Stilles Glück


Da steht er nun seit vielen Jahren, fast eine Zimmerwand einnehmend, meine dreiteilige Schrankwand, 3 Meter lang und 2,20 Meter hoch, kastanienfarben, Furnier wahrscheinlich Buchenholz von feiner Maserung und leicht glänzend. Sie ist für mich von zeitloser Schönheit, keinen Stil nachahmend, von Meisterhand entworfen. In Augenhöhe hat sie fast durchgehend ein offenes Regal von 25 Zentimeter Höhe, über dem Sockelgeschoss mit den 3 Schubladen eines von 30 Zentimeter Höhe, Die Kanten sind durch leicht profilierte Leisten betont, die waagerechten Holzgriffe glänzen goldfarbig eingelegt. Sonst sind alle Flächen glatt und ohne Zierrat, lassen so das edle Material sprechen. Das mittlere Schrankteil ist ebenfalls dreiteilig, die 24 Zentimeter schmalen Seitenteile sind verglast, die Verglasung ist zum vorgezogenen Mittelteil hingebogen und ohne sichtbare Griffe.

Flankiert von 2 Familienbildern (meine Mutter in jungen Jahren, mein Sohn ca. 3 Jahre alt) steht im Zentrum eine von mir gekaufte Uhr mit römischen Ziffern, umgeben von den 12 Sternzeichen der Monate in künstlerischer Darstellung, die Fläche elfenbeinfarbig und wie Elfenbein aussehend. In den Glasvitrinen stehen ausnahmslos geschenkte Gegenstände, hauptsächlich von Tante Anni, wie Bodenvasen, Weingläser aus Kristall und eine japanische Reisschüssel mit Hunderten von verschiedenfarbig bunten kleinen Schmetterlingen der Satsumasperiode um 1900. Oben rechts steht ein Erbstück von meiner Schwiegermutter, ein schlichter Humpen mit Gebrauchsspuren aus dem Biedermeier, den man mir unbedingt einmal abkaufen wollte. Unten rechts findet sich ein runder, von einem kroatischen Künstler bemalter weißer Porzellanteller mit einer Schwabinger Straßenszene, den meine Frau geschenkt bekommen hatte und der mich an meine Münchner Zeit erinnert. Aus Japan hat mein indischer Freund Hardip mir die 3 weisen Affen in Elfenbein geschnitzt mitgebracht.

Über die ganze Schrankwand verstreut finden sich weitere Erinnerungsstücke, die mir meine Vergangenheit und die der Geber gegenwärtig halten. Sie strahlen mir immer noch die Liebe und Zuneigung aus, die mit dem Besitzerwechsel verbunden war und lassen die Schenker nicht vergessen machen. Da sind zwei Buchstützen aus Südafrika aus geschnitzten Elefanten und eine zu meiner übrigen Onyxsammlung passendee kleine Pyramide, beides mir von meiner Liebsten geschenkt. Ferner unten in der Mitte ein kleiner Kerzenständer aus dem gleichen Material, ein Erbstück von ihrer Mutter. Von meinem Sohn zieren einige kunstvolle Tierfigürchen die Stellflächen, zumeist Urlaubsouvenirs aus der Ägäis. Vor den Büchern rechts unten liegt ein Deckchen mit Fransen, eine Indianerarbeit, die Peter mir vor vielen Jahren aus den USA mitgebracht hatte, die meiner damaligen Freundin "viel zu primitiv" war, was aber gerade den Wert der Arbeit ausmacht. Von meiner Verbandsreise mit den Humanisten Württembergs von 2012 nach Istanbul habe ich mir selbst einige Souvenirs mitgebracht, die bei der Uhr liegen. So sind da und dort auch ferne Kontinente und Länder gegenwärtig und in der Hausbar stehen kleine Gläser, die an deutsche Gartenschauen und Weinfeste erinnern. Und natürlich stehen ganz unten rechts Bilder der Frauen, die das Leben mit mir geteilt haben.

Ganz besonders freut mich zurzeit der mir von Dolores zum 90. geschenkte Blumenschlumpf, der mir freundlich lächelnd einen bunten Strauß entgegen streckt. Der Schlumpf hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherboard mit den zahlreichen Kartengrüßen von Verwandten und Freunden zu Geburts- und Feiertagen bekommen. In der rechten Ecke habe ich dazu Grüße etlicher hoher Amtsträger gesammelt, von Bundespräsident Gauck, über Ministerpräsident bis Oberbürgermeister und Präsidenten der DPG. Neben viel Stauraum, vor allen für meine Bücher, ist meine schöne Schrankwand so auch für mich als Ort der Erinnerung und Sehnsucht die Gegenwart eines erfüllten Lebens, mich weiterhin still begleitend. Aber einmal wird einer uns für immer trennen und keiner weiß, was dann mit jedem von uns sein wird.

Helmut Hille, Heilbronn, im April 2021


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