Ins Bodenlose denken lernen


Philosophische Sentenz des Monats Juni 2005 auf www.museumsart.de


Als auf den Boden des Planeten Erde lebende Wesen ist es für uns Menschen naheliegend und vernünftig, zu unserer Orientierung alle Bewegungen, also nicht nur unsere eigenen, auf dessen Oberfläche hin zu beziehen. So hatte sich auch ein geozentrisches Weltbild geformt, mit der Erde als Mittelpunkt aller Himmelsbewegungen. Als ein Akt der Vernunft hat sich in der Neuzeit das heliozentrische Weltbild mit der Sonne als Zentrum durchgesetzt, wobei auch gesehen wird, dass das Sonnensystem selbst nur ein zusammen mit vielen weiteren Sonnen um das Zentrum der Milchstraße kreisendes Untersystem ist. Das Denken aller Bewegungen in Bezug auf die Erde aber ist den Menschen weiterhin so selbstverständlich, dass sie z.B. Einsteins Aussage, dass nichts schneller als das Licht sein kann, auch für den Weltraum für sinnvoll halten, woraus sich die Schlussfolgerung ergeben hat, dass sich kein Raumfahrzeug schneller als mit Lichtgeschwindigkeit von der Erde entfernen kann, was einer Weltraumfahrt doch enge Grenzen setzen würde.

Es ist dieses ins Unterbewusste eingebrannte Bezugssystem Erde, das uns Einsteins pauschale Geschwindigkeitsaussage akzeptieren lässt, denn eine Geschwindigkeit als das (vom Beobachter hergestellte) Verhältnis von Weg zu Zeit, macht ohne einen realisierbaren Weg keinen Sinn.

Was also ist eine Geschwindigkeit im Weltraum zwischen den Sternen, wo es kein natürliches Bezugssystem gibt und der Bezug zur Erde, wenn überhaupt, nur im Denken von Menschen besteht, real aber nicht mehr existiert? Um das zu verstehen und um einst echte Weltraumfahrt betreiben zu können müssen wir erst lernen, ins Bodenlose zu denken - das Bodenlose ist aber genau das, was Menschen instinktiv fürchten, weshalb sie sich lieber an unsinnige Annahmen klammern. (s. I/C4)

Ob real oder geistig: immer bewegen wir uns nach in der Kindheit und Jugend eingeübten Mustern, die uns so selbstverständlich sind, dass wir sie in der Regel gar nicht bemerken. So ist eine Orientierung nicht etwas Abstraktes, überall Gültiges, sondern "Orientierung" als "Ostung" heißt schlicht, sich in Richtung des Sonnenaufgangs auszurichten, also nach Osten, wo die Sonne in Folge der Erdrotation morgens über den Horizont erscheint, und woraus sich für uns die drei übrigen Himmelrichtungen ergeben. Und wo sie im Laufe des Tages am höchsten steht ist für uns Süden. Wo aber ist im Weltraum Osten und Süden, wenn wir uns nicht mehr auf einer rotierenden Erde befinden? Wo ist oben und wo unten, wenn Menschen nicht mehr auf einen massereichen Körper stehen, der sie zu seinem Mittelpunkt hin anzieht? Wo ist Norden, wenn die Kompassnadel sich nicht mehr nach dem Magnetfeld der Erde ausrichten kann? Ebenso verliert der Begriff der Geschwindigkeit, als das Verhältnis von Weg zu Zeit jeden Sinn, wenn es kein nachvollziehbares Bezugssystem gibt, das eben auch nur ein Hilfsmittel des Beobachters ist, auch wenn er auf der Erde nicht nach ihm suchen muss. In den Weiten des Alls kann er seine Lage nur nach den Sternen und ggf. nach Planeten bestimmen, wenn er sich nicht in einer dichten Wolke kosmischen Staubs aufhält, aber vor Ort gibt es für ihn keine reale Wegstrecke, anhand der er eine Geschwindigkeit bestimmen könnte. Direkt erfahrbar ist für ihn nur die Eigenbeschleunigung als eine reale und nicht als eine gedachte Bewegung, die sich nur durch die Wahl eines Bezugspunkts ergibt und die daher als etwas rein Mentales - entgegen Einsteins Annahme - auch nichts bewirken kann. Bezugspunkte sind ja keine Frage der Wahrheit, sondern der Zweckmäßigkeit und daher beliebig, je nach Zweck. Soweit es nicht von eigenen oder fremden Kräften angetrieben wird, verharrt das Raumschiff einfach in seinem Zustand. Und ebenso halten es alle anderen Dinge, die es im Weltraum gibt. Auch das Licht folgt immer nur seinem ihm eingegebenen Impuls und der örtlichen Gravitation. Die Rolle des Beobachters bedenkend, ist dies für mich die einzige vernünftige Annahme. Mehr zu sagen halte ich nicht für möglich und nötig, denn, wie jedes andere tote Objekt, weiß das Licht weder etwas von Beobachtern, noch von deren Bezugssystemen und den durch sie hergestellten Relationen zwischen Dingen, noch hat es die Neigung, sich nach solchen Relationen auszurichten und so auch nicht das Problem, sich für einen von unterschiedlich schnellen Beobachtern entscheiden zu müssen, was für mich alles höchst lächerliche Vorstellungen sind, auch wenn das die offizielle Physik in einem falschen Positivismus, der nicht zwischen Mentalen und Realen, also zwischen Schein und Sein unterscheidet, nicht so sieht. Wenn wir als Erdenbürger glauben, generelle Geschwindigkeitsaussagen treffen zu können ohne einen Bezugspunkt nennen zu müssen, dann haben wir das seit unserer Geburt eingeübte Bezugssystem Erde im Hinterkopf, ohne dass wir uns darüber im Klaren sind. Einem Wissenschaftler dürfte das allerdings nicht passieren, da er ja "objektiv" sein sollte, d.h. bei allen seinen Aussagen sollte er sowohl die Prämissen seiner Urteile kennen und nennen, als auch seine eigene Rolle beim Wahrnehmen bedenken und darstellen, damit seine Aussagen nachvollziehbar sind. Die Nachvollziehbarkeit nämlich ist es, die das Wissen vom Glauben unterscheidet. Dieses Wissenschaffen kann jedoch nicht gelingen, wenn man von seiner Rolle als Beobachter nichts weiß und auch nichts wissen will, um nicht den scheinbar sicheren Boden eingeübter Denkmuster unter den Füßen zu verlieren. Wer die Prämissen seiner Urteile nicht kennt bleibt deren Gefangener – ein Leben lang.

© HILLE 2005


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