Einsteins Frage nach der Gegenwart

Das Gespräch Einstein - Carnap



In seiner Biographie "Mein Weg in die Philosophie" (Reclam Bd. 8844) schildert der Wissenschaftsphilosoph Rudolf Carnap (1891-1970) u. a. Gespräche mit Albert Einstein (1879-1955), die er während seines Aufenthaltes in Princeton in den Jahren 1952 bis 1954, also in Einsteins letzten Lebensjahren, mit ihm führte. Von den mit Einstein besprochene Fragen erwähnt Carnap als erste die nach der Gegenwart, die Einstein in der Welt des Physikers vermißte:

"Einmal sagte Einstein, das Problem des Jetzt beunruhige ihn ernsthaft. Er erklärte dazu, daß das Erlebnis des Jetzt etwas Besonderes für den Menschen bedeute, etwas wesentlich anderes als Vergangenheit und Zukunft; doch dieser so wichtige Unterschied zeige sich nicht in der Physik und könne dort auch nicht auftauchen. Daß dieses Erlebnis von der Wissenschaft nicht erfaßt werden kann, bedeute ihm einen schmerzlichen, aber unausweichlichen Verzicht. ... es gäbe etwas Wesentliches am Jetzt, das einfach außerhalb der Reichweite der Wissenschaft liege."

Indem Einstein ganz richtig feststellte, daß das Jetzt "etwas wesentlich anderes als Vergangenheit und Zukunft" ist, hatte er im Grunde auch schon klar gemacht, warum dieser so wichtige Unterschied sich in der Physik nicht zeigen kann. Wenn wir Vergangenheit und Zukunft als Richtungen auf der Zeitskala verstehen, dann kann die Gegenwart kein Teil der Zeit sein, weil sie - als die Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft - auf der Zeitskala die Ausdehnung Null hat, also quantitativ dort gar nicht existiert. Daher ist es kein Wunder, daß sie in der Physik auch nicht auftauchen kann. Während man als Physiker daher denken müßte, das Jetzt habe ein verschwindendes Dasein, macht man als Mensch ganz im Gegenteil die Erfahrung, daß das Jetzt überhaupt nicht aufhört. Ja, wenn man es genau bedenkt, ist und wirkt man eigentlich immer und nur in einem gegenwärtigen Jetzt, nie jedoch in der Vergangenheit oder Zukunft, außer in Gedanken oder in utopischen Zeitreisen. Zwar wirkt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein und das gegenwärtige Wirken ist entscheidend für das, was auf uns zukommt, aber alles Wirken geschieht immer in einem offenbar zeitlosen Jetzt, das wir auch die Wirklichkeit nennen. Da nun die Existenz von so "etwas Wesentlichem" wie die Gegenwart nicht bestritten werden kann, ohne zugleich alles Existieren zu bestreiten, ist es offensichtlich der Begriff einer dreigeteilten objektiven Zeit, der durch die Erfahrung nicht abgedeckt ist. Die Zeit scheint eher etwas Subjektives zu sein, was aus dem Subjekt, sprich dem Beobachter kommt, dessen Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen ihm die Möglichkeit gibt, die Reihenfolge seiner Erlebnisse und Vorstellungen zu ordnen. Obwohl Einstein ganz am Anfang seines Buches "Grundzüge der Relativitätstheorie" sehr richtig schrieb, daß "die einzelnen unserer Erinnerung zugänglichen Einzelerlebnisse nach dem nicht weiter zu analysierenden Kriterium des "Früher" und "Später" geordnet erscheinen", hat er, ohne dies zu begründen, mehr als jeder andere Physiker dazu beigetragen, daß Naturwissenschaftler und Laien die Zeit als etwas Objektives ansehen und zwar gleich so massiv objektiv, daß Raum und Zeit als in Wechselwirkung mit materiellen Objekten stehend gesehen werden. Indem auf dem Hintergrund einer wohl als selbstverständlich angesehenen erkenntnistheoretischen Abbild- oder Widerspiegelungstheorie Wissenschaftler keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Mentalem und Materiellen machen, also die Beobachterrolle negieren, schaffen sie sich Probleme, die sie mit ihren Mitteln nicht mehr zu lösen vermögen. Einstein war mit Recht "ernsthaft beunruhigt", da er nicht sah, was der Grund seines Problems war, nämlich die unzulässige Objektivierung eines mentalen Musters. Während nämlich alles, was existiert, in irgendeiner Form gegenwärtig ist, und sei es nur als potentielle Möglichkeit eines Seienden (Parmenides, Frg. 4: "Betrachte mit Verständnis das Abwesende als genauso zuverlässig anwesend;"), ist die Zeit die Ordnung des beobachteten Nacheinanders von Erscheinungen (Leibniz) und physikalisch "... ein beliebiges, sinnlich wahrnehmbares und äußerliches Maß der Dauer, aus der Bewegung gewonnen ..." (Newton). Newton machte dann nur den Fehler von ihr zu sagen, daß "die in sich und ihrer Natur gleichförmig, ohne Beziehung zu irgendetwas außerhalb ihrer Liegenden fließt". Doch die Dauer fließt nicht, weil alles Fließen schon die Dauer, also das Sein des Fließenden voraussetzt. Die Dauer ist der zeitliche Aspekt des Seins von Dingen und Vorgängen, der eben nur in einer zeitlichen Betrachtung aufscheint, auch wenn sie den Dingen selber zukommt, weshalb Newton sie "absolut" nannte. Indem wir die Entwicklung eines Verhaltens beachten, können wir hoffen, zukünftiges Verhalten voraussehen zu können. Aber die Dinge und wir selbst sind immer in einem zeitlosen Jetzt, das weder Anfang noch Ende kennt, auch wenn es überall Bewegung und Wandel gibt, den jedoch nur ein Erinnerungsvermögen erfassen kann. Alle Jetztmomente einer Sache sind gegenwärtige Momente! Einer so gegenwärtig wie der andere, so daß man eigentlich nichteinmal sagen dürfte, daß sie "jetzt" sind, ist das Jetzt doch nur die Abgrenzung gegen das Früher und Später bei einer zeitlichen Beurteilung der Dinge.

Das Problem des Jetzt ist nur ein Beispiel dafür, welche Rolle der Beobachter in allen seinen Beobachtungen spielt, ohne seine Rolle selbst zu bemerken, da sie eine von der Evolution in ihm angelegte Art und Weise ist, sich seine Mitwelt mental anzueignen. Nicht nur die Zeit, wie der französische Philosoph Henri Bergson (1859-1941) sagte, sondern die Welt, mit der wir umgehen, ist ein Bastard - eine unabgeklärte Mischung aus Objektiven und Subjektiven. Und immer wenn qualitativ Verschiedenes sich vermischt, scheinen immer wieder qualitativ neue Eigenschaften auf, die vorher nicht gesehen werden konnten. So wie aus der Verbindung von Sauerstoff und Eisen Rost entsteht, der eben keine Eigenschaft seiner Ausgangsstoffe war,

so wird durch Erinnerung der Wandel der Dinge zur Zeitlichkeit.

Unser Bild von der Welt spiegelt diese auf ein überlebensdienliches Handeln hin. Nur diese Art von Fitneß konnte die Evolution selektieren. Doch zwischen unserer Meinung von den Dingen und den Dingen selbst klafft ein Abgrund, den bestenfalls eine integere Logik überwinden kann, die sich von keinerlei Vor-Urteilen des evolutionären Erbes beirren läßt.

Für sich betrachtet ist das Seiende weit erhaben über menschliche Wertungen wie Zeit, Ort und Dimensionen. Auch sind unbelebte Dinge für sich weder in Ruhe noch in Bewegung. Und in einer Welt ohne Augen gibt es kein Licht, so wie es in einer Welt ohne Ohren keine Geräusche (sondern nur Materieschwingungen) gibt usw. usf.. Wahrnehmungen sind antagonistische Wertungen von Energien (hell-dunkel, laut-leise usw.), vermittelt durch speziell sensibilisierte Zellen der Haut, wodurch Dinge zum Erscheinen gebracht werden. Der Schein ist dasjenige, was der kognitive Apparat des Beobachters aus den auf seiner Oberfläche eintreffenden Energien macht (man könnte auch sagen: plausibel konstruiert), damit er mit seinem Umfeld erfolgreich interagieren kann. Und solche Einsichten über die Scheinhaftigkeit der Welt unseres Umgangs verdanken wir nicht erst modernen Fiktionalisten oder Konstruktivisten. Wir finden sie schon bei den Vorsokratikern von Parmenides (540-480) bis Demokrit (460-371), als die Philosophen noch ungeniert nach der Wahrheit fragten, bevor sie mit Platon und Aristoteles begannen, sich als staatstragend zu verstehen oder später, in der Konkurrenz zur Religion, dem Seelenheil dienen wollten. Der Tod des Sokrates (469-399) war daher der konsequente Schlußpunkt dieser ersten Epoche europäischer Aufklärung im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Vor der Quantenmechanik wurden die Gedanken dieser fortschrittlichen Denker von der Wissenschaft weitgehend nicht zur Kenntnis genommen. Aber vielleicht beginnt man jetzt zu verstehen, was Protagoras (480-410) veranlaßt haben könnte zu sagen, daß sich der Mensch das Maß aller Dinge ist - eine nüchterne Wahrheit, die wegen ihrer Ehrlichkeit alle angeblich so besorgten Bedenkenträger seit Platon immer noch aufheulen läßt. Protagoras starb bei seiner Flucht aus Athen, wo man ihn, aufgrund seiner Schrift "Über die Götter", wegen Asebie (Gottlosigkeit) verurteilt hatte. Es war noch nie risikolos, die Menschen über ihre Irrtümer aufklären zu wollen.

Zusammenfassung:
Lebewesen orientieren sich nicht in Zeit und Raum sondern mit Zeit und Raum, mit denen sie das Chaos ihrer Wahrnehmungen zweckmäßig ordnen. Die Zeit ist dabei die Ordnung des Nacheinanders, der Raum die Ordnungen des Neben-, Über- und Hintereinanders. Diese Ordnungen nennen wir Dimensionen. Ohne die Unterscheidungen des Beobachters, zu denen ihn sein kognitiver Apparat befähigt, gibt es nur die eine, stets gegenwärtige Realität. Die Union der Welt (Minkowskiwelt) begreifen wir nicht dadurch, daß Raum und Zeit plötzlich ("von Stund an") eine Einheit bilden ("eine Art Union"), sondern im Gegenteil dadurch, daß wir Raum und Zeit als unsere zweckmäßigen Unterscheidungen erkennen, mit deren Hilfe wir uns die für sich Eine Welt mental aneignen. Wenn Menschen durch Schädigungen ihrer Hirnmasse, z.B. durch Unfall oder Alzheimer, zeitlich und/oder räumlich desorientiert sind, so ist ja nicht eine fälschlich angenommene objektive Ordnung weggebrochen, sondern das persönliche Unterscheidungsvermögen eines Menschen, das unabhängig von den Leistungen seines Wahrnehmungsapparates funktioniert - oder eben nicht. Erkenne dich selbst und du wirst die Welt erkennen, wie sie ist. Nur dieser Weg führt vom Schein zum Sein. (s. auch auf II/12 "Sein ist ohne Zeit")

© HILLE 1997 - 2001

Auf Wunsch von Prof. Eberhard Simons, Uni München (LMU), den Hörerinnen und Hörern seiner Parmenides-Vorlesungen im Wintersemester 1999/2000 zur Verfügung gestellt.
Zusammen mit "Ist die Zeit meßbar?" und "Was war vor dem Urknall?" dem Kurs "Philosophieren" der VHS Neckarsulm im Mai 2001 vorgetragen.


zurück weiter zurück zum Seitenanfang