Die wirkliche Weisheit des Schamanen



Der Schamane eines Indianerstammes hatte den Glauben an seine hellseherischen Fähigkeiten schon früh verloren. Als er eines Tages von den Stammesangehörigen gefragt wurde, wie der nächste Winter wird, sagte er daher vorsichtshalber, um sie nicht zu ent-täuschen und nicht zu gefährden: "Das wird ein sehr langer und harter Winter." Aufgeschreckt rannten die Indianer daraufhin los und fingen an, Holz zu sammeln. Eine Woche später packte dem Schamanen das schlechte Gewissen und er ging zum Wetteramt der nächsten Stadt, um sich Gewißheit zu verschaffen. Auf seine Frage, wie der kommende Winter wird, sagten ihm die Fachleute dort: "Das wird ein sehr langer und harter Winter." Der Schamane erleichtert: "Gut, und woher wissen Sie das?" - "Wie wir bemerkt haben, sammeln die Indianer jetzt schon fleißig Holz."

Und es wurde tatsächlich ein ungewöhnlich langer und harter Winter. In Unkenntnis des wahren Sachverhalts sahen sich die Wissenschaftler des Wetteramts in ihrer prognostischen Methode "glänzend bestätigt" und sonnen sich seither in ihrem damaligen Erfolg. Und der Schamane galt bei seinem Leuten, und bald auch darüber hinaus, als genial und weise. Dabei hatten beide nur Glück gehabt! Mit weiterhin Glück und Schläue erfüllte der Medizinmann noch viele Jahre seine ihm zugedachte Rolle nach seinen Möglichkeiten. So sagte er diplomatisch, z.B. wenn jemand ihn fragte, ob sich die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne "bewegt", weil er es entweder selber nicht wußte oder weil er immer niemand ent-täuschen wollte, denn es ist ja stets leichter Irrtümer zu bedienen, als sie aufzuklären: "Das ist relativ", denn das war seine orakelhafte Lieblingsvokabel. Und indem er mit schwammigen Begriffen, wie "relativ", "äquivalent" oder "entsprechend", entweder Gegensätzliches gelten ließ oder umgekehrt Ungleiches für irgendwie gleich "erklärte" (denn in seinem Herzen war er Sozialist), konnte die Forschung ergeben was sie wollte: der Schamane hatte scheinbar immer irgendwo recht. "Raffiniert ist der Herrgott", sagte er. Doch er war es auch. So lernte er, daß zumindest bei ihm die Popularität die Summe der Mißverständnisse ist.

Als es mit ihm zu Ende ging schrieb er zur Erleichterung seines Gewissens seinem Jugendfreund: "... Sie stellen es sich so vor, dass ich mit stiller Befriedigung auf ein Lebenswerk zurückschaue. Aber es ist ganz anders von der Nähe gesehen. Da ist kein einziger Begriff, von dem ich überzeugt wäre, dass er standhalten wird, und ich fühle mich unsicher, ob ich überhaupt auf dem rechten Wege bin ..." * Das zeigt, daß er wirklich ein Weiser geworden war, denn alle Weisheit beginnt mit der Einsicht in das eigene Nichtwissen. Sie läßt den Menschen sensibel werden, sowohl gegenüber dem Gesprochenen, als auch gegenüber dem, was sich allen Worten entzieht - und er fängt an zu verstehen.**
*so auch A. Einstein, Worte in Zeit und Raum, Herder Freiburg-Basel-Wien 1991, S.127 (letztes Zitat = soviel wie letztes Wort!)
**bis hierher am 5. Juni 2017 auf der EUT2017 in Neu-Ulm beim Bunten Abend vorgetragen, am Ende viel Beifall - s. Bild (mit Einstein-Shirt)


Foto: Wolf-Jürgen Weber / Unitarier
Anlass s. ZEIT UND SEIN Tagungsbeitrag (9)
spontane Schlussansage: "Ich hoffe, Sie haben mich auch verstanden!"

Aber an solchen desillusionierenden Altersweisheiten Einsteins waren seine treuen Anhänger natürlich nicht interessiert, hatten sie doch den Ruhm ihres Idols und seine "Erklärungen" mangels eigener Ideen längst für ihre Zwecke vereinnahmt. Und solange es noch Zeitgenossen gibt, auf deren "unendliche Dummheit" sie sich verlassen können, werden sie wohl nicht aufhören, ihr Idol und seine frühen "Weisheiten" zu loben, damit für ihre "Forschungen" und Veröffentlichungen Steuergelder und Buchtantiemen weiterhin reichlich fließen. Es sei denn, ihr gelehrtes Reden über Dinge, die es nicht gibt, und ihr Pseudoforschen wird ihnen oder nachwachsenden Generationen eines Tages selber zu dumm und sie wollen endlich einmal etwas Ernsthaftes, geistig Befriedigierendes machen. Oder man dreht ihnen einfach den Geldhahn zu! Kann man also noch hoffen?



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