Die Würde des Menschen

Humanität contra Moral



So wie Anmut der Ausdruck einer schönen Seele ist,
so ist Würde der Ausdruck einer erhabenen Gesinnung.

Schiller, Über Anmut und Würde

Der Mensch ist das einzige Wesen, das nicht nach einem Typus (Urbild) erschaffen ist,
weshalb er die Freiheit besitzt, sich selbst zu vollenden.

Giovanni Pico della Mirandola, ital. Humanist u. Philosoph (1463-1494)
Hat als erster die Würde des Menschen in seiner Rede De dignitate hominis in das abendländische Bewußtsein gebracht

Je mehr ich über die Würde der Gorillas weiß,
desto mehr meide ich die Menschen.

Dian Fossey, 1985 in Ruanda ermordete Gorillaforscherin

Denn wo ein jeder Mensch im eigenen Innersten berührt ist,
da ist er letztlich selbst für seine Gewissensentscheidungen verantwortlich,
solange wir in einer Gesellschaft leben, die darauf begründet ist,
in der Gewissensfreiheit jedes Einzelnen den Kern der Würde jedes Menschen zu achten.

Hubert Markl, Biologe, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft
über "Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde: Warum Lebenswissenschaften mehr sind als Biologie"
Ansprache auf der Festversammlung der MPG am 22. Juni 2001 in Berlin



Ich kann auch nicht umhin, mich in diesem Zusammenhang nicht nur zur "Freiheit eines Christenmenschen" - nämlich seinen Glaubensnormen entsprechend zu leben - sondern auch zur "Freiheit eines Nichtchristenmenschen" zu bekennen, denn wenn es um bioethische Entscheidungen geht, die insbesondere Beginn und Ende des Menschenlebens betreffen, dann muss der Gewissens- und Handlungsfreiheit des einzelnen selbst betroffenen Menschen - ob Christ oder nicht - in einer freien Gesellschaft ein hoher Rang eingeräumt bleiben. Damit ist nicht nur die Freiheit von Eltern, insbesondere von Müttern gemeint, sich, wenn Präimplantations- oder Pränataldiagnostik schwere Entwicklungsstörungen einer Leibesfrucht erwarten lässt, nach ärztlicher Beratung für oder gegen deren Austragen zu entscheiden. Mich schrecken dabei sozialethische Argumente der Art, es könnte die Stimmung in der Bevölkerung für oder gegen Behinderte beeinflussen, wenn es Müttern frei überlassen wird, solche schweren Entscheidungen zu treffen. Nicht nur deshalb, weil sich hier andere anmaßen, nach ihrem Gutdünken anstelle der Eltern und vor allem der Mütter zu entscheiden. Dabei wird nämlich verkannt, dass die allermeisten Behinderungen sowieso nicht angeboren sind und dass selbst von den angeborenen Fällen auch künftig sehr viele keineswegs früh erkannt werden können. An Behinderten wird es der Gesellschaft also bestimmt nicht mangeln.
     Mich schreckt am meisten der Geist erbarmungsloser Moral und zugleich des rechtlichen Zwanges auf betroffene Einzelne im Dienste vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen. So als gehörten eine Frau und ihr Reproduktionsverhalten und sogar die dabei instrumentalisierten Behinderten zu allererst einmal dem Staat, der dieser Frau in von Mehrheitsmeinung abhängigen Grenzen Freiheiten hinsichtlich ihres ureigensten Menschenrechts, nämlich der Entscheidung über die eigene Fortpflanzung, einräumt oder versagt, und sie gegebenenfalls dazu zwingt, ein schwerst behindertes Kind sozusagen als Exempel für andere auszutragen und aufzuziehen. Je älter ich werde, umso falscher finde ich es nämlich, wenn alte Männer - wie ich - junge Männer gegen ihren Willen für den Krieg und junge Frauen gegen ihren Willen zur Fortpflanzung verpflichten wollen. Es mag schon zutreffen, dass Eltern keinen Rechtsanspruch auf ein gesundes Kind haben - allerdings sehr wohl ein Menschenrecht, danach zu streben! Aber ebensowenig gibt es wohl einen Rechtsanspruch einer Gesellschaft auf Zeugung und Geburt von Behinderten zum Ausweis ihrer moralischen Prinzipien! Ich will auch nicht verhehlen, wie irreführend mir in diesem Zusammenhang der Vergleich mit den mörderischen "rassenhygienischen" Zwangsmaßnahmen der Nazis erscheint. Wer den moralischen und rechtlichen Unterschied zwischen der Nichtannahme eines Embryos oder Fötus in eigener, gewiss nicht leichter Verantwortung der Eltern, und der zwangsweisen Ermordung behinderter Kinder oder Erwachsener im suggerierten Volksinteresse nicht erkennen will, könnte am Ende gerade dem Andenken an die Opfer des Nazi-Staatsterrors am wenigsten gerecht werden. Nichts anderes gilt im übrigen für die in freier Entscheidung erwünschte Sterbehilfe: Nur wer sich nicht als freier, selbstentscheidungsberechtigter Staatsbürger, sondern als lebens- und bis zum Ende tributpflichtiges Staatseigentum begreift, kann akzeptieren, dass eine Mehrheit sich anmaßt, diese persönlichste aller Lebensentscheidungen staatlich zulassungspflichtig zu machen. Ich jedenfalls bekunde offen meinen Respekt vor dem niederländischen Parlament, das den hohen Wert der Freiheit des Menschen, über sich selbst zu entscheiden, recht eigentlich also seiner Menschenwürde, trotz aller Anfeindungen, mutig anerkannt hat.

Hubert Markl, Biologe, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft
über "Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde: Warum Lebenswissenschaften mehr sind als Biologie"
Ansprache auf der Festversammlung der MPG am 22. Juni 2001 in Berlin - s. die nachfolgende Datei



KOMMENTAR I: Markls mutige Rede für die Freiheit des mündigen Bürgers und für die Freiheit einer verantwortlichen Forschung und gegen den "Geist erbarmungsloser Moral" (Markl), die von der immer gepredigten Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, auch nicht, wenn sie in Not sind, so gar nichts spüren läßt, ist für mich in Inhalt und Stil ein herausragendes Dokument humanitärer Gesinnung, weshalb ich Markl hier das Wort überlasse habe. Der vollständigen und originale Text seiner Rede, mir vom Präsidenten selbst zugesandt, findet sich auch auf der Homepage der Max-Planck-Gesellschaft - hier in der nachfolgenden Datei. Ist es nun ein Abgrund von Verkehrtheit oder ist es Methode, daß gerade diejenigen, die in der laufenden Debatte um die Zulässigkeit von Gentechnologie das Argument der angeblichen Menschenwürde von Stammzellen immer so schnell zur Hand haben zugleich auch diejenigen sind, welche dem erwachsenen Bürger seine tatsächliche Menschenwürde, in Gewissenfreiheit selbstverantwortlich entscheiden zu können, verweigern wollen? Sehen sie also die Würde des Menschen bei den Stammzellen, um sie nicht beim Erwachsenen sehen zu müssen? Und wenn das Argument der Menschenwürde einer befruchteten Eizelle zur Verhinderung des humanitären Fortschritts nicht ausreicht, dann gibt es ja in Deutschland noch den beliebten falschen Vergleich mit den Untaten der NS-Zeit als unfehlbares Totschlagsargument jeglicher, auch wohl überlegter Veränderung. Geht es aber umgekehrt um das Ende der Diskriminierung Homosexueller, dann legt ihre Verfolgung durch die Nazis "christlichen" Landesregierungen keine Hemmungen auf, zur Verhinderung der Gleichstellung ihrer verantwortlichen Lebenspartnerschaften vor dem Gesetz, die erforderlichen Durchführungsgesetze widerrechtlich zu unterlassen und das Bundesverfassungsgericht anzurufen, das ihnen hoffentlich die richtige Antwort erteilen wird.
     Ich denke unverbesserlich immer noch, daß Christus die Liebe Gottes zu allen Menschen lehren wollte, in der richtigen Erkenntnis, daß Gott selbst die Liebe ist, und nicht die gnadenlose Verfolgung jener lehren wollte, die - z.B. durch ihr genetisches Erbe, durch ihre naturgegebene Veranlagung oder durch unheilbare, schmerzvolle Leiden - mühselig und beladen sind. Was ist an einer Moral christlich, die nicht die bedingungslose Nächstenliebe lehrt? Kann Christus Lehre eigentlich mehr verkannt werden? Wann fängt man an, sich zu besinnen?
     Lassen wir uns im Kampf um die Würde des Menschen nicht beirren, auch nicht vom Nachbarn der Zentralverwaltung der MPG in München, der Bayerischen Staatskanzlei, der Speerspitze inhumaner vatikanischer Moral in Deutschland, der eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gegen das vom niederländischen (!) Parlament verabschiedete Gesetz erwägt, das aktive Sterbehilfe unter strengen Voraussetzungen zuläßt (Heinrichsblatt, 6.5.2001). Jeder von uns muß sterben und da könnte es auch Herrn Stoiber einmal zugutekommen, wenn er in einer hoffnungslos elenden Lage jenes humanitäre Erbarmen findet, das ihm ein würdiges Sterben ermöglicht. Ich wünsche ihm, dem Sprecher der Erbarmungslosen, der da ohne Liebe zu den Menschen ist, ein solches Erbarmen, ebenso mir selbst und allen anderen schon heute, und uns allen eine Regierung und/oder eine Kommission in Brüssel, die Mut für eine weitere Humanisierung des Rechts hat, um - christlich gesprochen - Gottes Liebesgebot ohne Ausgrenzungen Geltung zu verschaffen.
*"http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/redenPraesident/redenMarkl/index.html" (Adresse Juli 2005 aktualisiert)



Ein Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, der ein selbstbestimmtes würdiges Sterben nicht zu den Menschenrechten zählt, versteht nichts von Menschenrechten. Da ist es kein Wunder, dass fanatische Gegner des neuen belgischen Sterbehilfegesetzes ihn im Namen der "Würde" des Menschen anrufen wollen, um das Gesetz zu verhindern. Wie die Liebe zum Menschen wird hier auch die Logik auf den Kopf gestellt und ein Gerichtshof für Menschenrechte wird zu einem Gerichtshof für Menschenknechte. Käme die Menschenliebe aus dem Herzen, hätte man mit echter Menschenwürde keine Probleme. So aber wird der Mensch als Staats- und Wirtschaftsgut behandelt: Vom Moment der Befruchtung der Eizelle an bis zu seinem letzten Atemzug - und darüber hinaus auch in seinem Verbleib als Leiche, in der Gestaltung seiner Grabstätte und der Verweildauer in ihr, unterliegt er "im Namen der Moral" rigiden Vorschriften seiner Wächter. Und er darf auch nicht durch Selbsttötung (diffamierend "Selbstmord" genannt) und plötzlichen Herztod einfach so aus dem Leben scheiden, im letzteren Fall dazu noch glücklich, bevor nicht Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser, Sanitätsdienste, Pfleger und Geistliche ihn ausgiebig zur Kasse gebeten haben. Am Elend der Menschen lässt sich doch am meisten verdienen.*
     Aber es ist gerade diese religiös bestimmte Moral, die gegen das Töten von Menschen wider deren Willen auf der ganzen Welt die wenigsten Hemmungen hat, fühlt man sich doch gegenüber irdischen Befindlichkeiten erhaben. In Anbetracht der Entwicklungen in der Welt nach den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001 und der Bedrohung aller Zivilisation und Menschenrechte durch fanatische "Gotteskrieger", die auf ihre Weise einer erbarmungslosen Moral folgen, ist klar zu stellen, was Gottes und was Menschenwerk ist, was heilig ist oder nicht: Überall da, wo in einer Gemeinschaft der Geist bedingungsloser Liebe umgeht, da weht der Geist Gottes, der die Liebe ist, ganz gleich wie sich diese Gemeinschaft nennt. Aber überall da, wo Feindschaft auf andere Menschen, andere Überzeugungen und Sitten gepredigt wird, da ist Menschengeist am Werke, und wenn er sich noch so sehr auf angebliche göttliche Gebote beruft. Hierzu sagte Meister Eckhart im wahren Geist der Barmherzigkeit, die niemand ausgrenzt**: "Der Mensch gewinnt nimmer wahren Frieden mit Gott, er habe denn Frieden mit seinem Nächsten. Aber es ist ein kleines Ding, wenn einer Frieden hält mit einem, der ihm gleich ist, denn Gleichheit ist ein Beweggrund des Friedens. Aber daß man Friede hält mit ungleichen Leuten, die einen entgegen sind, das ist edler, denn da gibt es keinen Beweggrund des Friedens als die göttliche Liebe allein."
*Um den Einbußen durch die Gesundheitsreform zu begegnen, haben Heilbronner Apotheker sich März 2004 dem "Kampf gegen den plötzlichen Herztod" verschrieben, das Risiko (des Patienten und der Angehörigen) in kauf nehmend, ihn auf diese Weise ins Dauerkomma zu versetzen, statt allen ihren Frieden zu lassen.
**den ich aber auch bei vielen Christen vermisse, s. hierzu Markls obige Rede und den hier vorausgehenden Kommentar



Ethik und Moral standen (leider!) in der Vergangenheit für "Anpassungsdruck", soziale, aber auch gesellschaftliche Außenkontrolle über das Verhalten der einzelnen Menschen, weitgehend auch für Triebunterdrückung, Konformität und Ich-Verlust. Freiheit wurde zur Farce, Anpassung war alles. Kein Wunder, daß die Ethik bis in die Gegenwart hinein eher auf Ablehnung als auf Zustimmung stößt.
     In den letzten 150 Jahren haben sich unsere Welt und damit die in ihr liegenden Herausforderungen grundsätzlich verändert. Wir Menschen müssen im Jahr 2000 mit ganz anderen Problemen fertig werden, wenn wir als Gattung und immer auch als einzelner eine lebenswerte und perspektivisch hoffnungsvolle Zukunft haben wollen.

Kirchenrat Dieter Schart, Ethik-Dozent an der FH Heilbronn, Gefangenen- und Truppenseelsorger,
am 24.10.2000 in seiner Ringvorlesung "Welche Werte braucht unsere Gesellschaft, um die Probleme der Zukunft zu bewältigen?"
(siehe hierzu den nachfolgenden Text (III/9) "Grundlagen einer holistischen Ethik")



Ethos und Würde des Menschen erweisen sich vor allem am Umgang mit jenen, die seines Schutzes bedürfen. Für die irdische Schöpfung ist ein von Menschen ausgeübter Schutz der Mitwelt schon längst zur Schicksalsfrage geworden, weshalb wir uns nicht auf fromme Sprüche aus fernen Zeiten verlassen können, sondern hier und heute unser Herz und unsere Vernunft sprechen lassen müssen, um zu einer aufgeklärten Selbststeuerung zu kommen, die allen ein ihnen angemessenes Überleben sichert. Zur Würde des Menschen gehört für mich, daß er fähig ist, die Dinge um ihrer selbst (und nicht nur ihres Nutzens) willen zu lieben und zu respektieren, als den Widerschein der großen Schöpferkraft, der auch er sein Dasein verdankt.

aus: "Grundlagen einer holistischen Ethik", Text (III/9), Kommentar



Die Aufklärung der Beobachterrolle ist unumgänglich notwendig, wollen wir nicht nur Herr über die Dinge, sondern auch Herr im eigenen Hause werden und in der Wissenschaft zu objektiveren Aussagen kommen. Sonst laufen wir weiterhin blindlings den vom Gehirn erzeugten Illusionen hinterher. Mit solcher Selbstbesinnung beginnt das, was für mich zur Würde des Menschen gehört, während der blinde, aneignende Gebrauch von Fähigkeiten räuberischer Natur ist, die es, um unserer Würde und Zukunft willen, mehr und mehr zu bedenken gilt.

aus: "Das Verstehen des Verstehens" Text (III/3), Pkt. 5.4



Wenn gesagt wird: Gott ist die Wahrheit oder die Wahrheit ist bei Gott, so sind damit Aussagen gemeint, die sich ergeben, wenn der Mensch - sein übliches Denken transzendierend - den weitestmöglichen Gesichtspunkt einnimmt, hier: ein Universum ohne Grenzen in Raum und Zeit. Ein solch unendliches Universum bringt nicht nur alle kosmologischen Probleme zum Verschwinden, sondern läßt auch keinen Ort für einen Gott der außerhalb steht. Ich sehe es als ein Werk der Kirchen an, Gott und Welt getrennt zu haben, damit für sie mehr Herrschaftsraum bleibt. Dadurch haben wir heute einen heiligen, ewigen und unendlichen Gott, und eine aus dem Nichts geschöpfte unheilige, zum Verbrauch bestimmte endliche Welt. Daß aber das eine nicht ohne das andere sein kann, spüren wir ganz instinktiv. Daher käme es darauf an, das Schisma, das nur in unseren Kopf existiert, um unserer Vernunft und Würde willen zu überwinden.

aus: "Gottes Urknall?" Text (I/C3), Pkt. 7



Ich bin überzeugt, daß wir auf Dauer unser Menschsein und unsere Zukunft nur meistern können, wenn wir erwachsen werden und die Welt so annehmen, wie sie tatsächlich ist, und daß alle die benebelnden Schönredereien und die wohlfeilen Tröstungen weder des Menschen würdig, noch für das Überleben der Menschheit hilfreich sind.

aus: "Der Weg zum Humanum" Text (III/11)



Der Mensch ist also immer noch auf der Suche nach dem, was sein geistiges Menschsein ausmacht, was geistig seine Chancen und was seine Grenzen sind. Das spezifisch Menschliche ist nicht etwas Fertiges, lediglich Verborgenes, das nur noch aufgedeckt werden muß, sondern etwas, das es, wie die menschliche Würde, durch die eigene Arbeit am Menschsein erst zu bilden gilt. Ein solcher Prozeß ist nicht ohne Schmerzen, muß doch jeder die Verantwortung für sein Denken und Tun selbst übernehmen und sich von bequemen Annahmen und wohlfeilen Illusionen trennen.

aus: "Das Verstehen des Verstehens" Text (III/3), Pkt. 11



KOMMENTAR II: Wie Markls Worte und die weiteren Zitate zeigen, haben Humanisten* eine hohe Vorstellung von der Würde des Menschen, die wohl erst in Ansätzen realisiert ist. Daß dieses Ideal der Würde dabei immer wieder mit kirchlichen Positionen in Konflikt gerät, ist weder von Markl, noch von mir gesucht, sondern Ausdruck einer unterschiedlichen Interessenlage. Während das humanistische Ideal der freie, selbstbestimmte Bürger ist, möchten religiöse und andere weltanschauliche Kreise den Menschen nicht uneigennützig in Form von "Moral" sagen, was er ist und was er zu tun hat. Sie wollen damit ihre veralteten Positionen rechtfertigen und stützen, statt das Liebesgebot ernst zu nehmen und sich an die Spitze der progressiven Kräfte zu stellen. Wenn die Moralisten mit ihren Argumenten zumindest zu beeindrucken wissen, so zeigt dies, wie sehr sich der Zustand des Menschen noch von seinem Ideal unterscheidet. Ideale existieren ja nur selten real. Doch sind sie die unverzichtbaren Leuchtfeuer, die immer wieder zu entzünden sind, wollen wir den Weg in eine humanere Zukunft finden.
*Manchen Humanisten, welche wohl eher Antiklerikale sind, halten mit Wolf Singer nichts von der Willensfreiheit, da sie das Unbewusste für eine fremde Macht halten, die den Menschen steuert. Doch der Mensch ist nicht teilbar. Er ist das alles, was er ist. Nachfolgend meine Stellungnahme zu Singer.



Dafür betont er (Wolf Singer) seinen Zweifel am freien Willen des Menschens und hält das Prinzip von Schuld und Sühne für verzichtbar. Aus einer reduktionistischen Sicht mag das plausibel sein und in Konsequenz auch zu wünschenswerten humaneren politischen Systemen führen, in denen mehr Demut und Bescheidenheit herrschen, wie Singer darlegt. Doch ich sehe den Menschen aufgefordert, jenseits aller naturwissenschaftlichen Erkenntnis, das Postulat der Willensfreiheit um der menschlichen Würde willen zu setzen, denn es gilt, im Angesicht der Mächtigkeit des Menschen sein Verantwortungs-Bewusstsein für sein Denken und Tun zu stärken und damit auch sein Menschsein jenseits seiner Naturhaftigkeit zu entwickeln. Auch in diesem Punkt halte ich das philosophische, das Ganze bedenkende Herangehen an zentrale Fragen für unverzichtbar, um die Zukunft des Menschen und den Aufstieg der Menschheit offen zu halten.

aus: "Anmerkungen zur Erkenntnistheorie", "SPIEGEL SPECIAL/Noch einmal Wolf Singer" auf Datei (III/4)


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