnte ich nirgends einen Hinweis auf seine zulässige Tragkraft finden. Während Karl das Boot zur Rückfahrt scharf in Richtung See wendete, geriet es in Schieflage, Wasser schwappte über die Bordwand und es sank innerhalb einer Minute. Meine Frau und ich, durch das eigentlich falsche Wendemanöver dem rettenden Ufer nun am nächsten, fassten wortlos unser Kind links und rechts unter die Arme, hoben es aus dem Wasser und bewegten uns in Richtung des Ufers. Dabei hatte ich sogar noch Bodenkontakt, so dass nichteinmal meine Mütze nass wurde, was ich hinterher bemerkenswert fand. Ich brauchte also nicht zu schwimmen, ruderte nur mit einem Arm vorwärts. So kamen wir nass aber entspannt am Ufer an, wo schon Zuschauer standen und uns heraushalfen. Mit uns selbst beschäftigt hatten wir aber nicht bemerkt, welche Tragödie sich hinter uns abspielte. Karls neue Frau, die Fanny, konnte nicht schwimmen! Und da sie relativ klein war, fand sie auch keinen Boden unter den Füßen und geriet in Panik, in der man alles falsch macht. Nach Auskunft meines Neffen wären wir vom Ufer weiter entfernt gewesen, als mir erinnerlich ist und er hätte als ausgebildeter Rettungsschwimmer Karl und Fanny retten müssen. Sicher ist, dass die übrigen 3 Bootsinsassen vom Ufer weiter weg waren als wir, vielleicht auch im tieferen Wasser, und ich glaube auch, dass Gerhard bei der Rettung von Karls Frau helfen musste. Fanny hatte in ihrer Panik wohl trotzdem schon zuviel Wasser geschluckt. Jedenfalls wurde der Rettungsdienst alarmiert, der sie mit Blaulicht in eine Klinik brachte. Karl machte uns später Vorwürfe, dass wir ihn bei der Bergung seiner Frau nicht unterstützt hätten. Aber erstens mussten wir unseren kleinen Sohn selbst retten und zweitens hatten wir deren Lage gar nicht bemerkt. Als wir im Trockenen standen und uns umsahen, war deren Situation für mich nicht dramatisch, weil ich wusste, dass man dort schon stehen kann, was aber vielleicht gar nicht ausprobiert worden war. Und wer kann denn auch ahnen, dass ein erwachsener Mensch in Deutschland nicht schwimmen kann? Ich finde ganz grundsätzlich: wer nicht schwimmen kann, soll auch keinen Wassersport betreiben. Meinem Sohn jedenfalls haben wir als verantwortliche Eltern noch vor dem 4. Lebensjahr das Schwimmen beigebracht.

Durch den Einsatz des Rettungsfahrzeugs und den Klinikaufenthalt wurde der ganze Vorfall amtlich. Der Bootsverleiher wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Gefährdung von Leib und Leben angeklagt, weil er die Überfüllung des Tretbootes nicht verhindert hatte. Es hätte ja leicht Tote geben können, vor allem wenn wir auf die Mitte des Sees zugesteuert wären. Zum Prozess wurden alle erwachsenen vier Beteiligten als Zeugen vor das Amtsgericht Starnberg geladen, wo sich der Rentner verteidigen musste. Bei meiner Befragung bemängelte ich gegenüber dem Richter ausdrücklich, dass am Boot kein m.E. vorgeschriebener Hinweis über die zulässige Personenzahl angebracht war, wie ich das von anderen bayerischen Seen her kannte, denn dann wären wir gewarnt gewesen und hätten selbst entscheiden können, wer alles mitfährt. Daraufhin wurde ich belehrt, dass es sich bei diesem See um einen Privatsee handele, für den eine solche Vorschrift nicht besteht. So blieb alle Verantwortung bei dem armen Rentner hängen, der vielleicht nichteinmal selbst über die zulässige Zahl der Bootsinsassen aufgeklärt worden war. (Heute denke ich, dass zur Vermeidung lebensgefährlicher Unglücke der Verwaltung von See und Booten die Anschaffung und Anbringung von Hinweisschildern dies Wert sein müsste, ob die paar Schildchen nun vorgeschrieben sind oder nicht.) Nach unserer Vernehmung erhielten wir das Zeugengeld ausgezahlt, das wir Vier, die einstigen Ehepartner mit ihren neuen, anschließend in einem Wienerwald in Hendl und Bier umsetzten, so dass die neue Bekanntschaft endlich entspannt und friedlich begossen werden konnte. Für uns war der Fall damit erledigt. Zu was der Bootsverleiher verurteilt wurde ist mir nicht bekannt.

Dilemma: Wären meine Frau und ich nicht mitgefahren, wäre das Boot wahrscheinlich nicht gesunken. Doch wäre es aus irgendeinen Grund gesunken, wer hätte dann unser Kind gerettet, wären die anderen Mitfahrer doch voll mit Fannys Rettung beschäftigt gewesen? Besser wäre auf jeden Fall gewesen, wenn wir selbst ein Boot gemietet hätten. Aber das Zusammentreffen war so überraschend und verwirrend, dass solch ein Gedanke gar nicht erst aufkam, zumal wir auch nicht gewarnt worden waren.

Wie bei fast allen zuvor geschilderten Fällen gab es auch bei diesem nach einiger Zeit noch einen Nachhall. Jahre später kam als Käufer einer Eigentumswohnung ein großer blonder, gut aussehender Mann mittleren Alters zur technischen Beratung zu mir ins Büro, der mir sofort bekannt vorkam. Ich sprach ihn daraufhin an. Ich weiß noch heute, was er mir sagte: "Das wäre aber gar nicht gut für Sie, wenn Sie mich kennen." Auf Nachfrage erklärte er mir, dass er Richter sei, und zwar am Amtsgericht in Starnberg. Da wurde mir klar, woher ich ihn kannte und ich konnte ihn beruhigen, dass ich keiner der Ganoven wäre, mit denen er oft zu tun hat, sondern dass ich Zeuge war in einem von ihm geführten Prozess. Sein Erinnerungsvermögen dazu mochte ich aber nicht bemühen, weil es bei seinem Besuch ja um sein Anliegen ging, auf das ich mich zu konzentrieren hatte.


Tod am Bau - ein Opfer für die NATO

Es muss Ende 1958 gewesen sein. Inzwischen hatte mich die Bayerische Staatsbauverwaltung zur Bauleitung des Deutschen Patentamtes versetzt. Obwohl es sich beim Patentamt mit Patentgericht um eine Bundesbehörde handelt, die normalerweise von den Finanzbauämtern baulich betreut werden, war hier der Bayerische Staat mit der Baumaßnahme beauftragt. Vielleicht war Bayern hier in Vorlage gegangen, um diese für die Zukunft wichtige ehemalige Berliner Behörde für München zu sichern. Zu bauen war noch der Erweiterungsbau mit Auslegehalle längs der Erhardtstraße gegenüber dem Deutschen Museum auf einem ehemaligen Kasernengelände. Das Hauptgebäude befindet sich daneben an der Zweibrückenstraße mit den beiden vergoldeten Halbkugeln des Otto von Guericke über dem Haupteingang. (Auf der südlich anschließenden Freifläche wurde Jahre später das Europäische Patentamt errichtet.)

Innerhalb des neuen Prüferblockes war nun in einer Außenecke ein besonderer Raum für die NATO-Patente zu schaffen. Dieser Raum war durch dicke Stahlbetondecken und -Wände zu sichern, wobei die Wände doppelt waren, mit einem Kontrollgang zwischen ihnen. Neben einem besonders druckfesten Beton B600 kam wohl auch ein besonderer Stahl zum Einsatz. Zudem musste alles in einem Stück gegossen werden, was natürlich nicht an einem Tag möglich war. Es ging auf den Winter zu und da war Eile geboten, um die Betonarbeiten noch vor dem Frost abzuschließen, mit dem man in München ab Mitte November rechnen musste. Als alles vorbereitet war und eine Nachtschicht anstand, wurde ich als Aufsicht bestimmt, da ich durch meine Arbeit für zwei Ingenieurbüros von den Kollegen die größte Erfahrung mit Stahlbeton hatte. (s. Bild auf L20 bei Abnahme der Bewehrung)

Es war dunkel, die Wände waren schon gegossen. Zu gießen war zu diesem Zeitpunkt noch die Decke des NATO-Raums. Hierbei galt es die Deckenschalung zu kontrollieren, denn durch ihre ungleichmäßige Belastung beim Einbringen des Betons konnte es zu Verwerfungen kommen, die ggf. ausgeglichen werden mussten. Die Baufirma hatte dazu einen Zimmermann beauftragt, der mit einer elektrischen Lampe in der Hand die Deckenschalung von unten kontrollierte. Es war in dieser Nacht nicht nur kühl, sondern auch regnerisch, so dass nicht nur wegen des durchsickernden Betonwassers es viel Nässe von oben gab. Trotz des großen Lärms der Rüttler wechselte ich mit dem Zimmermann einige Worte und begab mich dann wieder nach oben. Irgendwann in der Nacht wurde er tot am Boden liegend aufgefunden. Wie ermittelt wurde, hatte er durch einen Kabelschaden einen Stromschlag erlitten, war doch durch die Nässe das Kabel auch von außen leitend geworden. Ob der Bauleiter der ausführenden Firma zum Zeitpunkt der Auffindung der Leiche schon zugegen war oder erst herbeigerufen wurde, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls wurde er ausführlich auch von der Bauberufsgenossenschaft vernommen, die für die Sicherheit am Bau zuständig ist. Ich war nur Zeuge und denke, dass die Baufirma kein Verschulden traf, sondern dass vielleicht das Kabel der Lampe im Laufe der Nacht durch das lange Herumschleifen auf dem rauen Boden und/oder durch scharfe Kanten der Deckenstützen Schaden genommen hatte und die allgegenwärtige Nässe den Rest besorgte. Auf diese Weise wurde der brave Zimmermann ein Opfer der NATO und streifte mich die Politikgeschichte.

Man könnte zwar denken, dass Rüstungspatente am besten bei den Rüstungsfirmen selbst aufgehoben wären. Doch wegen der Konkurrenz unter ihnen war es eben doch nötig, sich Prioritäten zu sichern. Und da damals gerade in und um München die Hochtechnologie der Rüstung angesiedelt wurde, hatte man als Münchner dafür auch Verständnis. Ich konnte zwar nicht glauben, dass ein Agent jemals versuche würde durch Wände oder Decken in den Lagerraum der NATO-Patente zu gelangen, sondern stellt mir eher vor, dass er mit einem Aktenordner unter dem Arm und einer Ausrede auf den Lippen freundlich grüßend an der Aufsicht vorbei den Raum betreten und sich dort bedienen würde, wenn er nicht gleich selbst zur Aufsicht gehörte. Spätestens seit der Wende weiß man, dass die Ostspionage überall ihre Helfer und Sympathisanten hatte und auf brachiale Methoden nicht angewiesen war.

Wie auch schon bei den vorherigen Fallbeispielen gab es auch in diesem Fall Jahre später noch ein Echo. Nach Abschluss der Bauarbeiten für das Deutsche Patentamt wurde ich an die Bauleitung der Technischen Hochschule in München versetzt. Um die Einhaltung der Auflagen der Berufsgenossenschaft für die Sicherheit der Beschäftigten zu prüfen, meldete sich 1960 ein Herr bei mir an, der mit mir die Baupläne für den Neubau des Instituts für Elektrische Maschinen und Geräte durchgehen wollte (oder war es die benachbarte Hochvolthalle?), wobei es hauptsächlich um die Fluchtwege ging. Wie überrascht waren der Prüfer und ich, dass wir uns kannten, nämlich von der Patentsamtsbaustelle her. Er war der ehemalige Bauleiter der ausführenden Firma, ein freundlicher sympathischer Mann um die 40. Auf meine Frage, wieso er nun für die Berufsgenossenschaft arbeitet, sagte er mir, dass er deren Arbeit anlässlich des Unfalls kennen und schätzen gelernt habe. Ein solcher Posten ist auch sicher nicht so stressig, wie der eines vor dem Gesetz verantwortlichen Bauleiters, wo es auch mal Tote auf einer Baustelle geben kann, so dass er sicher eine gute Wahl getroffen hatte. Wir gingen dann die Pläne durch und fanden am Schluss dann doch etwas zu beanstanden, nämlich den unzureichenden Fluchtweg für die Werkstätten im Keller. Sicher hatte auch die Erinnerung an das Patentamtsunglück unser beider Sinn für Gefahren geschärft.



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