Das Problem der Authentizität



Intelligente Wesen haben die Fähigkeit sich zu verstellen. Menschen haben darüber hinaus die Fähigkeit Meinungen zu verbreiten, die nicht ihrer Überzeugung entsprechen, weshalb die Frage, inwiefern Verhalten und Verlautbarungen echt, also authentisch sind, im Zusammenleben mit Menschen permanent aktuell ist. Die Welt ist ja ein großer Basar für Waren und Weltanschauungen und da möchte man schon gern wissen, ob Anpreisungen stimmen, bevor man etwas kauft bzw. jemand etwas abnimmt. Wie schon in der Wissenschaft bei den Forschungsgegenständen haben wir daher auch bei Personen das Problem, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Wer allerdings selbst oberflächlich ist und/oder auf den Schein hin lebt und agiert, um den Erwartungen seiner Mitmenschen und deren Moral zu entsprechen, wird die Frage nach Schein und Sein wahrscheinlich gar nicht verstehen und wird gar nicht wissen, warum jemand oder etwas ihn mehr anspricht als jemand oder etwas anderes. Aber auch wenn Lügen mehr oder weniger leicht über die Lippen fließen, bei der anderen, der ursprünglicheren Sprache des Menschen, bei seiner Körpersprache, fällt es Menschen schon viel schwerer, sich zu verstellen, weshalb es immer gut ist, auf die Sprache des Körpers zu achten, also auf Haltung, Mimik, Gestik und Sprachmelodie. Und am authentischsten sind Menschen immer dann, wenn sie sich ihre Überzeugungen selbst erarbeitet haben und nicht nur Meinungen anderer billig weitergeben.

Nicht nur in Asien hat man das Problem, "sein Gesicht" zu wahren. In unserem Kulturkreis ist es das Image, um das es vielen geht, besonders wenn die wirtschaftliche oder politische Existenz davon abhängt. Doch denke ich, dass es auch Beispiele von Authentizität gibt. Spontan fällt mir dazu Papst Johannes Paul II. ein. Auch der Dalai Lama ist auf seine Weise authentisch, ohne dass er mir wie Paul als der Gefangene seines Glaubens erscheint. Er weiß, dass auch die höchsten Wahrheiten seines Buddhismus keine absoluten Wahrheiten, sondern nur Wahrheiten für uns sind. Das schenkt ihm die Freiheit des Geistes, die er ausstrahlt. DER SPIEGEL 29/2007: "Er verkörpert, was er verkündet. Er lebt, was er lehrt: Der Dalai Lama ist so etwas wie der Gegenentwurf zum 'klassischen' Politiker." Bei den Sängern ist mir immer Udo Jürgens als der authentischste erschienen, was der 74-jährige jetzt mit seiner Aussage gegenüber der BILD-Zeitung bestätigte: "Ich war innerlich immer von einer tiefen Ernsthaftigkeit." Trotz aller Unterhaltung, um die es ihm ging, wollte er zugleich Haltung bewahren. Howard Carpendale ist 2003 von der musikalischen Bühne abgetreten, weil er merkte, dass seine Authentizität in Gefahr ist. Inzwischen singt er wieder öffentlich. Einstein wirkte so echt, weil er als Autist (Aspergersyndrom) gar nicht anders konnte, so dass seine Schwierigkeiten, seine aus dem Bauch heraus kommenden wissenschaftlichen Überzeugungen nachvollziehbar zu begründen, seinem Ansehen nicht nur keinen Abbruch taten, sondern von Glaubenswilligen als Ausweis seiner überlegenen Genialität verstanden wurden und weiterhin werden.

Der Weg zur eigenen Authentizität beginnt 1. mit der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, 2. den Mut, sich Mängel und Fehler völlig uneitel einzugestehen, 3. der Bereitschaft dagegen anzukämpfen und 4. sich seine Überzeugungen selbst zu erarbeiten. Es ist oft ein langer Weg. Ich habe versucht, ihn zu gehen und hoffe, dass meine Seiten im Internet dieses Bemühen erkennbar spiegeln. Natürlich werden meine Leser eher selten spontan meiner Meinung sein, doch denke ich, dass sie meinen Ernst verspüren, weshalb ich (mit einer hartnäckigen penetranten Ausnahme, die mich veranlasste, das Gästebuch im Januar 2009 nach über 12 Jahren zu schließen) nie polemische Zuschriften erhalten habe. Als Universalist, wie mich Prof. Puntel einmal nannte, habe ich natürlich nicht überall die Spezialkenntnisse der Experten, weshalb ich für sachliche Korrekturen meiner Aussagen immer dankbar war und bin. Meine Grundüberzeugungen sind allerdings schon vor Jahrzehnten gereift, weshalb selbst Freunde mir manchmal den Vorwurf machten, ich würde nicht auf ihre alternativen Interpretationen eingehen - doch das hatte ich eben schon vor Jahrzehnten getan und meine Position dabei geklärt. So ist, wie ich meine, dank meines Strebens nach Selbsterkenntnis und mit Hilfe des neurophilosophischen Ansatzes eine rundherum abgesicherte einheitliche Sicht der Welt entstanden (s. "Mein Weltbild" in der nachfolgenden Datei), verbunden mit Klartexten zu Parmenides, Meister Eckhart, Newton, Einstein, Gadamer, Mitterer, Habermas u.a.. Die mit der Hirnforschung verbundene Erkenntnislehre (Neurophilosophie) war und ist mir dabei der Schlüssel für jene Klarheit, die mir von Lesern immer wieder mal bescheinigt wurde - s. hierzu "Mein Kommentar" von Dr. Joachim Koch, dem Herausgeber von "www.philosophers-today.com" am Ende von Datei (III/4).


Foto focus.de
30.09.1934 - 21.12.2014
Die Jubelarien im TV zu seinem 80. Geburtstag waren ihm eher peinlich.
Er ist nicht der einzige Prominente, der im hohen Alter nach dem Stress solcher Ehrungen sie nicht lange überlebte.
Seine letzten Auftritte in der Helene-Fischer-Show Weihnachten 2014 waren alles schon Abgesänge.
Sein unerwarteter Tod noch Tage vor der Sendung hat ihn vor dem evtl. Niedergang seines musikalischen Genies bewahrt -
auf alle Fälle vor der Sorge, dass er immer "überwuzelter" auftreten würde, wie der Österreicher sagt.
"Was ihn bedrückte, war das Älterwerden. Er hatte Sorge, dass man ihn nicht in Ruhe altern lassen würde." (Pepe Lienhard, Bandleader und Freund)
Nun ist er dieser Sorge ledig. Gedenken wir seiner in Ehren.
Am 9. Mai 2015 wurde Udos Asche im "kleinsten Familienkreis" auf dem Wiener Zentralfriedhof unter einem weißen Marmorflügel beigesetzt.
Bin sehr traurig.

© Hille 2013-2015


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