Was uns veranlaßt, eine Aussage für "wahr" zu halten

Eine neurophilosophische Untersuchung


veröffentlicht in der philosophischen Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" 1/1995
Langtext


Inhalt:
1. Grundlagen des Wissens
    a) Die Rolle des Gedächtnisses

    b) Die Autonomie des Lebendigen
2. Die Grenzen des Wissens
3. Wahrheit als Selbstreferenz
4. Die Welt mit der wir umgehen


1. Grundlagen des Wissens

a) Die Rolle des Gedächtnisses

Die über die chemische und energetische Koppelung mit dem Milieu hinausgehende Kommunikation eines Lebewesens beruht auf Sinneswahrnehmungen und Gedächtnis.

Persönliches Wissen ist jene Erfahrung, die abrufbar im Gedächtnis bleibt.

So ist ersteinmal alles Erkennen ein Wiedererkennen von Mustern. Das Gedächtnis vergleicht fortlaufend oder von Fall zu Fall wahrgenommene Muster mit gerade zuvor oder mit früher wahrgenommenen Mustern. Bemerkt es Abweichungen zwischen den Mustern, dann meldet es die Abweichung dem Bewußtsein durch das Aufmerksamkeit erheischende Alarmsignal "Bewegung!", weil eine aus dem Umfeld herausgehobene (Orts-)Veränderung einer Sache für den Beobachter Gefahr oder Beute bedeuten kann. Ohne den Abgleich von Mustern durch das Gedächtnis gäbe es für den Beobachter keine mit der (Orts-)Veränderung einhergehende Eigenschaft, die er "Bewegung" oder "beschleunigte Bewegung" nennen könnte, auch wenn es sich um aktive Zustände von Lebewesen oder Maschinen handeln würde. Ohne eine Vergleichsmöglichkeit sähen wir z. B. einen seinen Garten pflegenden Nachbarn, wüßten jedoch nicht, ob er sich gerade bewegt oder nicht oder ob er zwischen unseren Beobachtungen den Ort seiner Tätigkeit gewechselt hat, weil wir immer nur seine jeweilige Haltung und Position bemerken könnten. Und ohne Erinnerung hätten wir auch nicht die Möglichkeit, wechselnde oder auch gleichbleibende Bilder oder andere Wahrnehmungen mit den Begriffen "früher", "später" oder "jetzt" zu ordnen, d. h., wir hätten ohne Gedächtnis nicht nur keinen Bewegungs-, sondern auch keinen Zeitbegriff, der die "Ordnung des Nacheinanders" (Leibniz) ist!

Es ist also der kognitive Apparat, der - unabhängig von tatsächlichen Eigenschaften der Objekte, die er weder kennt noch zu kennen braucht - durch seine Mechanismen den Dingen spontan Eigenschaften gibt und sie in Ordnungen stellt, mit deren Hilfe der Träger des kognitiven Apparates mit seinem Milieu überlebensdienlich interagieren kann.

Unser Wissen ist daher nicht objektiv wahr, sondern auf unser Handeln bezogen und bezieht seine Wahrheiten aus dem Erfolg von Handlungen. Das ist auch in der Wissenschaft nicht anders! Auch die sog. "Verifizierung" einer Theorie durch Experimente beweist lediglich, daß sie brauchbar ist, denn das Experimentieren ist das Handeln des Wissenschaftlers. Theorien können daher niemals "wahr" in einem absoluten Sinne sein, sondern nur brauchbar, eingeschränkt brauchbar oder unbrauchbar sein. Wahr ist, was sich bewährt, was sicher nicht die schlechteste und meist auch ausreichende Art von Wahrheit ist, solange man sich ihrer Handlungsbezogenheit bewußt bleibt.

b) Die Autonomie des Lebendigen

Leben ist ein sich selbst schaffender, sich selbst erhaltender und - wie ich betone - auch ein auf sich selbst beziehender (selbstreferentieller) Prozeß, was Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela in ihrem Buch "Der Baum der Erkenntnis" mit ihrem Autopoiesekonzept (griech. autos = selbst; poiein = machen) dargestellt haben. Sie schreiben1): "Das Konzept der Autopoiese steht daher nicht im Widerspruch zu den bisher angesammelten Erkenntnissen; im Gegenteil, es lehnt sich ausdrücklich an sie an und schlägt explizit vor, diese Erkenntnisse aus einem spezifischen Blickwinkel zu interpretieren, der die Tatsache betont, daß Lebewesen autonome Einheiten sind." Diese Autonomie, die wir schon bei den Mechanismen des kognitiven Apparates kennengelernt haben, erstreckt sich über den gesamten Apparat bis hinein in unser Denken. Da die Außenwelt nicht sagt, was sie ist, und das denkende Individuum es von sich aus auch nicht wissen kann, beurteilt es sein Umfeld aufgrund seiner durch Versuch und Irrtum am Handlungserfolg entwickelten Erkenntnismechanismen - und das auf seine Bedürfnisse hin und in Analogie zu sich selbst, was die Quelle eines bis heute fortwirkenden Animismus und Biomorphismus ist. Zu diesem Animismus/Biomorphismus gehört eben auch, daß von toten Dingen so geredet wird, als ob sie lebten, so wenn man z. B. von physikalischen Körpern wie Erde, Mond und Sterne sagt, daß sie, wie Mensch und Tier, "ruhen" oder "sich bewegen", ohne daß eine solch verfehlte Analogie als unsinnig empfunden wird, weshalb sie, seit Aristoteles, in der Physik nichts wie Probleme und Irrtümer erzeugt. Es ist an der Zeit einzusehen, daß die Gegenstände der Physik über biomorphe Kategorien weit erhaben sind, weshalb die Physiker den Biomorphismus endlich abgelegen sollten.

Ebensowenig ist die Denk- und Sprechweise der Biologen ihrem Forschungsgegenstand angemessen, die seit Descartes Maschinentheorie der Tiere von einem physikalistischen Paradigma beherrscht werden. Beim Autopoiesekonzept von Maturana und Varela geht es daher nicht um neue Fakten, sondern um eine dem Lebendigen angemessene neue Sicht der in der Biologie gesammelten Fakten. Die Autoren versuchen Lebendiges nicht mehr analog mit der mechanischen Kategorie der "Anpassung" zu verstehen, sondern direkt, vom lebendigen Wesen her, mit der biologischen Kategorie der Autonomie. Sie stellen dar, daß Lebewesen von ihrem Milieu zwar Störungen (Perturbationen) erleiden, aber von ihm nicht determiniert werden: "es ist vielmehr die Struktur des Lebewesens, die determiniert, zu welchem Wandel es infolge der Perturbation in ihm kommt."2) Damit Selektion greifen kann, muß sich, vor aller Selektion, ersteinmal eine Varietät gesunder, lebensfähiger Individuen und Arten entwickeln, weshalb die Untersuchung des autonomen Organismus im Mittelpunkt biologischer und kognitiver Betrachtungen stehen muß. Erst das Ergebnis der Selektion erscheint dem Beobachter, in Analogie zu Vernunfthandlungen, als "Anpassung". Doch die Evolution selbst ist nicht anpasserisch, sondern sie entfaltet sich durch die Erprobung der den autopoietischen Systemen eigenen Ressourcen.

2. Die Grenzen des Wissens

Durch die schrittweise Überwindung analogen Denkens, bei Verwendung angemessener Kategorien, kommen Wissenschaftler in die Lage, jede Sache immer besser zu verstehen, ohne daß es dazu neuer Experimente und Tatsachen bedarf. Schon allein durch die bedachte Wahl der Sprache könnten so unsinnige Behauptungen und durch sie erzeugte Probleme vermieden werden, wie daß tote Dinge sich bewegen oder daß Chronometer die Zeit messen. Messen ist ein kognitiver Akt verstehender Wesen. Uhren geben nur Maße. Zur Sachgerechtheit von Überlegungen gehört es aber auch, sich - bei aller sprachlichen Annäherung an die Objekte des Denkens - bewußt zu bleiben, daß Objekte für sich gar keine Objekte mit objektiven Eigenschaften sind. Entweder haben wir es mit Subjekten als autonome Einheiten zu tun oder mit Sachen, die durch Unterscheidungen erst zu einem Objekt konstituiert werden, z. B. Berge als der sich erhebende Teil einer Landschaft. Ein Etwas wird erst durch sensorische, motorische oder mentale Operationen eines Subjekts zu einem Objekt. Und nur die dem Subjekt am Gegenstand seines Forschens möglichen Manipulationen, mit den realen oder gedachten Reaktionen des Manipulierten, sind der Inhalt seines Wissens, während das Subjektsein des Objekts, und ggf. auch sein unmanipulierter Zustand, sich dem Erkenntnisstreben entzieht.

Es führt letztlich kein Weg an der Einsicht vorbei, daß alle Erkenntnis, und sei sie noch so kritisch abgeklärt, an den Möglichkeiten ihrer Mittel ihr ganz natürliches Limit findet, was uns bereits von der Quantenmechanik demonstriert wurde. Bei ihr steht die Unschärferelation für das, was wir nicht erforschen können: das spezifisch Individuelle, hier: der genaue Zustand eines Teilchens. Aber viel entscheidender ist noch, daß der Mensch, wie jede Kreatur, nur innerhalb des kognitiven Rahmens, den die Evolution in ihm angelegt hat, ein Verständnis entwickeln kann. Diesen Rahmen nenne ich die Verständnisfähigkeit des Lebewesens. Wirklich sachlich kann nur sein und bleiben, wer die Grenzen seiner Mittel und seiner Verständnisfähigkeit sieht. Nur dadurch vermeidet er die Verhältnisse verfälschende Illusionen.

3. Wahrheit als Selbstreferenz

Da ich nicht sehe, wie jemand sich außerhalb des Rahmens seiner Verständnisfähigkeit geistig bewegen kann, bleibt zu klären, warum Menschen ihre Urteile trotzdem am Wahrheitsbegriff festmachen, der die Übereinstimmung von Urteilen mit objektiven Sachverhalten zu suggerieren scheint, die aber nur von einem Standpunkt oberhalb der Subjekt-Objekt-Ebene beurteilt werden könnte, den aber niemand einzunehmen vermag. Wenn man aber weiß, daß lebende Systeme auch kognitiv autonom, d.h. selbstreferentiell sind, dann ist klar, daß der Grund der Wahrheitsempfindung nicht in einer äußeren, sondern in einer inneren Übereinstimmung zu suchen ist. Ich bin überzeugt, daß die Antwort mit dem dualen Konzept unserer beiden Gehirnhälften zu tun hat. Nach den Erkenntnissen der Hirnforscher ist die linke Gehirnhemisphäre Sitz unserer analytischen Fähigkeiten. Sie hat es also mit Bewußtsein, Denken und Sprechen zu tun. Sie ist zuständig für die Objektebene mit ihren Oberflächen- und Zeitstrukturen. Die rechte Hirnhemisphäre dagegen ist Sitz der kontemplativen Fähigkeiten. Sie hat es mit dem Unbewußten zu tun, das sich uns durch Gefühle zeigt. Sie ist zuständig für die Metaebene mit ihren Tiefen- und Raumstrukturen3). Unsere Verständnisfähigkeit muß demnach auf der rechten Hälfte beruhen, um deren Ausdruck sich die linke bemüht. Das Nachdenken ist dadurch ein innerer Dialog zwischen dem ganzheitlichen unartikuliertem Daseinsverständnis der rechten Hemisphäre und seinem artikulierten Ausdruck durch die linke Hemisphäre. Meine These lautet:

Wenn wir auf eine Artikulierung stoßen, die das unartikulierte Daseinsverständnis in geglückter Weise deutlich zu machen scheint, dann sind wir geneigt, sie mit dem Prädikat "wahr" zu belegen.

Hierzu finden wir einen Hinweis bei Descartes in seiner "Dritten Meditation" unter Pkt. 2: "Somit darf ich als allgemeine Regel festsetzen, daß alles wahr ist, was ich ganz klar und deutlich auffasse."4) Der Eindruck von Wahrheit entsteht durch das Transparentwerden von Sachverhalten durch Artikulation. Das bewußt gewordene Verständnis einer Sache gilt solange, wie bisher nicht bedachten Sachverhalte auftauchen, d. h. in das Bewußtsein gelangen, durch die das bisher Für-wahr-Gehaltene zweifelhaft bis irrtümlich erscheint. Wer an seinen Kenntnissen arbeitet macht die Erfahrung, daß Irren menschlich ist.

Die Wahrheit oder Gewißheit einer Aussage beruht nicht auf ihrer Übereinstimmung mit äußeren Sachverhalten, sondern auf der scheinbaren Übereinstimmung von Aussage und nonverbalem Verständnis, die sich als Evidenz zu erkennen gibt.

So wäre es immer das unartikulierte Daseinsverständnis auf das hin Menschen ihre Aussagen machen. Wenn Ausdrücke gebraucht werden wie "in Wirklichkeit", "tatsächlich", "offensichtlich", "in Wahrheit" usw., haben sie die Überzeugung, die "wirklichen" Verhältnisse klar vor Augen zu haben und sich auf sie zu beziehen - doch als autopoietisches System beziehen sie sich selbstreferentiell mit ihrer Rede immer auf ihr Verständnis von Wirklichkeit, von dem ihnen Teile mehr oder weniger klar und deutlich geworden zu sein scheinen und sie können sich nie ganz sicher sein, einen letztgültigen Ausdruck gefunden zu haben.

Wären Aussagen unabhängig von menschlicher Verständigkeit wahr, dann könnten sie nie zu Irrtümern werden! Wenn man dies einmal begriffen hat, dann kommt es einem fast banal vor zu sagen, daß die Rede eines Menschen nur sein Sach-Verständnis wiedergeben kann und nicht die Sache selbst, denn es wird doch niemand bestreiten können, daß wir ohne Verständnis einer Sache über sie nur eine unverständige bis unverständliche Rede führen könnten, weshalb kluge Menschen in solchen Fällen sich des Kommentars enthalten. Wenn es Erkenntnis außerhalb der Verständnisfähigkeit geben könnte, dann hätte es keiner Evolution des Gehirns bedurft und niemand brauchte in die Schulen des Lebens und der Wissenschaft zu gehen! Wer, trotz aller Hinweise, von der Verständnisunabhängigkeit seiner Rede überzeugt ist, führt aus Mangel an Objekt- und Selbst-Verständnis eine unverständige Rede, während derjenige, der seine Grenzen bedenkt, seine Verständigkeit noch erhöht. Diese erhöhte Verständigkeit ist die Grundlage der Weisheit. Es ist eben die Verständigkeit, auf die es bei der "Wahrheit" einer Erkenntnis ankommt und aus der wir nicht ausbrechen können. Selbst vom Sachverständigen, der vor Gericht sein Gutachten abgibt, erwartet man nicht den Besitz einer abgeschlossenen objektiven Wahrheit, sondern lediglich, daß er mit dem letzten Stand wissenschaftlicher Erkenntnis vertraut ist. Das genügt dem Gericht in seiner Weisheit, um ihn, ggf. unter Eid, verpflichten zu können "die Wahrheit und nicht als die Wahrheit" zu sagen. Auch für ihn gilt:

Wahrheit, ist der letzte Stand der Erkenntnis, das, was festzustehen scheint.

Doch über das, was der letzte Stand ist, läßt sich vortrefflich streiten, besonders dann, wenn man als Parteien-Gutachter ein Interesse an Verunklarung von belastenden Sachverhalten hat.

4. Die Welt mit der wir umgehen

Auch die sog. Irrtumserkenntnis ist, wie die sog. Wahrheitserkenntnis, nur eine Station auf dem Wege des sich erhellenden (oder auch verdunkelnden) Bewußtseins.

Erkenntnis ist ein durch Sprache in das Bewußtsein gehobenes und ausformuliertes Verständnis.

Das unartikulierte Verständnis von Welt ist der subsumierte Extrakt der in der Lebensgeschichte unter den Bedingungen des kognitiven Apparates gemachten und abgelegten Daseinserfahrung, getragen von den Erwartungen und Ängsten des Individuums. Daseinsverständnis bildet sich aus dem, was den Wechselfällen des Lebens widersteht und so zu einer Konstante wird. In ihr wird das Bewährte bewahrt und so zur Basis einer personalen Wahrheit auf die wir beim Sprechen referieren. Das solchermaßen gebildete Weltverständnis ist die Welt mit der wir umgehen und auf die wir uns mental und verbal beziehen. Und indem wir in unseren Urteilen auf unsere gesamte Lebenserfahrung und/oder auf in der Stammesgeschichte erworbenes Wissen und damit auf die Geschichte des Lebens selbst referieren, haben wir eine wesentlich zuverlässigere und überlebensdienlichere Grundlage, als wenn wir auf eine momentane und punktuelle und vielleicht nur zufällige Übereinstimmungen von Urteilen mit objektiven Sachverhalten angewiesen wären. Wahrheit als "objektive Erkenntnis" ist nicht nur eine Illusion, sondern wäre auch sicher ein Flop, weshalb wir dieser Illusion den Abschied geben und keine Träne nachweinen sollten. Mit einer verständigen Erkenntnis sind wir allemal besser bedient. Daher sollten wir sie uns von keinem Illusionisten in seinem reinen Streben und blinden Eifer ausreden lassen, um nicht zuletzt mit leeren Händen dazustehen, auch wenn wir ihr gegenüber immer kritisch bleiben müssen, was gerade das Anliegen dieser Schrift ist.

Wahrheit ist personal, d. h. an die Verständigkeit einer Person gebunden. Auch mit der intersubjektiven Wahrheit einer sich verständigenden Gruppe, z. B. von Wissenschaftlern, können sich diese nicht aus ihrer Verantwortung für den Inhalt ihrer Aussagen befreien. Die Person haftet daher gerade nicht nur für die sog. Irrtümer, sondern auch für die sog. Wahrheiten, die sie ausspricht. Genau dieser unbequeme Umstand macht den Unterschied zwischen Offenbarungsglaube und Wissenschaft, der in der Wissenschaft, durch den Glauben an die Intersubjektivität und an Autoritäten, z. B. an geistig angeblich nicht einholbare Genies, immer in Gefahr ist, verwischt zu werden. "Wir müssen die Verantwortung für unsere Auffassungen selbst übernehmen und die Entscheidung für ihre Aufgabe oder Beibehaltung treffen, ohne uns dabei auf eine dem Diskurs übergeordnete Instanz (von der Wirklichkeit über den Standpunkt der Wissenschaft bis hin zur idealen Sprechsituation) berufen zu können" (Josef Mitterer5)). Mitterer zeigt, gewissermaßen als ein experimentum crucis, daß bei der sog. "Tatsachenprüfung" eine Aussage, z. B. über das Material eines bestimmten Tisches, von dem die Rede ist, nicht an den Tatsachen scheitert, sondern an der durch die Prüfung gewonnenen neuen Bewertung der Tatsachen: "Über die Wahrheit oder Falschheit der ersten Beschreibung wird von der zweiten Tischbeschreibung aus entschieden, die als wahr vorausgesetzt wird."6) Daher bleibt jeder für seine Auffassungen verantwortlich. Die Welt, die wir kennen, ist also nicht einmal "die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge"7) wie Wittgenstein vermeintlich schon sehr erkenntniskritisch im Tractatus sagte (Satz 1.1), sondern:

Die Welt, die wir kennen, ist die Gesamtheit unseres Verständnisses von Tatsachen, also eine bewertete Wechselwirkungswelt. (Evaluierter Realismus)

Und nur mit dieser bewerteten Welt pflegen wir Umgang - darum finden wir uns ihr so leichtfüßig zurecht! Dabei ist unser Verständnis nur zu einem kleineren Teil ein artikuliertes Verständnis, das eine weitere Differenzierung ermöglicht. Meistens verhalten wir uns spontan-intuitiv aus einem in der eigenen und der Gesamtgeschichte des Lebens erworbenen unartikulierten, ganzheitlichen Verständnis heraus, das als vorrationale Erkenntnisquelle auch unsere Mitgeschöpfe besitzen. (Für das Handeln nach einem Wissen, das den momentan bewußten Erkenntnisstand übersteigt, glaubt Rupert Sheldrake die Einflüsterungen "morphogenetischer Felder" bemühen zu müssen, was die Theologen freut, die sie prompt als den "Geist Gottes" identifizieren, der schon immer über den Wassern schwebte (1. Mose 1,2) der aber, in dem hier anstehenden Kontext, auch nur eine Metapher für die unbewußte Summe phylo- und ontogenetischen Wissens ist.) Das in den Kreaturen angelegte unbewußte ganzheitliche Wissen wird durch die Ratio lediglich ausgewertet, was zu akzeptieren jenen Rationalisten schwerfällt, die in ihrem verkürzten Verständnis die Autonomie des Lebendigen für eine Autonomie der Ratio halten, die aber ohne das unbewußte Wissen keine Basis hätte. Hier hat eine evolutionäre Erkenntniskritische Theorie noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten! Ein kritischer Rationalist wäre für mich einer, der sich seines evolutionären Erbes bewußt ist und mit ihm kritisch umzugehen weiß und daraus die Freiheit seines Denkens und die Kraft seiner kritischen Gedanken gewinnt. Erst eine aus der Erkenntnis der Grundlagen kommende erhöhte Verständigkeit sorgt für jene Weisheit, die die höchste Stufe einer personalen, an der Verständigkeit ausgerichteten Wahrheit ist, ohne die Kritik und Philosophie nicht gelingen kann. Bei Maturana und Varela liest sich dieses Problem gegen Schluß ihres Buches "Der Baum der Erkenntnis" so (Betonung im Original)8): "Der Kern aller Schwierigkeiten, mit denen wir uns konfrontiert sehen, ist unser Verkennen des Erkennens, unser Nicht-Wissen um das Wissen.... Blind für die Transzendenz unseres Tuns, verwechseln wir das Bild, dem wir entsprechen möchten, mit dem Sein, das wir tatsächlich hervorbringen. Dies ist ein Irrtum, den nur das Erkennen des Erkennens korrigieren kann." Der Mangel der Erkenntnis des Erkennens wiegt um so schwerer, als dadurch der kognitive Wert der Aussagen aller Wissenschaften unabgeklärt bleibt. Ich denke, das ist auch nach Maturanas und Varelas verdienstvollem Buch noch so, haben die Autoren doch, getreu dem Untertitel ihres Buches, vor allem "die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens" aufgezeigt, aus dem der Baum der Erkenntnis sich speist. Es fehlt darin, neben der Darstellung der Erkenntnismechanismen, das kritische Herzstück jeder Erkenntnislehre, an dem sich ihre Brauchbarkeit erweisen muß: die Beantwortung der Frage, was Menschen veranlaßt, eine Aussage für "wahr" zu halten. Ich hoffe, daß ich hier, mit Hilfe der Gehirnforschung, eine Idee darstellen konnte, wie ein solches Herzstück aussehen könnte.

Wer der Idee der Selbstreferenz die Idee einer absoluten oder zumindest objektiven Wahrheit entgegen halten möchte, müßte zeigen, a) worin sie besteht und b) durch welche Instanz wir in ihren Besitz gekommen sind und ggf. c), wie wir uns eine der Gesamtgeschichte des Lebens überlegene Instanz auf naturwissenschaftlicher Basis zu denken haben.

Literatur:
1)Humberto R. Maturana/Francisco J. Varela, "Der Baum der Erkenntnis - Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens", Goldmann Verlag 10/92, S.55
2)wie 1) S.106
3)nach Johannes Holler "Das neue Gehirn", Verlag Bruno Martin, aber auch nach 1)
4)René Descartes "Meditationen über die Erste Philosophie", Reclam
5)Josef Mitterer in "Abschied von der Wahrheit", Delfin XI 23, S.28
6)wie 5) S.27 unten
7)Ludwig Wittgenstein "Tractatus logico-philosophicus", Suhrkamp
8)wie 1) S.268
© HILLE 1995

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