Schlussbemerkung

Lob der Illusion


Als ich gerade im jetzt beginnenden Frühling vor meinem Fenster die Amseln und andere Vögel eifrig singen und zwitschern hörte und die blühenden Bäume und Büsche in ihrer Farbenpracht sah, dachte ich, daß es an der Zeit wäre, das Gehirn auch einmal für all die Illusionen zu loben, die wir ihm verdanken. Ich denke, selbst der glühendste Anhänger der "objektiven Erkenntnis" möchte in Wahrheit nicht eine Minute lang in einer Welt leben, wo es statt Stimmen von Vögeln und geliebten Menschen nur öde Schallwellen gäbe, wo Blüten keine Farben mehr haben und Düfte nur als verschiedene Sorten von ätherischen Molekülen registriert werden. Ja, wer möchte ohne Erinnerung an alle die schönen und schlimmen Erlebnisse auskommen, die uns das Gedächtnis schenkt, die es aber auch zur rechten Zeit zu verdrängen weiß? Wer könnte überhaupt überleben, ohne sich zu erinnern und spontan rein subjektiv zwischen gut und böse, angenehm und widerlich unterscheiden zu können sondern alle Erscheinungen nur rein sachlich und gleichberechtigt und einmalig wahrnähme? Wer käme mental ohne alle die Bedeutungen aus, die uns das Gehirn aus allen angeblich ach so objektiven Wahrnehmungen ständig generiert, auch wenn man vielleicht auf einige verzichten könnte? Doch macht es die Ufologen nicht glücklich, wenn sie, statt einer Schar Fledermäuse, eine Raumflotten von Aliens am abendlichen Himmel sehen, weil sie unbewußt spüren, daß ihr ödes Tatsachenwissen nicht alles sein kann, daß es da noch eine "höhere" Ebene des Wissens geben muß, die sich wiederum nur rein räumlich vorstellen können? Und wer möchte ohne Trost auf ein besseres Jenseits oder wenigstens auf die bessere Zukunft seiner Kinder auskommen, auch wenn dies alles nur Illusion zu sein scheint? Nicht einmal ich als Erkenntniskritiker möchte ganz ohne die Illusion leben, meine Überlegungen könnten auch für einen anderen Menschen erhellend sein und ihm helfen, ein Problem zu lösen. Weil diese Illusion mich motiviert und meinem Restleben einen Sinn gibt, hoffe ich dies, trotz aller berechtigten Skepsis, auch weiterhin. Sie könnten mir ja einmal per E-Mail schreiben (Menue: Impressum), wenn meine Hoffnung nicht völlig vergeblich war, oder wenn Sie Fragen zu meinen Einfällen haben. Mich würde es jedenfalls riesig freuen. Bis dahin,

   Ihr Helmut Hille



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