Was ist Philosophie?



"Was sich bestimmt ausdrücken lässt,
das muss von innen heraus kommen
und von seiner inneren Form herleiten."
(Meister Eckhart)

Nach Jahrzehnten philosophischen Ringens um Klarheit und Wahrheit ist mir 22 Jahre nach Beginn der Veröffentlichung philosophischer Texte mittels dieser Homepage die Antwort auf die immerwährende Frage "Was ist Philosophie?" im März 2018 ganz klar vor Augen gestanden, so dass ich sie in einem Zug und kurzgefasst aufschreiben konnte. Die Kürze ließ sie mir für meine Philosophischen Sentenzen geeignet erscheinen. Das ist der Text sicherlich. Aber primär gehört er vor allem in die Sparte "Philosophie und Hirnforschung" von WEGE DES DENKENS, weshalb Sie ihn hier unverändert finden. Nur dieses Vorwort mit Eckhartzitat und zwei Hinweise auf Dateien sind dazu gekommen. Zur Vertiefung meines Textes sind am allgemeinverständlichsten insbesondere die Philosophischen Sentenzen des Jahres 2012 geignet, zu finden auf ZEIT UND SEIN, meine 2. Homepage.

Das Geistige des Menschen ist die nach innen genommene Auseinandersetzung mit der Welt. Ihrer Natur nach ist Philosophie das Ringen um die Freiheit des Geistes, d.h. frei sein zu wollen von Wissensillusionen und Doktrinen, die Menschen hindern, die Welt angemessen zu verstehen. Wer auf diese Weise frei ist, wird ein Weiser genannt. Philosophie ist also nicht schon diese oder jene mehr oder weniger kluge Weltinterpretation, sondern im Kern das ehrliche Bemühen, um die Lauterkeit des Verstehens, ohne Rücksicht auf Erwartungen und Erfolge. Das ist für mich die Philosophia perennis, die immerwährende Philosophie des Ringens um die Klarheit des Denkens, ausgehend vom Ringen um die Klarheit der verwendeten Begriffe, um geistig souverän zu sein.

Auf diesem kritischen Weg bin ich zu der Einsicht gekommen, dass alles Verständnis auf dem Selbstverständlichen beruht. Verstehen kommt also nicht von außen, sondern aus uns selbst, aus dem Unbewussten, das ein rationales Organ ist, das überschätzte Bewusstsein dagegen nur sein Kontrollorgan. Denn wer schon Selbstverständliches nicht versteht - was will er dann verstehen? Selbstverständliches beginnt mit der Einsicht, dass Nichts etwas hervorbringen kann, d.h. ohne Ursache keine Wirkung. Wo bei Unbelebten es an Ursachen fehlt, verharren die Dinge von sich aus in ihrem Zustand (Newton, 1. Axiom). Bei Belebtem sind es dagegen die eigenen Bedürfnisse und Motive, die es antreibt, da es aus eigenem Grunde lebt und wirkt. Diesen Unterschied zwischen Unbelebten und Belebten gilt es stets zu beachten.

Schwerpunkt meines Philosophierens ist die Erkenntnistheorie, die in einer Theorie des Verstehens aufgeht - s. (III/3) "Das Verstehen des Verstehens". Wissen wir, warum wir eine Aussage für wahr halten und warum wir etwas zu verstehen meinen, werden wir Herr im eigenen Haus und können kritisch mit Meinungen umgehen. Kennen wir die Prämissen unserer Urteile dagegen nicht, bleiben wir ihnen ausgeliefert. Die Suche nach Gründen und Ursachen ist als Schritt in der Evolution in uns angelegt, sichert er doch das Überleben. Wir erkennen ihn am hartnäckigen Warumfragen der Kinder. Wir sollten sie ernst nehmen. Es ist keine Schande, mal etwas nicht zu wissen, sondern sollte Anregung sein, darüber weiter nachzudenken.

Wollen wir den Charakter unseres Denkens tiefer verstehen, gilt es die Ergebnisse der Hirnforschung zu berücksichtigen, was man Neurophilosophie nennt. Hierbei ist grundlegend, dass das Gehirn aus zwei Hälften besteht, die durch einen Balken, dem Corpus Colossum, verbunden sind. Die Hirnforschung hat nun herausgefunden, dass die Erfahrung und das Wissen in der rechten Hirnhälfte kompakt gespeichert sind, während die linke Hälfte versucht, dieses Wissen syntaktisch zu formulieren und erhellend zu verknüpfen. Sie ist also für die Sprache und das Denken zuständig. Das heißt, das Hirn ist ein selbstreferentielles Organ.

Die "Wahrheit" einer Aussage bezieht sich dabei immer auf das jeweils zur Verfügung stehende Wissen oder was aus ihm gefolgert werden kann. Es gibt keine Wahrheitsinstanz außerhalb unseres Wissens. Niemand wird doch ehrliche Urteile über etwas fällen können oder wollen, von dem er nichts weiß! Prüfen wir einen Sachverhalt, dann verursacht nicht dieser ggf. ein neues Urteil, sondern wir bilden uns ggf. ein neues Urteil, das mit unserem vorhandenen Wissen konform geht. Wir sind also selbst verantwortlich für das, was wir denken und sagen, was für viele instinktiv ein unbequemer Sachverhalt ist, dem sie gern auskommen möchten, weshalb es so viele Ausreden, auch in Form von Philosophien gibt. "Philosophie ist Aufklärung - aber gerade auch Aufklärung gegen den Dogmatismus ihrer selbst." (Hans-Georg Gadamer, aus seiner Selbstdarstellung) Das ist die Geschichte der Philosophie. Die Geschichte der Weisheit ist noch ungeschrieben.

Es stellt sich natürlich die Frage, warum die Freiheit des Geistes so schwierig zu erlangen ist. Antwort: Weil das Hirn sie nicht will. Es hat kein Vertrauen in seinen Besitzer. Oder wie es Jürgen Krüger formulierte: "Da lacht sich das Gehirn ins Fäustchen. Es ist dasjenige Organ, das die Erforschung seiner eigenen Leistungsfähigkeit, mittels eben dieser Leistungsfähigkeit bestmöglich zu verhindern weiß." Und warum tut es das? Um ungestört Plausibilitäten als "objektive Wahrheiten" verkaufen zu können, weil das im praktischen Leben der Fitness dient. Wenn man es aber durchschaut hat, arbeitet es durchaus mit einem zusammen, wie ich erfahren konnte. Man bewegt sich dann im Denken auf einer anderen Ebene.

Andere erkennen ist klug, sich selber erkennen ist weise.  (Laotse)

Heilbronn, den 14. März 2018
Helmut Hille



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