Die etwas andere Zeitgeschichte

Schildbürger auf der Suche nach der versprochenen Zeit

und nach der Größe v (Lied)


Wie jedermann weiß, hatten die Bürger von Schilda beim Bau ihres Rathauses die Fenster vergessen. Ihre Versuche, das Licht in Säcke einzufangen und es ins Rathaus zu tragen, waren fehlgeschlagen. Um den Baumangel zu vertuschen, beschlossen sie, das fensterlose Rathaus als Kornspeicher zu nutzen und daneben ein neues Rathaus zu bauen. Leider jedoch gehörte das Grundstück, auf dem sie bauen wollten, dem Großherzog. Sie schickten deshalb eine Abordnung in die ferne Residenz zum Großkämmerer des Großherzogs mit dem Wunsch, ihnen diesen Grund zu überlassen, sei es durch Tausch oder Kauf. Doch es vergingen Wochen ohne ein Lebenszeichen der Delegation. Endlich, bei einer Ratssitzung im Dorfkrug, erschien ein reitender Bote mit der Nachricht, man sei im guten Gespräch mit dem Großkämmerer, doch brauche man mehr Zeit. Erleichtert darüber, dass nicht mehr Geld oder auch diesmal wieder, wie beim Rathaus, mehr Licht verlangt wurde, sandten die Räte den Boten mit dem Versprechen zurück, die benötigte Zeit bald zu schicken, denn Zeit hätte man in Schilda genug.

Kaum jedoch war der Bote davon geritten, ging in Schilda ein großes Suchen nach der versprochenen Zeit los. Überall wurde nach ihr gefahndet: in Speichern, Kellern, Schränken, unter Matratzen, auf Dachböden, selbst in den Taschen der Tagediebe, denn diese schienen die meiste Zeit zu haben. Doch immer ohne Ergebnis. Daher kamen die Räte zusammen und überlegten, ob man denn überhaupt wisse, wie die Zeit aussieht. Vielleicht hatte man sie nur nicht erkannt. Sie fragten sich: ist die Zeit dick oder dünn, kurz oder lang, dunkel oder hell, leicht oder schwer, gerade oder gebogen, denn von einigen dieser Eigenschaften der Zeit hatte man schon gehört. Und wie soll man ihrer habhaft werden? Soll man Köder auslegen oder Fallen aufstellen? Sollte man es noch mal mit den Säcken versuchen oder es doch lieber gleich mit Bestechung probieren? Oder sollte man gar die hübsche, noch ledige Tochter des Bürgermeisters als Preis für den aussetzen, der die Zeit beibringt? Letztere Idee fanden einige Männer von Schilda verlockend. Doch war der Bürgermeister dagegen, der bei der Wahl seines Schwiegersohnes schon gern ein Wort mitreden wollte. Also wurde Blaustein vor den Rat zitiert und gefragt, was zu tun sei... In Bedrängnis geraten schlug er daher vor, trotz einiger Bedenken den Fachschullehrer Blaustein zu fragen, der als ziemlich schlau galt. Der hatte sich schon viel umgehört und auch sich selbst etliche Gedanken gemacht. Also wurde Blaustein vor den Rat zitiert und gefragt, was zu tun sei, um der Delegation mehr Zeit schicken zu können. Der überlegte nicht lange und sagte, gewitzt wie er war: Wenn ihr mehr Zeit nicht finden könnt, dann müsst ihr eben die vorhandene Zeit dehnen. Das schien ein plausibler Ausweg zu sein. Aber wo war nun die Zeit, die es zu dehnen galt? Die stärksten Männer des Ortes begannen gleich mit Dehnübungen. Sie streckten und reckten sich, einige griffen beherzt nach den dicken Ästen der Dorflinde und ließen sich an ihr baumeln, manchmal zwei, drei Männer aneinander hängend. Die Frauen und Kinder des Ortes fanden dass echt lustig. Aber wo war nun die Zeit, die es zu dehnen galt? Wieder schlich sich Ratlosigkeit in die Gesichter der Bürger. Blaustein, mit der Situation konfrontiert, überlegte abermals nicht lange und sagte: Wenn ihr die Zeit nicht finden und damit auch nicht dehnen könnt, dann müsst ihr eine Uhr nehmen und einfach sagen, das ist die Zeit, denn wo Sachverstand fehlt, stellen sich gern Sprachspiele ein. Ja aber, sagte der Schultes, wie dehnen wir dann die Uhr? (Uhren aus Gummi waren noch nicht erfunden.) Ganz einfach, sagte Blaustein, denn er wollte allen einfachen Gemütern auch immer alles ganz einfach erklären, ihr müsst nur die Uhr sehr schnell bewegen, dann kommt die Anzeige nicht mehr nach und die Uhr geht langsamer und damit ist die Zeit gedehnt. Zwar konnten die Bürger Schildas Blausteins Ideen gedanklich nicht nachvollziehen, doch meinten sie, es läge an ihrer mangelnden Bildung und Blaustein wäre ihnen geistig hoch überlegen, was ja auf eine gewisse Weise auch stimmte, denn er wusste immerhin, aus seinem Nichtwissen etwas zu machen. So gaben sie ihrem schnellsten Boten alle Sonnen- und Sanduhren mit auf den Weg in die Residenz (denn die Taschenuhr wurde in Nürnberg gerade erst erfunden), in der Hoffnung, die Zeit möge der Delegation nun reichen, dem Großkämmerer das gewünschte Grundstück abzuhandeln.

Für das Experiment der Zeitdehnung stand nur noch die Kirchturmuhr zur Verfügung. Die Schildbürger selbst jedoch hatte das Forschungsfieber gepackt und sie wollten wissen, ob die Zeit wirklich durch Bewegung gedehnt werden kann und um wieviel. Um das herauszufinden, stand ihnen allerdings nur noch die Kirchturmuhr zur Verfügung. Sie war zudem so groß und schwer und soweit da droben, dass sie von ihnen nicht bewegt werden konnte. Doch wieder wusste Blaustein Rat und sagte: da es relativ ist, ob die Uhr oder ihr Betrachter bewegt ist, würde es genügen, wenn alle Bürger vor der Uhr auf dem Kirchplatz schnell im Kreis herumliefen und sie dabei anblickten. So würde die Zeit nicht nur gedehnt, sondern auch gleich noch gebogen. Und so liefen Groß und Klein los, die Köpfe verrenkend immer den Blick nach oben auf die Kirchturmuhr gerichtet, weshalb es auf dem holprigen Platz zu zahlreichen Massenstürzen kam. Mal liefen die neuen Wissenschaftler rechts, mal links um den Platz vor Kirche herum...mal mit großem Hallo! einander begegnend,... Doch für die Wissenschaft bringt man ja gern ein Opfer. Mal liefen die neuen Wissenschaftler rechts, mal links im Kreis auf den Platz vor der Kirche herum, mal - wie raffiniert! - gegenläufig, also mit doppelter Laufgeschwindigkeit und mit großem "Hallo!" einander begegnend, auf diese Weise schneller als von Blaustein erlaubt, an dessen Weisheit sowieso erste Zweifel aufkamen. Nachdem sich in keinem Fall ein Zeiteffekt zeigte, schon weil es an einer nicht betroffenen Vergleichsuhr fehlte, an dem man ihn hätte ablesen können, stießen sie zuletzt - ob aus Eifer oder Wut - die sture Uhr einfach vom Turm, wodurch das teure Stück zwar am Ende seines Falles sehr schnell bewegt wurde und nach dem Aufprall auch noch in alle Richtungen ganz wunderbar gebogen und gedehnt war - aber leider auch so stark, dass es nicht mehr ging. Da, wie wir alle in unserem Bildungsnotstand zu wissen glauben, dass Uhr und Zeit dasselbe sind, blieb in Schilda nicht nur die einzige Uhr, sondern auch gleich noch die Zeit stehen. Es war plötzlich wie in der Traumzeit, in der es kein Vorher und Nachher gibt. Im einförmigen Singsang bewegte sich alles Leben und Denken nur noch im Kreise, ähnlich wie in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Kein neuer Gedanke kam mehr auf. Auch die neuesten Bücher pflegten nur alte Parolen. Und wenn sie nicht gestorben sind, machen die braven Schildbürger noch heute mit teuren Uhren Versuche, die Zeit zu dehnen (praktische Gummiuhren gibt es noch immer nicht), da sie auch nach Hunderte von Jahren in ihrer Biederkeit nicht glauben wollen, dass der schlaue Blaustein, der Schelm, ihnen einst einen Bären aufgebunden hatte. Doch wer sich einen solchen aufbinden lässt, statt sich als geistig herausgefordert zu erkennen, ist selber schuld. Für seinen Verstand und dessen Gebrauch oder Nichtgebrauch ist jeder selbst verantwortlich. Vielleicht war es das, was Blaustein den Menschen demonstrieren wollte. Aber sie haben es leider bis heute nicht begriffen.

Narren werden nicht gemacht, sondern vorgeführt.

Blausteins Ratschläge zum Umgang mit dem Zeitphänomen und das Zeitdehnungsexperiment entsprechen den Originalen. Doch die Zeit ist eine ideelle, durch das Gedächtnis ermöglichte physikalische Größe, nämlich das Maß der Dauer, weshalb Blausteins ganze Argumentation hinfällig ist.
Dalis zerfließende Zeit - oder doch nur eine zerfließende Uhr?
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s. auch wie durch Sprachspiele die Zeitdehnung "bewiesen" wird
s. auch zur Differenz von Uhr und Zeit und ein NASA-Experiment zur Zeitdehnung


So wie die Zeit eine Hervorbringung unseres vergleichenden Gedächtnisses ist, ist der Eindruck von Bewegung unbelebter Dinge und das Maß v ihres Tempos (Weg pro Zeiteinheit) genau so ein subjektives, der Orientierung dienendes Produkt desselben.

Man kann Physik auch singen!

Als ein weiteres Beispiel für "Physik in Literaturform" (DPG-Vortrag)*,
ist mir noch kurz vor meinem Berlinbesuch März 2014 dieses Lied eingefallen.
Man sollte sich auch hier durch die Lustigkeit der Form
nicht über die Ernsthaftigkeit des Anliegens täuschen lassen.
Es ist einfach so, wie auch Einstein es sah:
ohne Humor ist Physik heute nur schwer zu ertragen.
*Kurztexte 3) und 4) s. (I/B5) gegen Ende der Datei

Nach der Melodie und in Anlehnung an den Text von Peter Igelhoff (?):
"Eins, zwei, drei für fünf, sechs, sieben,
wo ist meine Frau geblieben …"

Nach den Michelson-Morley-Experimenten

Wo ist die Größe v geblieben?
(v = die Größe der Geschwindigkeit = Weg/Zeit,
die nur im Bezugssystem eines Beobachters aufscheint)

von Helmut Hille

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,
wo ist die Größe v geblieben?
Keiner weiß wie es geschah,
plötzlich war sie nicht mehr da.

Sieme, achte, neune, zehne,
jeder weiß wie ich mich sehne.
Keiner weiß wie es geschah,
plötzlich war sie wieder da.

Neue, zehne, elfe, zwölfe,
doch sie war nicht mehr die sölfe,
stand nur noch auf dem Papier,
warum ist sie nicht mehr hier?

Einer, Zweier, Vierer, Achter,
war nur im Kopf von dem Betrachter,
darum rechnet man ganz keck,
die Größe v ganz einfach weg.*

Fazit: (noch ohne Melodie)
Doch viele sahen das nicht ein:
Da muss doch wer gewesen sein!
Für sie fand Einstein schnell den Schuldigen,
drum tun ihn alle heut noch huldigen!

*Newton ließ das subjektive v rechnerisch verschwinden, rechnete nur mit der Differenz von v (Differenzialrechnung) als Ausweis einer objektiv wirkenden Kraft (seine Dynamik). Bei Lorentz fällt v wenn v = c genau so heraus. Das ist eine Münchhausiade und Zauberei. So wie Baron von Münchhausen sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog, in den er unbedacht hineingeritten war, so lassen die von Einstein benutzten Lorentztransformationen - sich selbst korrigierend - das zuvor hoch geschätzte v letztlich ebenfalls verschwinden, was sie in Grenzen brauchbar macht. Einstein also ein Newtonersatz - aber ein schlechter: da er von der Beobachterrolle nichts wissen wollte. Weil das Lorentzsche Rechenkunststückchen wie Physik aussehen sollte, erfand er Scheinerklärungen für das Ausbleiben von v mit Gegenständen und Eigenschaften, die es physikalisch gar nicht gibt. Auch seine Anhänger sehen und verstehen nicht, was da vor ihren Augen rechnerisch passiert, während Newton genau wusste, was er tat, ohne sich lange zu erklären, was leider zu vielen Missverständnissen führte und immer noch führt.



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