2 Buchbesprechungen

Die Eigen-Mächtigkeit des Gehirns

Gerhard Roth
Das Gehirn und seine Wirklichkeit
Aus der Sicht des Gehirns


"Aus der Sicht des Gehirns" veröffentlicht in der philosophischen Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" 2/2009


"Was Naturwissenschaftler bestenfalls tun können,
ist ein Gebäude von Aussagen zu errichten,
das hinsichtlich der empirischen Daten und seiner logischen Struktur
für eine bestimmte Zeitspanne ein Maximum an Konsistenz aufweist."

Gerhard Roth

Gerhard Roth/Das Gehirn und seine Wirklichkeit
Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1915, 383 Seiten, € 13,50

Vorwort
In Debatten zur Neurobiologie und Kognitionsforschung wird man früher oder später unweigerlich auf den Namen des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth treffen. Deshalb denke ich ist es an der Zeit, sich mit Aussagen von ihm auseinander zu setzen. Dazu hatte ich mir Roths Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" gekauft. Einerseits musste ich dabei zu meinem Bedauern feststellen, dass es bereits 1994 erstmals aufgelegt wurde, mit Aktualisierungen anlässlich der 5. Auflage von 1996, welche die gekaufte Taschenbuchausgabe unverändert wiedergibt. Andererseits betrifft es den Wissensstand der von Präsident George Bush zum Ende des Jahrhunderts ausgerufenen "decade of the brain" zur Halbzeit dieser Dekade, die Anlass zahlreicher Zwischenbilanzen war, so auch der von Pöppel/Edingshaus "Geheimnisvoller Kosmos Gehirn", mit der sich mein Text (II/7) befasst, der mit "Das Gehirn und sein Ich" überschrieben ist. Letztlich hatte ich mich auch wegen der Ähnlichkeit mit meinem Titel für dieses Buch entschieden, so dass ich jetzt evtl. eine direkte Vergleichsmöglichkeit habe. (Siehe ferner meine Besprechung von Wolf Singers Buch "Der Beobachter im Gehirn" auf (III/4), 5. Text, dessen Aufsätze im Wesentlichen auch aus diesem Zeitraum stammen).

Über die Schwierigkeit, das Gehirn zu verstehen  Seite 15 - 25
Meine Grunderkenntnis, dass das Gehirn zwangsläufig ein interpretierendes Organ ist, wird von Roth eingangs wie folgt angesprochen: "Das Gehirn kann zwar über seine Sinnesorgane durch die Umwelt erregt werden, diese Erregungen enthalten jedoch keine bedeutungshaften und verläßlichen Informationen über die Umwelt. Vielmehr muß das Gehirn über den Vergleich und die Kombination von sensorischen Elementarereignissen Bedeutungen erzeugen und diese Bedeutungen anhand interner Kriterien und des Vorwissens überprüfen. Dies sind die Bausteine der Wirklichkeit [mit der wir umgehen]. Die Wirklichkeit in der ich lebe, ist ein Konstrukt des Gehirns." (S.21) Daraus ergibt sich für Roth die berechtigte Frage: "Welchen Wahrheitsanspruch haben aber wissenschaftliche Aussagen von Hirnforschern über die Funktionsweise und die Leistungen des Gehirns, wenn diese von den Konstruktions- und Funktionsbedingungen des Gehirns selbst abhängen? Ist meine Theorie genauso ein subjektives Konstrukt wie alles andere?" (S.23) Roth will im Laufe seines Buches "einen Ausweg aus dieser 'verteufelten' Situation vorschlagen, und zwar im Rahmen der Kombination zweier Ansätze, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben ... nämlich den Ansatz des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus und den eines nicht-reduktionistischen Physikalismus." (S.23) Als Hirnforscher geht er natürlich zuerst von den physikalischen Gegebenheiten aus, die jedoch der Interpretation unterliegen, weshalb diese erkenntnistheoretisch hinterfragt werden muss, will man nicht auf Grund unabgeklärter Prämissen argumentieren. Für mich besteht die "Kombination" in der Verbindung von Hirnforschung und philosophischen Fragestellungen, die Neurophilosophie, womit schon klar ist, dass beide Ansätze - der wissenschaftliche und der philosophische - sehr wohl miteinander zu tun haben. Bei Roth wie bei mir ist es die Aufgabe des Gehirns, das Überleben seines Trägers in seiner Mitwelt zu ermöglichen, weshalb von dieser Aufgabe auszugehen ist. "Dies letztere garantiert, daß die von Gehirn erzeugten Konstrukte nicht willkürlich sind, auch wenn sie die Welt nicht abbilden." (S.23) Weil es eben für das Überleben nicht auf die Abbildung ankommt, sondern auf die überlebenswichtige Information, die jedoch vom Gehirn aus Daten erst erzeugt werden muss - und das möglichst effizient! Denn nur solche Gehirne haben mit ihren Trägern überlebt, die zweckmäßige Dateninterpretationen ausreichend schnell erzeugen konnten. Diese Erzeugung hat zwar in der physikalischen Ebene ihre Entsprechungen, die mehr oder weniger erforscht werden können, doch schafft sie unvermeidlich eine neue Ebene der Verknüpfung ausgewählter Daten, die emergent ist und die sich der physikalischen Beschreibung zwangsläufig entzieht und die zuerst einmal einfach akzeptiert werden muss.* Auch das Leben ist nicht auf seine physikalische Vorgänge reduzierbar, weil Leben eben die Organisation der physikalischen Vorgänge ist mit dem Ziel der Reproduktion seiner selbst, während physikalische Gegenstände keinerlei Ziel haben. Roth: "Beide Bereiche (Gehirnforschung und Erkenntnistheorie) bedingen sich gegenseitig, und keiner ist dem anderen vorgeordnet." (S.24) Mal sehen, ob Roth wirklich einen nichtreduktionistischen Physikalismus vertritt. Auf alle Fälle denke ich, dass jeder Forscher schon vor aller Forschung ein Forschungsziel hat und die Vorstellung, wie er dieses erreichen kann und das beide durchaus irrig sein können und daher unter Revisionsvorbehalt gestellt werden müssen. Und Erkenntnistheorien wurden schon ausgiebig diskutiert, als es noch keinerlei Hirnforschung gab. Es gibt also eine natürliche und historische Vorrangigkeit zwischen beiden Bereichen, wobei ich jedoch Roths "Meinung" teile, die er auf Seite 24 wie folgt formuliert: "Ich vertrete dabei die Meinung, daß eine philosophische Erkenntnistheorie nicht ohne empirische Basis auskommen kann, genausowenig wie empirisches Forschen ohne erkenntnistheoretische Grundlagen möglich ist."**
*dagegen ist sie aber durchaus analysierbar - s. hierzu insbesondere (III/3) "Das Verstehen des Verstehens"
**s. hierzu mein gleichsinniges Vorwort zur Wissenschaftstheorie auf (I/A1)

"Die Antworten kommen bereits vor den Fragen"
Forschung findet selten aus reiner Neugier statt, sondern soll eher der Bestätigung vorhandener Konzepte dienen. Insofern gibt es die Antworten bereits vor den Fragen, wenn nicht streng ergebnisoffen geforscht wird. Ist dies nicht der Fall, wie jetzt wieder bei der Gravitationswellenforschung, die eine These Einsteins bestätigen soll und sonst nichts, dann bricht die Forschung dort ab, wo sie den Anschein des Beweises zu erbringen glaubt, ohne die These selbst zu hinterfragen oder nach alternativen Deutungen der Fakten Ausschau zu halten. Eine solche Forschung erweitert also nicht menschliches Wissen, sondern verhärtet nur ein bestehendes Dogma, würgt Neugier also ab. So auch in der Hirnforschung. "Das Dogma des Neuronenkonzeptes wird als ausreichend betrachtet, menschliches und tierisches Verhalten zu erklären. Dabei wird mit erstaunlicher Selbstsicherheit der Bezug auf bewußtes Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Erinnern oder bewußtes Verhalten vermieden..." (Ernst Florey und Olaf Breidbach, zitiert auf S.16). Dazu Roth: "Die Beantwortung der Frage, inwieweit wir das Gehirn vom neurobiologischen Standpunkt aus bereits erklären können, hängt wesentlich davon ab, was wir unter 'erklären' verstehen." Jetzt kommen also philosophische Fragestellungen ins Spiel: Soll nur ein von Neuronen gesteuertes Verhalten erforscht werden oder sollen auch mentale Prozesse verständlich gemacht oder gar die Frage beantwortet werden, aufgrund welcher neuronalen Voraussetzungen Menschen Aussagen für "wahr" halten, womit wir dann mitten in der Philosophie wären. Für den Leser meiner Seiten lautet bekanntlich meine neurophilosophische Antwort darauf: "Wenn wir das Gefühl haben, dass das von der linken Hirnhemisphäre explizit Formulierte mit dem von der rechten Hirnhemisphäre implizit Gewussten übereinstimmt, halten wir eine solche Aussage für wahr." Man kann aber auch im Umkehrschluss schlicht sagen: Etwas für "wahr" halten zu wollen, von dem man nichts weiß oder was sich nicht als logische Folgerung von etwas Gewussten ergibt, wäre absurd, - abgesehen davon, dass wir uns geistig immer nur innerhalb der vom Gehirn gegebenen Wirklichkeit bewegen können, was eigentlich eine Selbst-Verständlichkeit ist, wäre nicht unser Erleben ein völlig anderes. Die Fähigkeit, sich in der Wahrnehmung selbst total ausblenden zu können, gehört für mich zur Eigen-Mächtigkeit des Gehirns, die auch bei Roth das Thema ist.

Vormerkung: So wie gesagt werden muss, was unter "erklären" zu verstehen ist, muss auch gesagt werden, was unter "Ich" zu verstehen ist: ist es nur das "ich" sagende Bewusstsein, dann ist es nämlich nicht frei, weil der eigentliche Verstehensprozess zumeist unbewusst abläuft, ist doch das Gehirn ein rational arbeitendes Organ. Sieht man jedoch den Körper einschließlich seines Gehirns und seines Ich-Bewusstseins als zu EINER Person gehörig an, so bleibt sie nur solange der Gefangene der vom Gehirn erzeugten Plausibilitäten, wie sie sich blindlings auf sie verlässt, statt sie zu hinterfragen, besonders nach den Prämissen von Urteilen. Sich auf eingeübte Denkmuster nicht einfach zu verlassen, gehört Mut, so wie zur Übernahme von Verantwortung Mut gehört. Beides hat mit dem zu tun, was Perikles sagte: "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." Zur Person gehört also auch der Wille - wenn sie denn einen solchen hat.

© HILLE 2005
30.08.05 einige Nachbesserungen und die Vormerkung (im Sommerloch und im Einsteinjahr noch nicht zum Weiterlesen gekommen) - Juli 2008: Da wegen weitgehender Übereinstimmung Roth mich kaum zum Widerspruch reizt, fehlte mir und fehlt mir zum Weiterlesen der Antrieb. Ein Manko ist auch die schon eingangs erwähnte fehlende Aktualität des Buches. So bestünde Gefahr, dass ich mich mit evtl. bereits überholten Positionen des Autors auseinandersetze.

zu Roth s. auch die nachfolgende Datei (II/15) "Autismus als Forschungsgebiet"


nachfolgender Text veröffentlicht in der philosophischen Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" 2/2009

Gerhard Roth/Aus der Sicht des Gehirns
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1275, 243 Seiten, € 10,00

"Die Meister lehren,
eine andere sei die Kraft, vermöge deren das Auge sieht,
eine andere die Kraft, vermöge deren es erkennt, was es sieht."
Meister Eckhart

"Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt."
Lichtenberg (1742-1799)

Klappentext: "Die Fortschritte der Hirnforschung zwingen zum Überdenken traditioneller Auffassungen über die Natur des Geistes, die Rolle des Bewusstseins, die Macht von Verstand und Vernunft und die Existenz von Willensfreiheit."

Als mir Amazon mitteilte, dass es von Gerhard Roth eine 2008 "vollständig überarbeitete Neuauflage" seines 2003 erstmalig erschienen Buches "Aus der Sicht des Gehirns" gibt, habe ich es gleich bestellt, weil ich mich mit dem aktuellen Wissensstand der Gehirnforschung bekannt machen wollte. Anlass für Roths Überarbeitung war "die heftig geführte Diskussion um die Willensfreiheit", bei der sich Roth nicht richtig verstanden fühlte, wollte er sie doch keineswegs generell bestreiten. Es kann ja nicht sein, dass man das Unbewusste vom Menschen abspaltet (ohne dies zu thematisieren!), weil das Hirn als sein rationales Organ schon Urteile generiert hat, bevor sie bewusst werden, was bereits Lichtenberg vor über 200 Jahren bemerkt hatte ("es denkt"). In der Auseinandersetzung mit einem Philosophen und einer Strafrechtlerin und bei genauerem Nachdenken hat Roth sich nun dem Standpunkt David Humes angeschlossen, dass unser Wille frei ist, wenn wir uns dabei ohne Zwang selbst verwirklichen, denn es gilt bei der Determination des Willens (wie bei aller Determination, z.B. in der Physik) die Eigen- von der Fremdbestimmung zu unterscheiden. Der Mensch ist eben nur einer und sein Unbewusstes ein wesentlicher Teil von ihm. Zugleich aber fordert Roth eine Neudefinition des Schuldbegriffs, unter Berücksichtigung der nun vorliegenden Erkenntnisse der Neurobiologie und Psychologie.

Aber es ist auch die Absicht von Roth, die durch die Diskussion um die Willensfreiheit zu wenig beachteten weiteren "zum Teil bahnbrechenden Erkenntnisse der Hirnforschung und benachbarter Disziplinen" mit seinem Buch vorzustellen, z.B. die Erforschung der neurobiologischen Grundlagen von Bewusstseinszuständen, wird doch allgemein beklagt, dass wir über die Entstehung des Bewusstseins zu wenig wissen. Aber ganz generell geht es Roth um die Entwicklung der Persönlichkeit unter dem Einfluss der Gene, der Umwelt, frühkindlicher Erfahrungen, der Sozialisation und der Entwicklung kognitiver Denk-, Entscheidungs- und Kommunikationsmuster, woran man schon erkennt, dass es sich "um eine zutiefst interdisziplinäre Forschung handelt," deren Ergebnisse hier vorgestellt werden. Ich denke, dass diese Interdisziplinarität ein wesentliches Anliegen von Gerhard Roth ist, die sich auch in der Ausgewogenheit seiner Darstellung zeigt, die ich schon bei seinen Auftritten im Fernsehen bemerkte, weshalb ich ja von ihm auch etwas lesen wollte.

Über "Eine kleine Hirnkunde", die Ichwahrnehmung und die "Merkwürdigkeiten der Raumwahrnehmung" beschreibt dann Roth, wie aus der Sicht des Hirnforschers das Gehirn die Welt konstruiert. Bei dem Zusammenspiel von Hirnarealen hat die Hirnforschung inzwischen große Fortschritte gemacht und aufgezeigt, dass unser Gehirn ein höchst aktives Organ ist, auch wenn wir von seiner Aktivität nichts merken, wenn uns nicht gerade blitzartig eine Idee überfällt. "Die scheinbare Stabilität unserer Welt ist in Wirklichkeit ein höchst kompliziertes Konstrukt, allerdings eines, das völlig unbewusst entworfen wird." Es ist also nicht so, wie ein anderer bekannter Hirnforscher zur Rettung der Objektivität getan hat, dass die fertigen Informationen draußen frei herumliefen und nur aufgenommen werden müssten, sondern das wir nur völlig wertfreie Daten empfangen, die ohne ihre Interpretation durch das Gehirn für uns keine Bedeutung hätten. Wo sollten sie denn auch herkommen? Letztlich ist das Gehirn unser rationales Organ, das verstehen will und deshalb nach Ursachen und Absichten fragt, wobei es aber unvermeidlich nur mit Plausibilitäten arbeiten kann. Wahr ist ihm dann, was sich bewährt.

Im Kapitel 4 "Wahrnehmung: Abbild oder Konstruktion?" befasst sich Roth mit der uralten Fragen nach dem Wahrheitsgehalt unserer Wahrnehmungen. Bereits im Altertum und im Zeitalter der Aufklärung hat man zwischen primären und sekundären Eigenschaften der Dinge unterschieden. Letztere sind solche, die vom Gehirn erst erzeugt werden, die jedoch für das Lebewesen äußerst nützlich sind, denn sonst hätte sich die aufwändige Fähigkeit, sie zu erzeugen, in der Evolution nicht ausgebildet. Die am besten untersuchte sekundäre Eigenschaft der Dinge ist ihre Farbigkeit, weshalb Roth, wie schon andere Hirnforscher vor ihm, mit ihr beginnt und sie ausgiebig bespricht. Man kann sagen, zur deutlicheren Abgrenzung unterschiedlicher Helligkeiten von Stoffen hat das Gehirn unterschiedliche Wellenlängen des Lichts unterschiedliche Farben zugeordnet, wobei es sich drei verschiedener Arten von Rezeptoren in der Netzhaut des Auges bedient, den Zäpfchen. Dabei ist die Farbwahrnehmung keinesfalls eine Einszueins-Zuordnung von Wellenlängen zu Zapfentypen, sondern "es kommt beim Wahrnehmen einer Farbe auf das jeweilige Verhältnis der Erregung unterschiedlicher Zapfentypen an." Das aber zeigt für mich die Arbeitsweise des Gehirns überhaupt: unterschiedliche Erregungen verschiedener Areale des Gehirns werden gegeneinander ausgespielt und die, welche am meisten von anderen verstärkt wird, setzt sich durch. Es gibt eben kein objektives sondern nur ein plausibles Wissen, das mittels vorhandener Kriterien erwägt wird, so wie jeder Mensch und jedes Gericht dies beim Urteilen tun. Das Gehirn ist unsere Waage der Welt, die nicht hintergehbar ist. Roth nennt diese Sicht einen "realistischen Konstruktivismus", der überhaupt nichts Willkürliches hat, weil den Wahrnehmungen ein "objektiver Kernbestand" zugrundeliegt, "ohne den die sensorischen Anpassungsleistungen gar nicht erklärlich wären." Trotzdem: "Unser visuelles System konstruiert in beiden Fällen etwas, das gar nicht vorhanden ist. Deshalb können Farbwahrnehmungen und Bewegungswahrnehmungen wie viele andere Wahrnehmungsinhalte keine Kopie realer Gegebenheiten sein." Klugheit ist es eben, beim naturwissenschaftlichen Theoretisieren die Eigen-Mächtigkeit des Gehirns ins Kalkül zu stellen, will man sich nicht zu seinem Narren machen. Menschliche Wahrnehmungen sind auf ein zweckdienliches Handeln in der Welt ausgerichtet und nicht auf eine zweckfreie "objektive" Erkenntnis, denn es kommt für das Überleben eben auf die Zweckmäßigkeit von Handlungen an und nicht auf die Korrektheit eines wertneutralen Weltbildes, wie Roth betont. Oder wie ein Aphorismus von Günther Faust lautet: "Ob es uns gefällt oder nicht: wir alle sind die Nachkommen von Opportunisten." Nichtopportunes Verhalten fällt auf Dauer durch das Raster der Evolution.

Wie Roth zeigt, kann die Rolle des Gedächtnisses und des vorhandenen Wissens in allen Wahrnehmungen nicht überschätzt werden. Ohne das Gedächtnis hätten wir nur durch unsere Sinne hereinkommende unverbundene Momentaufnahmen der Welt, wie ich hier ergänze. Erst das Gedächtnis macht aus unzähligen Einzelbildern durch deren Speicherung, Verknüpfung und Überlappung die bewegte zeitliche Welt, die wir kennen und in der wir uns orientieren, und die uns nicht zuletzt Musik und Sprache und damit unser Menschsein schenkt, hörten wir anderenfalls doch nur einzelne Laute ohne Zusammenhang. Unsere kontinuierliche Welt ist also ein Konstrukt des Gehirns, wie Roth betont. Und erst das vorhandene bewusste und unbewusste Wissen verleiht diesen Wahrnehmungen die Bedeutungen, auf die wir angewiesen sind, würden wir doch sonst nur verständnislos glotzen. Um diese Bedeutungen geht es bei Roth wenn er schreibt: "Wie schlimm es tatsächlich ist, kein Gedächtnis zu haben, erleben wir erst, wenn nahe Angehörige nach einem schweren Unfall einen Gedächtnisverlust, eine Amnesie, haben oder wenn sie an der Alzheimer'schen Altersdemenz leiden", obwohl die Sinne zumeist noch gut funktionieren. Die Gehirnforschung unterscheidet dabei vielerlei Arten von Gedächtnis, angefangen vom deklarativen Gedächtnis, über das autobiographische Gedächtnis bis hin zum Fertigkeitsgedächtnis usw. usf., wobei jedes noch Untergedächtnisse hat. Und bei dieser Abhängigkeit soll es keine Rolle des Beobachters in seinen Wahrnehmungen geben? Alle Erkenntnis ist relativ zu dem Erkenntnismitteln, ohne die wir nämlich gar keine hätten, so wie es ohne Gedächtnis keine geistige Tätigkeit gibt, wie dies zur Zeit der an Alsheimer erkrankte Rhetoriker und Philologe Walter Jens und seine Familie auf besonders tragische Weise erfahren.

Kapitel 7 "Geist und Gehirn" behandelt, von was es abhängt, dass Bewusstsein entsteht, nämlich durch Aktivitäten der assoziativen Areale der Großhirnrinde, während alle Hirnaktivitäten außerhalb von ihr "grundsätzlich unbewusst sind." Vom Empfang wertneutraler Daten durch die Sinne bis zum Aufscheinen ihrer Bedeutung im Bewusstsein kann bei komplexen Wahrnehmungsinhalten eine Sekunde vergehen, was Roth "einen vergleichsweise langsamen Prozess" nennt. Aber es ist eben ein Prozess der Umsetzung von Daten zu Informationen zum Nutzen des Hirnbesitzers und kein bloßes Abbilden, denn ein uninterpretiertes Abbild wäre uns so fremd wie das Original und somit nutzlos. Kapitel 7 ist für Philosophen wahrscheinlich dass interessanteste Kapitel, weil es sich eben mit der Entstehung von Geist und Bewusstsein befasst, wobei für Roth die neuronale Forschung gezeigt hat, "dass Geist und Bewusstsein Zustände sind, die sich in das physikalisch-physiologische Geschehen einfügen und es nicht übersteigen, wie der Dualismus meinte." Für wichtig halte ich aber auch Roths weitere Feststellung, dass bei aller Einfügung "eine partielle Eigengesetzlichkeit von Geist und Bewusstsein" existiert. Durch die Verbindung objektiver, durch die Sinne hereinkommender Daten mit einem auf Effizienz ausgerichteten neuronalen Netzwerk entsteht emergent eine neu Ebene des Daseins, die der Information, die sowohl zweckdienliches als auch zweckfreies Handeln des Individuums ermöglicht. Nur wenn wir uns der unvermeidlichen Eigen-Art dieser Informationsebene bewusst sind, können wir sowohl uns selbst, als auch die Andersartigkeit der übrigen Welt verstehen und einen angemessenen Umgang mit ihr pflegen.

Über das Ich, über die Entstehung der Gefühle, über Krankheiten des Gehirns, über die Rolle des Unbewussten, über das Verhältnis von Verstand und Gefühl, über die große Bedeutung des limbischen Systems usw. berichten die Kapitel 8 und 9, während das völlig neu geschrieben Kapitel 10 sich mit dem vieldiskutierten Problem des Willensfreiheit auseinandersetzt. Kapitel 11 berichtet "Über die letzten Dinge" aus der Sicht der Gehirnforschung. Last but not least setzt sich das 12. Kapitel mit der Wahrheitsfrage auseinander, insbesondere der von wissenschaftlichen Aussagen. Ein Kriterium für Roth ist die "Anschlussfähigkeit" von Begriffen an ein "umfassenderes Begriffssystem", will man denn verstehen, was gemeint ist. Dabei stellt er fest: "Natürlich ist eine völlige Durchgängigkeit naturwissenschaftlicher Begriffe ein Ideal und oft nicht durchführbar." Ein weiteres wissenschaftliches Wahrheitskriterium ist ihm die generelle Überprüfbarkeit von Aussagen, anderenfalls sie nicht wahrheitsfähig sind, was Popper ihre "Falsifizierbarkeit" nannte. Doch Vorsicht! "Sinnliche Wahrnehmungen sind allerdings nicht immer verlässlich, ... Aufgrund ihrer hohen Konstruktivität gibt es keine Schlüsse von einer Wahrnehmung auf ein tatsächliches Geschehen." Eine unangenehme Feststellung für jene, die sich allzu gern auf den Augenschein verlassen, der eben nur ein Schein aber kein Sein ist, um das es die Wissenschaft eigentlich gehen müsste. Und: "Über das Ausmaß, in dem Erwartungen und Vorwissen unsere aktuelle Wahrnehmung bestimmen, lassen sich Bände füllen." Und auch noch: "Was Messinstrumente und naturwissenschaftliche Verfahren trotz alledem nicht leisten können, ist die Enthüllung objektiver, d.h. vom menschlichen Denken unabhängiger Wahrheiten", denn die genannten sind ja einzig Instrumente seines Geistes. Messinstrumente zeigen nur an. Erst bei ihrer Ablesung durch einen sachkundigen Menschen entsteht ein quantitatives Wissen, denn alles Wissen ist geistiger Art. Wie schon Zeilinger in einem seiner Bücher zur Quantenphysik, wünscht sich Roth eine Theorie des Verstehens, die zu einen Brückenschlag zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften führt. Und zum Schluss zu: "es bleibt die fundamentale Erkenntnis des Konstruktivismus, dass Wissenschaft selbstreferentiell ist." Weil eben das Gehirn notwendig selbstreferentiell ist*, wie Roth selber zeigt. Doch ausdrücklich sagen tut er dies leider nicht, wie ich überhaupt bei ihm einige wichtige Schlussfolgerungen vermisse. Er schließt jedoch mit den beiden Feststellungen: "Wenn wir am Begriff der Wahrheit festhalten wollen, dann kann es nur >>maximale Glaubwürdigkeit in einer bestimmten Zeitspanne<< bedeuten." "Das gilt natürlich auch für alles, was in diesem Buch dargestellt wurde." - Zum Buch gehören eine umfangreiche Liste weiterführender Literatur sowie ein Namens- und ein Sachregister.

Statt "Aus der Sicht des Gehirns" könnte das Buch auch "aus der Sicht des Gehirns von Gerhard Roth" heißen. Doch habe ich zu seiner Sicht viel Vertrauen, weil Roth sowohl sehr kenntnisreich schreibt, als auch um interdisziplinär ausgewogene Urteile bemüht ist und keine überzogenen Wahrheitsansprüche erhebt. Auch sehe ich bei ihm keine ideologischen und zeitgeistigen Macken, wie ich sie bei anderen Hirnforschern antraf. Und es zählt zu seiner wissenschaftlichen Solidität als Naturwissenschaftler, dass er bei generellen Aussagen eher zurückhaltend ist. So bleiben diese die Aufgabe der Neurophilosophie. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der an solchen Fragen interessiert ist und nicht vor Desillusionen zurückschreckt.

© HILLE 2009
Bemerkung zu Walter Jens vom Mai 2010

zum Thema s. auch meinen Vortrag "Die Natur des Wissens verstehen" auf ZEIT UND SEIN Nr. (2) der Tagungsbeiträge

*Nachtrag vom August 2010: Die Hemisphärenorganisation des Gehirns ist das Zeichen dafür, dass Lebewesen im Dialog mit sich selbst stehende selbstreferentielle Systeme sind. Wenn wir das Gefühl haben, dass verbaler Ausdruck der linken Hirnhälfte und implizites Wissen der rechten Hirnhälfte im Gleichgewicht sind, sind wir geneigt, eine Aussage für "wahr" zu halten. Auf diese Weise ist das Gehirn mit seinen 2 Hemisphären "Die Waage der Welt". Es gibt keine andere! Näheres s. die gleichnamige Datei (III/7).

Zu einer Theorie des Verstehens ist WEGE DES DENKENS gewissermaßen eine Materialsammlung, mit einer ersten Zusammenfassung in der Datei (II/10) "Die Subjektivität meistern", dann detaillierter in (III/3) "Das Verstehen des Verstehens". Eine für die Wissenschaft spezielle Zusammenstellung ist mein DPG-Vortrag von 2008 "Der Humanfaktor in der Wissenschaft", abgelegt in ZEIT UND SEIN als Nr. (6) der Tagungsbeiträge. Ich denke daher, dass der Untertitel von WEGE DES DENKENS: "Eine Expedition in das Innere des Verstandes" zu Recht besteht.



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