Das Ende der Paradigmen und Theorien

Plädoyer für eine Gesamtwissenschaft

Vorwort zu III.



Sich selbst zu verstehen, heißt, sich als lebendiges Wesen zu verstehen.
Von daher lautet die auch für den Philosophen wichtigste Frage: Was ist Leben?
Sie ist das philosophische Universalproblem, in dem alle anderen Probleme wurzeln.

Ähnlich wie Physiker die Gravitation oft genug durch ihre Folgen erklären wollen, was natürlich ohne Erklärungswert ist, so wird in der Biologie das Leben gern anhand seiner Folgen beschrieben, wie Anpassung, Kreisläufe, Fortpflanzung, Zielstrebigkeit usw. Selbst Maturana kommt mit der "Autopoiese", aus der Luhmann eine allgemeine Systemtheorie entwickelte, über die Beschreibung des Phänomens "Lebens", als eines sich selbst reproduzierenden Prozesses, nicht hinaus. Heute versucht man, in der so beliebten reduktionistischen Sicht, uns weiß zu machen, das Leben wäre nur ein Zwischenstadium egoistischer Gene. Richtig am "egoistischen Gen" ist der Egoismus des Lebens, wenn dabei nicht übersehen wird, daß zum Überleben notwendig auch altruistische Verhaltensweisen gehören, z.B. zwischen Mutter und Kind oder in einer sich gegenseitig unterstützenden Gruppe. Was Leben ist, erkennt man m.E. am besten an den allereinfachsten Strukturen, am deutlichsten sogar an jenen, die Biologen nur ungern oder gar nicht als "Leben" akzeptieren möchten: an Viren und Prionen. Ihre Existenz belegt die Unzulänglichkeit der üblichen Auffassung von Leben, die sich an den für uns auffälligsten Lebenserscheinungen orientiert und die den eigentlichen brutalen Charakter von Leben nicht wahr haben will. Aber gerade Viren und BSE-Prionen demonstrieren ganz klar und ohne Schnörkel, was das Leben ausmacht:

Leben ist die Fähigkeit einer materiellen Struktur, fremde Strukturen in die eigene zu verwandeln,
letztlich mit dem Ziel, sich selbst zu reproduzieren,
was die einzige Aufgabe von Lebewesen ist.

Diese Definition gilt unabhängig davon, welche zusätzlichen abgrenzenden Merkmale die Biologen noch für erforderlich halten. Und diese aneignende Vorgehensweise des Lebendigen ist durchgehend: von den BSE-Prionen, die gesunden Prionen des Gehirns ihre Faltung aufdrängen, über die Assimilation der Nahrung zum Aufbau und zur Erhaltung des eigenen Körpers, über die Erzeugung von Nachkommen bis hin zu unserer Wahrnehmung und unserem Verständnis der Dinge. Bei letzterem Vorgang werden fremde Erscheinungen - in Ermangelung eines objektiven Wissens - mit eigenen und weiteren vertrauten Eigenschaften belegt, worauf wir dann meinen, das Fremde zu verstehen. So wurde und wird, bei einem überschießenden Attributationsmechanismus, die Welt als von Geistern, Dämonen und Göttern regiert gesehen, mit denen Menschen wie mit ihresgleichen Umgang pflegen können. Und selbst in der "modernen" Physik meint man unbelebte Erscheinungen "zu verstehen", wenn man von Erde, Sonne, Mond und Sterne wie von Kühen auf der Weide spricht, die mal (wiederkäuend) "ruhen" und mal (grasend) "sich bewegen" und der physikalisch gar nicht vorhandene Unterschied beider Zustände - und nicht unsere falsche biomorphe Denkweise - wäre das "Problem".

Das ganz selbstverständliche Aneignen des Fremden durchzieht auch die menschliche Geschichte, gipfelnd in der Kolonisierung fremder Völker, mit allen schrecklichen Folgen für sie und ihre Kultur. Und es hat eine übermächtig gewordene Menschheit das Umweltproblem beschert. Um die Schöpfung nicht bis zur Erschöpfung zu strapazieren, ist es für die globale Menschheit und Wirtschaft unabweisbar geworden, Nehmen und Geben wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, also unsere, sich den Planeten aneignende Strategie zu bedenken und die immer behauptete Angepaßtheit des Lebens tatsächlich herzustellen. Die fast unausrottbare falsche Rede - vom Leben als einem Prozeß der Anpassung -, verdeckt in fataler Weise die tatsächlich vorhandenen Defizite für ein dauerhaftes Überleben der Menschheit.

Aber Leben ist kein Prozeß der Anpassung sondern der Überwältigung.

Nur das Ergebnis der Selektion sich verzweigender Arten erscheint dem Beobachter im Nachhinein, als hätten die Organismen sich angepaßt. Auch hierbei schließt der Beobachter in Selbstreferenz, wie sonst auch, von sich auf andere, ist doch die Taktik des Anpassens die dem schlauen Beobachter eigene Strategie des Überlebens, weshalb sie ihm so plausibel erscheint. Rein phänomenal kann man sagen, dass die Mimikry von Lebewesen ihre Anpassung an die Umgebung ist, um auf diese Weise einen Vorteil zu erlangen. Essentiell jedoch ist Mimikry die Überwältigung einer fremden Form zum eigenen Nutzen.

Die Bildung des Immunsystems in einer Welt voller aggressiver Keime und Parasiten, die Artenvielfalt als Barriere gegen sie und letztlich auch die Individualität als eine weitere Barriere, ermöglicht durch eine geschlechtliche Fortpflanzung innerhalb eines Genpools, sind die biologischen Antworten des Lebens, mit denen es sich gegen seine eigene Aggressivität zu schützen versucht. Dieses alles umfassend zu sehen ist uns aufgegeben, wollen wir nicht, wegen kurzfristiger Vorteile, die langfristige Sicherung des Standorts "Erde" verfehlen. Und der aneignende Charakter des Lebens beantwortet auch die Frage nach dem natürlichen Charakter unseres Wissens und Verstehens. Die von uns zu gebende notwendige Reaktion darauf ist die Aufklärung der Beobachterrolle. Ohne ihr Verständnis ist alles Wissen vorläufig. Daher muß es das Ziel von Philosophen und Wissenschaftlern sein, zu einer interdisziplinären Wissenschaft über die Bezogenheit aller Dinge und allen Wissens von ihnen zu kommen, unter Einbeziehung des Beobachters und seiner kognitiven Strukturen. Sie wäre eine Gesamtwissenschaft, die diesen Namen verdient und die durch Aufklärung unserer beutegreiferischen Antriebe geeignet wäre, Humanität und Kultur in einzigartiger Weise zu fördern. Wenn wir an der Schwelle zum neuen Jahrtausend innehalten und uns fragen, was wir bisher nicht erreicht haben und was daher die zukünftige wichtigste Aufgabe von Gesellschaft und Wissenschaft sein muß, so wäre es diese Vernetzung und Humanisierung unseres Wissens. Sie wäre ein Fortschreiten vom Wissen zum Verstehen und wissenschaftlich das Ende eines bloßen Instrumentalisierens von Fakten für Paradigmen und Theorien und damit deren Ende. "Ein Paradigma ist das Brett, das alle vor dem Kopf haben. ... Voraussetzungen, die keiner mehr hinterfragt." (Ernst Peter Fischer, Wissenschaftshistoriker in DIE ZEIT, 5. Januar 2000)

Mit meinen Überlegungen in allen Teilen dieser Webseiten möchte ich die Entwicklung einer solchen Gesamtwissenschaft als eine Aufgabe des 21. Jahrhunderts anregen. Das Kapitel III. mit den Texten zur Biologie, Evolution und Ethik ist zwar das kürzeste aller drei Kapitel. Doch ich denke, daß es das grundlegendste und wichtigste ist.



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