Buchbesprechung

Anmerkungen zur Soziopsychologie

William F. Allman: Mammutjäger in der Metro. Spektrum Akad. Verlag 1996 Heidelberg; Berlin; Oxford.
Amerikanische Originalausgabe: The stone age present. 1994 New York. 368 Seiten


veröffentlicht in der philosophischen Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" 2/1996
sowie: Ein Fazit kritischer Buchbesprechungen


Als Autor, der sich erkenntniskritisch mit dem menschlichen Denken befaßt, habe ich natürlich hoffnungsvoll begrüßt, daß die Ergebnisse "der aufstrebenden Disziplin der Evolutionspsychologie" einmal vorgestellt werden, die die Unangepaßtheit unseres Denkens und Fühlens an die Probleme der modernen Welt erklären will. Nach den Soziobiologen wollen uns also jetzt die Soziopsychologen unser Verhalten "erklären". Zuerst fühlen sie sich allerdings verpflichtet, ihren Anspruch, dies besser als alle anderen zu können, rechtfertigen zu müssen, wenn ich hier dem Buch des Wissenschaftsjournalisten William F. Allman folgen darf. Zu diesem Zweck stellen sie die These auf, daß das menschliche Gehirn ein Produkt des Umgangs mit Menschen ist, also sein eigenes: "Das relativ große Gehirn des Menschen entwickelte sich vor allem deshalb, weil unsere Vorfahren damals vor dem vielschichtigen Problem standen, miteinander umgehen zu müssen." (S.13) Das Gehirn hätte also versucht die Probleme zu lösen, die es selbst hervorgebracht hat. Weit ist es damit wohl, trotz seiner Größe, nicht gekommen, denn der Mammutjäger, der mit Helfern die Pariser Metro auf Suche nach Beute durchstreift und dabei Geldbeutel, Papiere, Uhren und Schmuck "zwickt", wie ein Verwandter von mir am eigenen Leibe erfahren durfte, ist immer noch derselbe in Banden arbeitende Räuber, der einst hinter den Mammuts her war wie heutige Schimpansenhorden hinter den Stummelaffen. Wenn wir nun im Umgang miteinander trotzdem "unsere einzigartigen sozialen Fähigkeiten" entwickelt haben, "die sich so grundlegend von dem aller anderen Lebewesen heute unterscheiden" (S.19), dann ist eigentlich gar nicht zu verstehen, wieso es in der Metro noch Mammutjäger gibt. Das Dilemma des Widerspruchs zwischen Fakten und Behauptungen versucht der Autor durch "Ironie" zu überbrücken: "Ironischerweise ist das einzigartige Menschliche an uns eine Eigenschaft, die wir mit vielen nichtmenschlichen Verwandten gemeinsam haben: die soziale Intelligenz" (S.64). In der Folge wird von ihm die "Ironie" noch siebenmal bemüht.

Während zur Abwehr rassistischer Diskriminierungen im Sinne von Political Correctness biologistisch argumentiert wird: "Eine einzelne Gesellschaft kann unmöglich kulturell auf einer höheren Entwicklungsstufe als eine andere stehen," weil alle Menschen zur Gattung Homo sapiens sapiens gehören (S.30), wird der Mensch in einer Art Gattungsrassismus selbst gegenüber anderen Gattungen strikt abgegrenzt. So heißt es gleich in der "Einführung", daß der Mensch "ein denkendes, planendes, fühlendes Wesen ist, das sich grundsätzlich von allen anderen intelligenten Lebensformen dieses Planeten" - aber beileibe nicht nur dieses Planeten - "wenn nicht sogar des Universums unterscheidet." (S.15) Also der alte Hochmut - der Mensch als die "Krone der Schöpfung" -, der uns bisher schon so viele Probleme bereitet hat. Während Verhaltensforscher, wie Konrad Lorenz und sein Schüler Otto König, Parallelen zwischen tierischen und menschlichen Verhalten herausfinden wollten, um letzteres besser zu verstehen, wäre die Evolutionspsychologie, wenn das rezensierte Buch tatsächlich die Meinung führender Evolutionspsychologen wiedergibt, bestrebt, den Menschen nicht durch seine Situation als Lebewesen oder wenigstens aufgrund seiner beutegreiferischen Ahnen sondern durch den Menschen zu erklären, wie wir das beim menschlichen Gehirn schon gesehen haben. Daher ist auch nur die "steinzeitliche Psyche", also der Mammutjäger, Gegenstand dieser Forschungsrichtung. Soviel Abkehr von einem ganzheitlichen Denken macht nur Sinn, wenn man den Menschen als eine mehr oder weniger fertige kreationistische Schöpfung ansieht, die von seinem Schöpfer einst für einen Garten Eden geschaffen wurde, weshalb ihr heute für die globalen Probleme die Denkmuster fehlen. Hier wird für mich von irgendeiner interessierten Seite versucht, den Evolutionsgedanken durch die Evolutionspsychologie, oder was dafür ausgegeben wird, überflüssig zu machen. Die Tatsache, daß zu jeder der hier beanstandeten Behauptungen irgendwo im Buch wohlweislich die gegenteilige platziert ist, die man mir dann leicht entgegenhalten kann, ändert nichts an der offenbar gewordenen Grundeinstellung.

Bei populären Wissenschaftsbüchern läßt es sich wohl nicht mehr vermeiden, daß man sich zuerst durch einen Wust ideologiegelenkter Behauptungen durchlesen muß, die nach Meinung der Herausgeber und Lektoren empfindsame Seelen vor dem Erkenntnisschock schützen sollen, bis die angekündigten Fragen behandelt werden. Es sind Fragen der Überlebensstrategie, der Geschlechterrollen, der Sprachentstehung, der Kreativität, der Gründe für Zivilisation. Hier werden viele Erkenntnisse ausgebreitet, wie wir sie z. B. auch in Büchern über Soziobiologie finden, wie bei Edgar Dahl, die aber für Laien durchaus neu sein können. Erst gegen Ende des Buches, so ab S. 326, kommt Allman zum Kern des Problems, wenn er die Anthropologin Misia Landau zitiert: "Der Mensch bemerkt, daß er zwar die Macht von Göttern besitzt, jedoch nicht ihre Weisheit", wobei es mir hier um das Auseinanderklaffen von Macht, Wissen und Weisheit geht, das Gegenstand meiner erkenntniskritischen Untersuchungen ist, die gezeigt haben, daß in vielen Fällen auch das Denken der Wissenschaftler den Ergebnissen ihrer eigenen Forschung nicht angepaßt ist. Es muß uns tatsächlich darum gehen, weise zu denken und zu handeln, will der Mensch seinen Ansprüchen gerecht werden und eine lebenswerte Zukunft haben. Er wird nur dann wirklich ein Homo sapiens sapiens also "der sehr weise Mensch" sein, wenn er sich selbst bedenkt und die Folgen seines Handelns illusionslos ins Kalkül setzt. So ist Allmans "Epilog: Wir oder sie" nicht ganz ohne die Weisheit, die man am Anfang des Buches so schmerzlich vermißt.

© HILLE 1996


Ein Fazit kritischer Buchbesprechungen

Nachdem das zuvor besprochene populärwissenschaftliche Buch Mammutjäger in der Metro - wie einige andere von mir in dieser Homepage besprochene Bücher auch - massive Ausfälle in Logik und Wissenschaftlichkeit zeigt, die wohl nicht alle zufällig sein können, sind sie für mich weitere Dokumente einer allgemeinen geistigen Verwirrung bzw. massiver Vereinnahmungsversuche von Wissenschaft für nichtwissenschaftliche Anliegen. Ein Zusammenfassung widersprüchlicher Behauptungen ist da geeignet, als Tendenz für jedermann kenntlich zu machen, was sich sonst vielleicht nur als nicht weiter tragische Entgleisung Einzelner darstellt.

Es ist wohl eine Frage des Standpunkts, ob solche Sätze wie: "Eine einzelne Gesellschaft kann unmöglich kulturell auf einer höheren Entwicklungsstufe als eine andere stehen," oder: "Ironischerweise ist das einzigartige Menschliche an uns eine Eigenschaft, die wir mit vielen nichtmenschlichen Verwandten gemeinsam haben: die soziale Intelligenz" (Allman), Ausdruck dieser sozialen Intelligenz oder persönlicher Dummheit sind. Eine Massengesellschaft kommt wohl einfach nicht drumherum, zum Erhalt des sozialen Friedens ihre Widersprüche unter den Teppich zu kehren. Das muß durchaus (an-)erkannt werden. Eine solche, die Logik hintenanstellende Morallehre für heterogene Massen finden wir schon im frühen China bei Konfuzius. Aber was bleibt von der Wissenschaft, wenn sie sich dieses Credo zu eigen macht? Ich denke, es dient auf Dauer nicht der Förderung von Intelligenz und Wissen der Menschen und man tut ihnen daher keinen Gefallen. Heute haben wir sowieso schon zuviele hochangesehene Lehren, die in ihrem Ansatz selbstwidersprüchlich sind, wodurch sie fatalerweise immer wiedermal den Eindruck vermitteln, Recht zu haben, weil eben rechthaberisch nur nach punktuellen Bestätigungen gesucht wird, während die die Widersprüche erst aufdeckende umfassende kritische Prüfung unterbleibt. Da ist eine Gehirnforschung Text (II/6), die zum Beweis der Objektivität menschlichen Denkens, besonders aber natürlich das der Wissenschaftler, den Gegenstand ihres Forschens fast überflüssig macht, weil angeblich das Gehirn die frei herumlaufenden Informationen nur aufzunehmen braucht - um nicht zugeben zu müssen, daß wir lediglich Daten erfahren, die der Interpretation bedürfen, sollen sie zur Information werden, durch was sich die große Mannigfaltigkeit menschlicher Weltbilder zwanglos erklärt; da ist eine relativistische Forschung, Text (I/B9 u.a.), die durch "Messung" "bewegter" Uhren beweisen will, warum Bewegung am Bewegten selbst nicht direkt gemessen werden kann (z.B. die Bewegung der Erde um die Sonne), um nicht realisieren zu müssen, daß dem "Begriffe der absoluten Ruhe (und Bewegung) ... keine Eigenschaften der Erscheinungen entsprechen" (Einstein), wodurch sich ihre Nichtmeßbarkeit an der Sache selbst zwanglos erklärt - eine richtige Feststellung Einsteins in seiner berühmten Schrift von 1905, was ihn aber nicht hinderte, in ihr gleich danach die nicht vorhandenen "Eigenschaften der Erscheinungen" zur Grundlage einer "Sacherklärung" des bereits geklärten Sachverhalts zu machen, nämlich, daß es den Äther nicht gibt. Und jetzt Text (III/6), gewissermaßen als kaum überbietbarer Gipfel des Widersinns, auch noch "das ironischerweise(!) einzigartige Menschliche an uns", das "wir mit vielen nichtmenschlichen Verwandten gemeinsam haben"? Können wir mit soviel Selbstwidersprüchen auf Dauer leben, ohne die Kritikfähigkeit zu verlieren? Oder haben wir sie schon verloren oder haben wir sie noch nie gehabt? Es geht ja nicht darum, daß ein einzelner Wissenschaftler gelegentlich Widersprüchliches von sich gibt, das passiert jedem Menschen, sondern darum, daß diese Widersprüche methodisch angelegt sind und von vielen Lehrstühlen und Lektoraten kritiklos akzeptiert werden, obwohl sie eigentlich unmöglich übersehen werden können. Wie wollen wir aber dann die existentiellen globalen Probleme bewältigen, die mehr als jemals zuvor unsere ganze Intelligenz erfordern, wenn nichteinmal die Gemeinschaft der Wissenschaftler in der Lage ist oder sich keine Mühe gibt oder durch Ideologie gehindert wird, ihr Denken mit ihrem Wissen in Einklang zu bringen? Ist Wissenschaft denn nicht ganz vergebens, wenn z.B. Verhaltensforscher erst herausfinden, daß wir "die soziale Intelligenz mit vielen nichtmenschlichen Verwandten gemeinsam haben", dann aber Evolutionspsychologen ihre Lehre darauf aufbauen, daß sie "das einzigartige Menschliche" sei (um ein Hintertürchen für den von der biologischen Forschung längst widerlegten Kreationismus aufzustoßen)? Mit der Flucht in die Ironie, richtiger gesagt in den Zynismus, der 5 eine gerade Zahl sein läßt, werden wir den Einklang von Wissen und Denken sicher nicht erreichen, denn der Zynismus ist die Kapitulation des Geistes vor den Widersprüchen.

Ich denke, es geht nicht ohne die vorbehaltlose und evtl. schmerzhafte Ehrlichkeit und nicht ohne den Mut zu sagen, was Sache ist, wollen wir die Sache klären und das Leben meistern. Weil Wissenschaft ohne Ehrlichkeit keinen Sinn macht und unsere Gesellschaft auf zutreffendes Wissen angewiesen ist, heißt es in § 4 der DPG-Satzung ganz richtig: "Die DPG verpflichtet sich und ihre Mitglieder für Freiheit, Toleranz, Wahrhaftigkeit und Würde in der Wissenschaft einzutreten und sich dessen bewußt zu sein, daß die in der Wissenschaft Tätigen für die Gestaltung des gesamten menschlichen Lebens in besonders hohem Maße verantwortlich sind". Und ihr Verhaltenskodex für Mitglieder, Text (I/B1) sieht daher "das für alle Wissenschaften in allen Ländern gültige Grundprinzip der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen" als die Maxime jeglichen Handelns. Es geht immer zu Lasten des Wissens, wenn versucht wird, vorwissenschaftliche Überzeugungen bestätigt sehen zu wollen, seine Meinung also nicht ändern zu müssen. Auf diesem angeblich leichten Weg des geringsten geistigen Widerstands erntet man nichts wie Schwierigkeiten, während bei vorbehaltloser Annahme der Fakten sich die Dinge wie von selber ordnen. Am Schluß seines dreiundsechzigsten Spruches sagte der chinesische Weise Laotse zu dieser Situation: "Wer alles leicht nimmt, findet lauter Schweres. Darum der Vollendete: er nimmt alles schwer, so findet er alles leicht." (nach Carl Dallago)

© HILLE 1996


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