Gadamer und das hermeneutische Problem

Zum Tode des großen Philosophen am 13. März 2002


Die Lebendigkeit eines Dialogs entsteht durch die unmittelbare Anwesenheit der Diskutierenden, die voll aufeinander eingehen und ihre Aussagen durch Körpersprache mehr oder weniger unbewusst unterstützen. Bekanntlich kann ja ein Blick oder eine Geste mehr über die Befindlichkeit eines Sprechers besagen als "tausend" Worte, ist doch die Körpersprache unsere ursprüngliche Sprache, zu der auch das Abgeben von Lauten (und deren Modulation) gehört. Den lebendigen Dialog zeichnet auch aus, dass die Möglichkeit des Eingreifens besteht, bevor aufkommende Missverständnisse sich ausbreiten. Vom dialogischen Charakter der Sprache ausgehend, in der sich der Sprecher explizit mitteilen will, bezeichnet Hans-Georg Gadamer in "Text und Interpretation" (1983)* den "sokratischen Dialog als die Grundform des Denkens". Weiter heißt es bei ihm u.a.: "Was beim Sprechen herauskommt, ist nicht eine bloße Fixierung von intendierten Sinn, sondern ein sich beständig wandelnder Versuch oder besser, eine ständig sich wiederholende Versuchung, sich auf etwas einzulassen und sich mit jemanden einzulassen. Das aber heißt, sich aussetzen." Der Möglichkeit des Missverständnisses eben, weshalb wir der Kunst der Hermeneutik bedürfen. In seinen Reden und Schriften wird Gadamer nicht müde nachzuweisen, dass die Hermeneutik ein universales Problem ist, das sich nicht auf einige wenige Sparten geistiger Tätigkeiten beschränkt, wie der Übersetzung in andere Sprachen und der Auslegung heiliger Schriften oder juristischer Texte.

Die Sprache und damit auch der Text gehören zu einer "Zwischenwelt", in der geistige Gehalte durch Modulation oder Konfiguration von Materie zwischen Personen transportiert werden. "Jedenfalls versucht der Schreiber, wie der im Gespräch Befindliche, das mitzuteilen, was er meint, und das schließt den Vorblick auf den anderen ein, mit dem er Voraussetzungen teilt und auf dessen Verständnis er zählt. Der andere nimmt das Gesagte, wie es gemeint ist, d.h. er versteht dadurch, daß er das Gesagte ergänzt und konkretisiert und nichts in seinem abstrakten Sinngehalt wörtlich nimmt." (Gadamer, Betonung von mir) Es kommt eben auf das Erfassen des Sinngehalts des Gesagten oder Geschriebenen an und nicht auf den toten Buchstaben. "Die Schrift tötet, aber der Geist macht lebendig." (Meister Eckhart) Oder wie Plutarch Parmenides verteidigt: "Indem nun Kolotes einzelnes aus seinem Zusammenhang löst und es dann wörtlich, und d.h. falsch, interpretiert und sich statt auf die Sache auf den Buchstaben beruft, behauptet er, daß Parmenides alles abschafft, wenn er annimmt, daß das Seiende eins ist. Parmenides jedoch schafft keine von beiden Naturen ab, sondern gibt jeder Natur [des Wissens: der logisch erkennbaren wie auch der meinbaren] das ihr Zukommende."

Der Umstand, dass Empfindungen und Gedanken eines an Materie gebundenen Zwischenreiches aus Körperhaltungen, Gesten, Mimik, Tonmodulation, Worten, Zeichen, Symbolen und Metaphern bedürfen, um anderen mitgeteilt werden zu können, ist der Ursprung des hermeneutischen Problems. Gegenüber den meisten Tieren, die sich, abgesehen von der Körpersprache, nur durch Laute, z. B. durch Warnlaute, ggf. ergänzt durch die Blickrichtung, mitteilen können, hatten und haben die Hominiden als Zweibeiner den Vorteil, zusätzlich mit der Hand auf das Gemeinte, z. B. ein Raubtier als Gefahrenquelle, deuten zu können und dadurch das lautlich Gemeinte zu verdeutlichen. Auf diese Weise wurde in der Geschichte der Hominiden das Deuten mittels Handzeichen der Beginn der Hermeneutik und möglicherweise auch des Menschseins. Doch gleich ob Körpersprache, Gestik, Mimik, Handzeichen, Symbole oder Worte - immer haben wir es mit einem Sprechen zu tun. Also muss es auch etwas davon Verschiedenes geben, über das gesprochen wird. Das weist darauf hin, dass es vor aller Sprache eine rein mentale Ebene der Bedeutungen und Sinngehalte gibt, in der das Individuum bei sich selber ist. Diese Bedeutungen und Sinngehalte hör- oder sichtbar und damit auch diskutier- und prüfbar zu machen ist die größte Herausforderung der Hermeneutik (Deutungskunst), nennen wir sie Kunst, Dichtung, Literatur, Religion, Mystik, Wissenschaft oder Philosophie. Diese Hervorbringungen sind der immerwährende Versuch der Erhellung und Vermittlung dessen, was Menschen geistig-seelisch, also im Innersten bewegt. Steinzeitliche Felsenbilder, Skulpturen und Höhlenmalereien sind die ältesten uns bekannten menschlichen Versuche, Eindrücke/ Deutungen darzustellen und festzuhalten. Und da Eindrücke etwas sehr Persönliches sind, kann alle Deutung nicht ohne den Deutenden verstanden werden. Das heißt generell: alle Deutung spiegelt zuerst einmal das Vorwissen, das Können und das geistige Niveau des Deutenden, aber auch sein Interesse, seine Aufmerksamkeit und den Zeitgeist. Das sind zwar immer wieder andere, aber nicht aufzuhebende Grenzen aller Hermeneutik, die sie zu einer immerwährenden Aufgabe machen.
*alle Zitate aus "Gadamer Lesebuch" UTB, Tübingen: Mohr 1997

© HILLE 2002-2004

ursprünglich Beitrag vom 3. April 2002 zum Newsletter "Sokrates-Jahr 2002" - Originalfassung s. hier
ferner war im Dezember 2002 der Entwurf die 1. "Philosophische Sentenz des Monats" auf www.museumsart.de
in der aktuellen Fassung Ende 2007 in 3 Teilen dort nochmals veröffentlicht und archiviert


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