I/A. Wissenschaftstheorie

Philosophie und Naturwissenschaft im Dialog zusammenführen

Wie hilfreich ist (dabei) die Wissenschaftstheorie?


auch Vortrag auf der 75. Frühjahrstagung der DPG März 2011 im Karlsruher Institut für Technologie (KIT) FV MP 22.1* **

*War unter dem Titel "Wie hilfreich ist die Wissenschaftstheorie?" angemeldet. Eingereichter Kurztext für FV MP s. hier.
Wurde einschließlich der beiden Kopfzitate aber ohne die beiden letzten Absätze vorgetragen. (vermerkt)
**Alle "Vorträge auf Tagungen der DPG" und die verwendeten DPG-Kürzel s. unter "Publikat./Vorträge" im linken Menue, 3. Block

"Wer nichts als Chemie versteht, der versteht auch die nicht recht."
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Physiker
"Da können Sie jede Wissenschaft einsetzen."
Ulrich Joost, Literaturwissenschaftler TU Darmstadt
(Fundstelle: Physik Journal Nov. 2007, S. 26)

Meine langjährige Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen hat mir gezeigt, dass der Mensch mit der Wissenschaft überfordert ist, weshalb er sich auch bei ihr auf das Machbare beschränkt, ohne sein Tun wirklich zu verstehen. Wichtig ist ihm nur, was dabei herauskommt. Soweit ihm seine Begrenztheit bewusst ist und er sie in sein Kalkül stellt, ist er "weise" zu nennen, auch wenn es sich dabei natürlich nur um eine begrenzte Weisheit handelt. Es muss jedoch in der Öffentlichkeit eine Bereitschaft bestehen, solch weise Selbstbeschränkungen des Wahrheitsanspruches zu akzeptieren, andernfalls die Autoren versucht sind, ihre Sicht der Dinge im Lichte absoluter Gewissheit darzustellen, um das Fließen von Forschungsgeldern und Buchtantiemen sicherzustellen, soweit es sich nicht bei ihren Verlautbarungen einfach um Standpunkte handelt, die sie zu rechtfertigen versuchen.

Es erhebt sich gleich die Frage, ob die Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, die sich jeweils nur mit einem beschränkten Forschungskomplex befassen, überhaupt in der Lage sind, die subjektiven Bedingungen ihres Forschens und seiner Verlautbarungen zu bedenken, was eigentlich die Aufgabe der Philosophie wäre. Dass es heute eine zwischen Philosophie und Wissenschaft stehende Wissenschaftstheorie gibt, zeigt m.E. das Versagen der Philosophen, die meinen, sich um die Naturwissenschaften nicht kümmern zu müssen, was zu dem Begriff der "beiden Kulturen" - der geisteswissenschaftlich orientierten und der naturwissenschaftlich orientierten - geführt hat, die sich wegen ihrer unterschiedlichen Auffassungen von Wahrheit gegenseitig weitgehend ignorieren (s. C.P.Snow: The Two Cultures). Ich jedoch meine, dass weder Weisheit ohne Wissen, noch Wissen ohne Weisheit gelingen kann, weshalb es darauf ankommt, beide - Philosophie und Naturwissenschaft - ohne gegenseitigen Vereinnahmungsversuch im Dialog zusammenzuführen. Der Fehler der meisten Philosophen ist, dass sie den Menschen als ein abstraktes Wesen ohne Lebensbezug behandeln. Der Fehler der Wissenschaftstheoretiker und der Vertreter wissenschaftlicher Erkenntnistheorien und der Hirnforschung ist, dass sie ihre Aussagen aus und mit der Forschung selber begründen wollen und daher notwendig zu unkritisch sind, weil es ihnen an einem außerhalb ihres Fachgebiets liegenden Standpunkt fehlt, von dem aus sie die Voraussetzungen ihres Tuns und Urteilens kritisch zu hinterfragen vermögen. Erst die Verbindung von Hirnforschung und Philosophie - die Neurophilosophie - schafft eine Basis, auf der beide ihre Aussagen abgleichen und sich neue Impulse geben können. Daher gehört für mich die Zukunft der Erkenntnistheorie der Neurophilosophie.

Im Zeitalter der analytischen Philosophie, da sich Philosophen mit der Sprache und deren Produkten, als dem positiv Gegebenen, befassen, und nicht mit dem Sinn des Gesagten (auch wenn dieses Paradigma jetzt im Ausklingen ist), ist es nur konsequent, dass die Wissenschaftstheoretiker sich positiv an den Produkten der Naturwissenschaft als das ihnen Gegebene orientieren, wie es z. B. der "wissenschaftstheoretische Strukturalismus" tut, ohne nach der Sinnhaftigkeit wissenschaftlicher Aussagen zu fragen. Einer ihrer Vertreter, C. Ulises Moulines (Uni München) als Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Wolfgang Stegmüller, schreibt dazu*: "In der traditionellen Wissenschaftstheorie ist es üblich, Sätze oder Aussagen als grundlegende Entitäten zu betrachten. Bei der strukturalistischen Wissenschaftstheorie treten an deren Stelle verschiedene Arten von Strukturen als nicht-propositionale (= nicht-inhaltliche) Einheiten. Wissenschaftliche Theorien werden entsprechend als bestimmte Komplexe, die sich aus verschiedenen Strukturtypen zusammensetzen verstanden." Der wissenschaftstheoretische Strukturalismus sieht also wie die analytische Philosophie von den Inhalten ab und versteht sich als "eine Metatheorie der Wissenschaft", die "als solche auch getestet werden muss."
* veröffentlicht in "Information Philosophie im Internet"

Ich denke, zu den Grundmängeln des wissenschaftstheoretischen Strukturalismus gehört, von Inhalten abzusehen und "wissenschaftliche Theorien" als Standard der Wissenschaft zu behandeln. Dabei ist der Theoriebegriff recht eigentlich erst durch Albert Einsteins "Relativitätstheorie" in das allgemeine Bewusstsein gerückt worden und jetzt wird vereinfachend jede Lehre als "Theorie" bezeichnet. Doch die von den Wissenschaftstheoretikern so gern zum Exempel in der Gegenüberstellung zur Relativitätstheorie benutzte klassische Mechanik Newtons und die Quantenmechanik Heisenbergs sind mitnichten Theorien, sondern Handlungsanweisungen zu einem möglichst objektiven Umgang mit einem bestimmten Kanon von Fakten. Während Newton es ausdrücklich abgelehnt hatte, über "Ursache und Sitz der Kräfte" zu spekulieren - "hypotheses non fingo" war sein Grundsatz - und sinngemäß auch Heisenberg und Bohr in ihrer moderat positivistischen Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik, war es gerade Einsteins Anliegen, theoretisierend hinter die Erscheinungen schauen zu wollen, was ja bis heute seine Faszination ausmacht. In Vorlesungen führender Wissenschaftstheoretiker bei der Bewerbung um den vakant gewordenen Lehrstuhl Stegmüllers in München, der dann Moulines erhielt, zeigte sich, dass keiner von ihnen wusste, warum Newtons Vorgehen sich über die Jahrhunderte weg bewährt hatte oder warum die Quantenmechanik so erfolgreich ist, was doch so wichtig aufzuklären wäre, um daran anknüpfen zu können. Das herauszufinden wäre m.E. die Aufgabe der Wissenschaftstheorie, wenn sie denn nicht nur theoretisieren sondern etwas zum Verständnis bringen will. Mein von mir verehrter Philosophieprofessor Jan Berg von der TU München, bei dem ich vier Semester "Philosophiegeschichte in Hinblick auf die Wissenschaftsgeschichte" hörte, bemerkte einmal lächelnd in Bezug auf Stegmüllers Lehrstuhl, dass den Naturwissenschaftlern gleichgültig ist, was dort gelehrt wird. Das ist bei so viel Blindheit gegenüber der ausgeklammerten aber dringend zu klärenden Frage, was über ihre Struktur hinaus die Wissenschaftlichkeit einer Aussage ausmacht, auch kein Wunder. Darum wird es auch weiterhin "Forscher" geben, die mit in den Orbit geschossenen Atomuhren die Zeit "messen" wollen (s. Text I/B9), obwohl die physikalische Größe "Zeit" der Maßstab des Messens ist, nämlich der der Dauer, der - wie alle physikalischen Größen und ihre Einheiten - in nationalen und internationalen Fachgremien festgelegt werden muss, der also in Normblättern und nicht zwischen Himmel und Erde zu finden ist*. Leistet der wissenschaftstheoretische Strukturalismus hier Aufklärungsarbeit oder nimmt er solches Pseudoforschen ernst und hin? Ich fürchte letzteres, obwohl für die Erkenntnis, dass zur Bestimmung von Maßstäben und ihren Einheiten Bureaus of Standard zuständig sind, in Deutschland der DIN-Ausschuss für Einheiten und Formelgrößen (AEF), es doch wahrlich keiner intellektuellen Großtat bedarf, sondern ein einfaches Wissen genügt, das aber offensichtlich nicht vermittelt wird. Und ganz wichtig: Wer sich an bestehenden Theorien (oder was er dafür hält) ausrichtet, statt sie zu hinterfragen, trägt zu ihrer Zementierung bei, ob sie nun richtig oder falsch sind, und somit nicht zuverlässig zum Fortschritt der Wissenschaft, um den es doch gehen müsste.
*Bei diesen "Forschern" muss ich unwillkürlich an die Bürger von Schilda denken, die mit dem Lichtphänomen auch schon ihre Probleme hatten und versuchten, das Tageslicht in Säcke einzufangen, um es in ihr neues Rathaus zu tragen, bei dem sie die Fenster vergessen hatten. Doch Vorsicht! Narreteien werden uns ja nicht nur zur Belustigung berichtet, sondern auch zur Warnung, bei allem Tun ebenso kritisch wie selbstkritisch zu sein und nicht im blinden Eifer irgendwelchen unabgeklärten Parolen zu folgen.

Das "Münchhausentrilemma", das auch der "kritische Rationalismus" nicht aufzulösen vermochten, besagt, dass die Suche nach einer Letztbegründung nicht zum Ziel führen würde, da ja auch diese begründet sein müsste. Es ergäbe sich dadurch ein unendlicher Regress von Begründungen, sofern man nicht dogmatisch bei einer Halt macht oder einem Zirkelschluss unterliegen würde (was bewiesen werden soll, wird vorausgesetzt). Bei dieser Argumentation wird übersehen, dass es Sätze gibt, die in sich selbst verständlich sind, die weder einer Begründung bedürfen, noch einer solchen zugänglich sind. Solche Sätze nenne ich Grund-Sätze, die als Kriterien/Prämissen dienen. Zu ihnen zählen Prinzipien und Axiome, mit denen sich die folgenden Texte befassen. Prinzipien und von ihnen für einen speziellen Bereich abgeleitete Axiome sind Vernunftsetzungen und als solche weder "wahr" noch "unwahr". Man kann nur darüber streiten, wie vernünftig sie sind. Und je vernünftiger sie sind, umso vernünftiger ist das durch sie gesicherte Wissen. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren erkannte Laotse die Notwendigkeit und die Wirkung von Prämissen: "Dadurch, dass das Schöne bestimmt wird, ergibt sich auch das Hässliche." Ohne Messlatte kein Messen.

Popper forderte, dass die Wissenschaftler kritische Rationalisten sein sollten. Aber es genügt nicht, objektive Erkenntnis nur zu fordern und zu beschwören, sondern man muss auch sagen, worin sie besteht und wodurch sie gewonnen wird. Nach meiner Überzeugung verleiht erst die Verwendung sorgfältig abgeklärter rationaler Prinzipien als Prämissen dem Wissenschaftler jene Kompetenz, die von ihm erwartet wird. Und nur bei Kenntnis der Prämissen ihrer Aussagen wissen Forscher, warum sie so urteilen, wie sie urteilen, und sie und alle anderen können ihre Urteile und ihre Prämissen rational nachvollziehen. Nur auf diese umfassende Weise geprüfte Urteile führen zu einem Wissen, auf das man sich verlassen kann und das von der Wissenschaft erwartet wird. Nur so kann tatsächlich entstehen, was mit Intersubjektivität - "die Stufe objektiver Gültigkeit erstrebender Wissenschaft" - gemeint ist, die auf Einsichten und nicht auf Einigungen beruht.

Aber mehr als ein vernünftiges Wissen von einem Vernunftwesen zu fordern ist unvernünftig.

- Ende des Vortrags von 2011 -

Der heute so weit verbreitete philosophische Relativismus und Skeptizismus ist eine überschießende Reaktion der Ernüchterung auf die vor allem durch die Religionen jahrhundertelang genährten Illusion, dass es absolute, d. h. von der Einsichtsfähigkeit des Menschen unabhängige (deshalb notwendig "offenbarte"), oder wie Popper sagt "objektive" Wahrheiten gäbe. Doch als Vernunftwesen, das er bestenfalls ist, muss sich der Mensch mit vernünftigen Wahrheiten begnügen - und selbst um die muss er ständig ringen. Wenn Popper alles Wissen als "Vermutungswissen" einstufte, dann deshalb, weil er ebenfalls - dem Subjekt zutiefst misstrauend - ein "objektives", vom Subjekt unabhängiges Wissen, das als "Logik der Forschung" gewonnen werden könnte, als Ideal hatte - das es aber nicht gibt. Da war es nur konsequent, dass bei Popper das erkennende Subjekt erst gar nicht vorkam. Doch nur Subjekte können (auf ihre Weise) "wissen". Und nur durch Aufklärung der subjektiven Bedingungen des Erkennens und Wissens, was man die Rolle des Beobachters nennt, kann deren Objektivität verbessert werden. Es ist an der Zeit, erwachsen und damit vernünftig zu werden, den Trotz abzulegen und nüchtern einzusehen, dass alles Urteilen und Wissen an Bedingungen gebunden ist, die es aufzuklären gilt. Sonst kann man nur noch auf Offenbarungen hoffen und bauen, die ja nicht falsch sein müssen. Aber ohne abgeklärte Kriterien kann niemand zwischen zutreffenden und unzutreffenden Offenbarungen unterscheiden. Daher bleiben sie eine Sache des Glaubens. Als Menschen dieser Welt können wir nur durch das Bewusstmachen der Bedingungen, von denen Wissen abhängt, versuchen, aus der nicht aufhebbaren kognitiven Situation das Beste zu machen, auch wenn dieser Weg mühsam ist. Daher möchte ich mich nicht mit einem kritischen Rationalismus begnügen, sondern halte einen selbstkritischen Rationalismus für erforderlich. Wenn man zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen möchte, dann darf man weder das erkennende Subjekt ignorieren, was der Grundfehler des kritischen Rationalismus ist, noch darf man die Inhalte wissenschaftlicher Aussagen einfach als gegeben hinnehmen und sich nur um ihre Strukturen kümmern, wie es der wissenschaftstheoretische Strukturalismus tut. Es muss vor allem darum gehen, ohne jede ideologische Einengung zu einem intelligenteren Umgang mit unserer kognitiven Situation zu kommen. Darum ist es so wichtig, diese zu kennen.

Wer nicht das Ganze bedenkt, bedenkt zu wenig.

Eingangs hatte ich geschrieben: Der Fehler der meisten Philosophen ist, dass sie den Menschen als ein abstraktes Wesen ohne Lebensbezug behandeln. Aber genauso muss auch der Physiker, um dem physikalischen Gegenstand gerecht werden zu können, sich letztlich seiner auf das Lebendige zielenden Instinkte bewusst werden und sie überwinden, will er nicht den Fehler der Philosophen wiederholen. Er wehrt sich wiederum instinktiv dagegen, weil er befürchtet, seine gewohnte Fitness im Umgang mit der Welt zu verlieren. Deshalb fragt er bestenfalls in Krisensituationen, und da nur halbherzig, nach den Grundlagen seines Forschens. Jedoch gerade um diese Grundlagen soll es hier anschließend gehen, denn nur sie vermitteln einen kritischen Standpunkt. Die Selbstgefährdung des Menschen ist Folge der unreflektierten beutegreiferischen Antriebe, mit denen er sich mehr und mehr seiner Lebensgrundlagen beraubt. So ist das Bedenken unserer Erkenntnisgrundlagen alles andere als eine akademische Frage. Es ist eine unser Menschsein betreffende Frage und eine Frage des Überlebens zugleich.

© HILLE 2002-2003
Ergänzungen im 2. u. letzten Absatz Mai 03, Kopfzitate Nov. 07


Für 2011 eingereichter Kurztext für FV MP:
Wie hilfreich ist die Wissenschaftstheorie?

Der Fehler der meisten Philosophen ist, dass sie den Menschen als ein abstraktes Wesen ohne Lebensbezug behandeln. Der Fehler der Wissenschaftstheoretiker und der Vertreter von Erkenntnistheorien ist, dass sie ihre Aussagen aus und mit der Forschung selber begründen wollen und wegen der Ausblendung der Beobachterrolle daher notwendig zu unkritisch sind. Es sollen Wege aufgezeigt werden, die zu einem abgeklärten Standpunkt führen, von dem aus theoretische Aussagen geprüft werden können. Nur so kann eine Intersubjektivität entstehen, d.h. "die Stufe objektiver Gültigkeit erstrebender Wissenschaft", die auf Einsichten und nicht auf Einigungen beruht. Weder kann Weisheit ohne Wissen, noch Wissen ohne Weisheit gelingen, weshalb es darauf ankommt, Naturwissenschaft und Philosophie ohne gegenseitigen Vereinnahmungsversuche im Dialog zusammenzuführen.



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