Nun plötzlich doch:

"Wissenschaft im Dialog"


Fortsetzung der Dokumentation (I/C1) zu der Frage: Was war vor dem Urknall?


Inhalt:
Brief an den Präsidenten der DPG, Prof. A.M. Bradshaw
Brief des Präsidenten der DPG
E-Mail der DPG
Pressekonferenz u. Grußwort von A.M. Bradshaw zum "Jahr der Physik"
Brief an den Präsidenten der DPG, Prof. A.M. Bradshaw
"Gehversuch. Die Physiker tasten sich aus dem Elfenbeinturm"
"Der gordische Knoten bleibt zu"


München, den 9. Oktober 1999

HELMUT HILLE, Perlacher Str.126, D-81539 München

Herrn
Prof. Dr. Alexander M. Bradshaw
MPI für Plasmaphysik
Boltzmannstr. 2

85748 Garching


Public Understanding of Science - genügt das?


Sehr verehrter Herr Präsident,

auf meinen Internetseiten habe ich unter der Überschrift "Was war vor dem Urknall?" (Text I/C2) eigene Briefe und Texte sowie Auszüge aus einschlägigen Veröffentlichungen zusammengestellt, u.a. aus den Physikalischen Blättern, sowie eine E-Mail von Prof. Wandelt an mich. Dabei ist fast nebenbei der o.g. Text entstanden, den ich Ihnen hier einschließlich der Titelseite beilege, betrifft er doch ein Anliegen von Ihnen. Das Programm PUSH des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft hat einen viel zu engen Ansatz und ist eher ein Armutszeugnis. Das zu belehrende unmündige Volk ist nicht nur am "Alltagsbezug und an der unmittelbaren Nützlichkeit von Wissenschaft" interessiert, sondern mehr noch an ihren Beiträgen zur Erweiterung des Weltbildes, wäre doch z.B. das große Interesse an der Kosmologie völlig unerklärlich. Außerdem möchte es seine eigenen Fragen und kritische Einwände in Veröffentlichung wiederfinden. In GB ist man da schon sehr viel weiter.

Ferner lege ich Ihnen die Announcing eines Buches der NOVA SCIENCE PUBLISHERS INC. New York bei, das auch einen Beitrag von mir enthält, der jetzt ebenfalls (in deutsch und englisch) auf meinen Internetseiten zu finden ist (I/C5). Bei einem Preis von $145 kann ich der DPG leider kein Freiexemplar zur Verfügung stellen. Wie auch in den Physikalischen Blättern zu ersehen ist, scheiden sich in der Frage von Lokalität oder Nichtlokalität physikalischer Phänomene die Geister. Doch ich denke, ich habe eine gute Begründung zur Akzeptanz nichtlokaler Erscheinungen vorgestellt.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Helmut Hille

3 Anlagen


DEUTSCHE PHYSIKALISCHE GESELLSCHAFT E.V.


DER PRÄSIDENT


Herrn
Helmut Hille
Perlacher Str. 126

D-81539 München


27. Oktober 1999

Sehr geehrter Herr Hille,

vielen Dank für Ihren Brief vom 9. Oktober, den ich mit Interesse gelesen habe. Unsere Bemühungen, den Dialog mit der Öffentlichkeit stärker zu suchen, sind leider relativ bescheiden, da wir nur über wenige Mittel verfügen. Selbst bei der Mitwirkung einer professionellen Agentur hängen viele Aktivitäten von der ehrenamtlichen Mitarbeit weniger Mitglieder ab. Ich hoffe aber, daß unsere Aktion "2000: Das Jahr der Physik" auch dazu beitragen wird, daß wir uns alle mehr Mühe geben, die Physik für Außenstehende verständlicher zu machen.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Bradshaw

A.M Bradshaw


Prof. Dr. ALEXANDER M.BRADSHAW
Max-Planck-Institut für Plasmaphysik
Boltzmannstr. 2
D-85748 GARCHING
TELEFON (089) 3299 - 1342, TELEFAX (089) 3299-1001
e-mail: bradshaw@hfi-berlin.mpg.de
oder Geschäftsstelle der DPG, Hauptstraße 5, D-53604 Bad Honnef


freenet

              E-Mail Nummer 8 von 8

Gesendet von:      dpg-bms@dpg-physik.de
An:
Datum:
          Fri, 17 Dec 1999 15:48:27 +0100
Länge:          4626 Bytes
Betreff:          2000: das jahr der physik
E-Mail-ID: To: helmut-hille@1019freenet.de
Precedence: list
X-Bulkmail: Mail Bulkmail 1.10
O: DPG Bulkmail System


*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*


Bad Honnef, Dezember 1999


Sehr geehrte Damen und Herren,

am Montag 6.Dez.1999, hat die Bundesministerin
fuer Bildung und Forschung, Frau Edelgard Bulmahn,
eine bundesweite Initiative
           Wissenschaft im Dialog
gestartet.

Die mehrjaehrige Initiative beginnt im Jahr 2000 mit dem
        Jahr der Physik.
Neben 5 zentralen Veranstaltungen werden ueberall in Deutschland
an Universitaeten, an Forschungseinrichtungen und an Schulen
Aktionen und Experimente zum Jahr der Physik stattfinden.
Ziel der Initiative ist, es die Menschen fuer Wissenschaft und
Forschung zu begeistern und den Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern die Chance zu geben, ihre Arbeiten vorzustellen
und transparent zu machen.

Inhaltlich und organisatorisch arbeitet hier das
Bundesministerium fuer Bildung und Forschung BMBF eng mit der
Deutschen Physikalischen Gesellschaft DPG zusammen.

        = = = = = = = = = =

......

Vielleicht sehen Sie sich auch schon einmal unsere Internet-Seite
an:
        http://www.physik-2000.de


Im Namen des Vorstandes der Deutschen Physikalischen Gesellschaft
wuensche ich Ihnen viel Erfolg!

Mit freundlichen Gruessen,

Prof. Heiner Mueller-Krumbhaar
(Koordinator der DPG fuer die Aktionen zu '2000: Jahr der Physik')


*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*2000*


aus: http://www.physik-2000.de/


Bulmahn und Bradshaw bei der Pressekonferenz "2000 - Jahr der Physik" am 6.12.99 in Berlin


Logo "2000 das jahr der physik"


Physikalische Blätter 56. Jahrgang, Heft 1, Januar 2000, Seite 3

Grußwort

      Physik ist lebendig, aufregend und
      immer wieder überraschend!

                        Das "Jahr der Physik" für den Dialog mit der Öffentlichkeit nutzen

                        Alexander M. Bradshaw


Liebe Mitglieder, ich hoffe, Sie haben den von viel Medienrummel begleiteten Jahreswechsel gut und unbeschadet von dem "Y2K-Bug" überstanden. Für uns als Physiker erhält das symbolträchtige Jahr 2000 zusätzliche Bedeutung dadurch, dass es zum "Jahr der Physik" erklärt wurde. Wie Sie bereits in den Physikalischen Blättern lesen konnten, hat Bundesministerin Edelgard Bulmahn, in enger Zusammenarbeit mit der DPG, die Initiative in dieser Angelegenheit ergriffen. Erstaunt schaut man schon seit längerem auf die angelsächsische Wissenschaftswelt, wo die public understanding of science-Bewegung beachtliche Erfolge aufweisen kann, z.B. science festivals. Die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen planen nun ihrerseits ein "public understanding"-Programm unter dem Motto "Wissenschaft im Dialog". Nicht ohne Grund fängt man bei diesen Bemühungen mit der Physik an: Als Leitwissenschaft kommt ihr eine besondere Rolle zu. Sie bildet nicht nur die notwendige Grundlage für weitere naturwissenschaftlichen Disziplinen, wie etwa Chemie, Biologie und Geowissenschaften, sondern besitzt auch eine Schlüsselfunktion in der modernen Technik, insbesondere bei der Halbleiter- und Informationstechnologie. Die Dynamik dieser Gebiete in den letzten Jahren wäre ohne die Fortschritte der physikalischen Grundlagenforschung undenkbar. Darüber hinaus ist die Physik eine tragende Säule unserer Kultur, die Fragen nach dem Ursprung und dem Schicksal des Universums, der Struktur der Materie und der Entstehung von Leben auf unserem Planeten beantwortet.
     Warum ist es gerade jetzt notwendig, sich unter dem Motto "Physiker suchen das Gespräch"* an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden? Auf der letzten Physikertagung in Heidelberg bin ich bereits auf einige Folgen des scheinbar zunehmenden Misstrauens gegenüber Naturwissenschaften und Technik eingegangen. Abgesehen von einer weit verbreiteten Technologieskepsis - als Beispiele seien hier Kernkraft, anthropomorphe Klimaveränderung und genmodifizierte Lebensmittel genannt wird gelegentlich die Meinung vertreten, das große Zeitalter der Physik sei vorbei. ... Die physikalische Forschung ist jedoch nach wie vor lebendig, aufregend und immer wieder überraschend, wie die Entdeckung der Bose-Einstein-Kondensation und die ersten Arbeiten zum Quantencomputer beweisen, um nur zwei Beispiele aus jüngster Zeit zu nennen. ...
* Betonung nicht im Original


München, den 22. Januar 2000

HELMUT HILLE, Perlacher Str.126, D-81539 München

Herrn
Prof. Dr. Alexander M. Bradshaw
MPI für Plasmaphysik
Boltzmannstr. 2

85748 Garching


2000: Das Jahr der Physik
hier u.a. Ihr Brief vom 27. Oktober 1999 und Ihr Grußwort


Sehr verehrter Herr Präsident,

daß der von mir schon im Untertitel meiner Homepage "Wege des Denkens" gehegten Hoffnung auf einen entscheidenden Durchbruch im Wissenschaftsverständnis im 21. Jahrhundert - und zu dem zählt für mich nicht zuletzt, daß die Wissenschaft den Dialog mit der Öffentlichkeit sucht, wie Sie meinem Brief 9. Oktober 1999 entnehmen konnten - gleich so pünktlich, schon zum Beginn des Jahrhunderts/Jahrtausends Rechnung getragen wird, hat mich nun doch überrascht. In Anbetracht der von Ihnen aufgenommenen Initiative der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Edelgard Bulmahn, über deren Initiative und ihre Umsetzung ich in meiner Homepage berichte, habe ich meiner Dokumentation "zur Verweigerung des Dialogs" in meiner Datei "Was war vor dem Urknall?" die Einschränkung hinzugefügt: "- zumindest im alten Jahrtausend". Ferner habe ich der Dokumentation meinen an Sie gerichteten Brief vom 9.10.99, Ihre freundliche Antwort vom 27.10.99, Auszüge aus einer E-Mail von Prof. Krumbhaar vom 17.12.99 zum Jahr der Physik und der einschlägigen Passagen Ihres Grußworts in den "Physikalischen Blättern" in Heft 1 ohne einen weiteren Kommentar, außer diesen Brief, hinzugefügt. Zusätzlich habe ich eine Kopie des offiziellen Logos zum Jahr der Physik und ein Link auf die entsprechende Internetseite der DPG aufgenommen. Da Sie Ihren Brief in Ihrer offiziellen Eigenschaft als Präsident der DPG schrieben, gehe ich von Ihrer Zustimmung zum Abdruck aus.

Inwieweit eine Dialogabsicht und Dialogfähigkeit tatsächlich existiert, muß sich jedoch erst erweisen, soll "Wissenschaft im Dialog" nicht nur ein schönes Motto bleiben. Ihrer Aussage, "Physiker suchen das Gespräch", steht die Lebenserfahrung vieler an der Physik Interessierten gegenüber. Es wird wohl nicht genügen, den Dialog nur zu fordern, denn der Einzelne ist träge. Genauso wie der von der DPG am 22. März 1998 in Regensburg beschlossene Verhaltenskodex für Mitglieder ohne eine Art Ombudsmann und ein Ehrengericht mehr oder weniger nur eine schöne Absichtserklärung ist, genauso wird der Dialog nicht stattfinden, wenn er nicht als Tagesordnungspunkt in den Tagungsprogrammen der Veranstaltungen verankert wird. 5 oder 10 Minuten Diskussion nach einem Vortrag ermöglichen es niemand, eine abweichende Position darzulegen. Welche Vorstellungen hat denn das BMBF, mit der die DPG zusammenarbeiten will, zum sicher nicht immer einfachen Dialog mit der (kritischen) Öffentlichkeit?

Anlaß meiner Dokumentation zur Verweigerung des Dialogs waren meine Gedanken zur Frage, was vor dem Urknall war, detailliert niedergelegt in der Datei I/C3 "Gottes Urknall? Für ein Universum ohne Grenzen in Raum und Zeit", wovon ich einen Abdruck beilege. Hierbei handelt es sich nicht um unüberprüfbare Spekulationen. Im Gegenteil. Durch eine von jedermann nachvollziehbare vernünftige Erweiterung des geistigen Horizontes werden viele der heute gehandelten und mit Recht umstrittenen Hypothesen schlicht überflüssig. Meine Gedanken zu aktuellen Fragen der Kosmologie sind die beste Frucht vieler meiner grundsätzlichen Überlegungen zur Physik bei Beachtung der Beobachterrolle. In Ihrem Grußwort nennen Sie "die Physik eine tragende Säule unserer Kultur," wobei Sie die Fragen "nach dem Ursprung und dem Schicksal des Universums" an die erste Stelle der die Allgemeinheit interessierenden Fragen setzen. Vielleicht findet sich eine Veranstaltung in der geplanten Reihe, auf der meine Überlegungen, kontrovers oder nicht, aber vielleicht überraschend und aufregend und damit ein größeres Publikum ansprechend, diskutiert werden können. Jedoch möchte man fehlende quantitative Darlegungen nicht von mir erwarten, sondern sie sind eine Aufforderung an die Fachleute, die ja nicht überflüssig werden sollen, sie vorurteilsfrei nach bestem Wissen vorzunehmen. Ich wende mich hier an Sie und nicht an Prof. Müller-Krumbhaar oder evtl. gar an Prof. Wandelt, der sich ja nichteinmal zu einem einfachen Dank durchringen konnte, weil Sie bereits einen gewissen Einblick im meine immer irgendwie aktuelle Denkweise haben, die ja auch den Dialog schon anmahnte, als man das zu belehrende unmündige Volk nur mit dem banalen "Alltagsbezug und an der unmittelbaren Nützlichkeit von Wissenschaft" ködern wollte, ohne von seinen Interessen, Fragen und kritischen Einwänden Notiz nehmen zu wollen. Hier war die Politikerin Bulmahn schon weitsichtiger und es ehrt Sie, ihre Sichtweise aufgenommen zu haben und sie zu vertreten, die ja nach meinem Brief vom 9.10.99 für Sie sicher nicht mehr so neu war, sind Sie ja auch auf ihn verständnisvoll eingegangen.

Zu begrüßen ist auch, daß in den Physikalischen Blättern Prof. Zeilingers Experimente mit verschränkten Quanten nunmehr diskutiert werden und daß Sie in Ihrem Grußwort auf "die ersten Arbeiten zum Quantencomputer" als "aufregende und ... überraschende ... Entdeckung" hinweisen. Die Nichtlokalität, in welcher die verschränkten Quanten ein untrennbares System sind (Zeilinger), bereitet ja nur wieder jenen Physikern Probleme, die - entgegen der Erfahrung - eigensinnig darauf bestehen, daß es nichtlokale, sprich holistische Zustände nicht geben darf (!), weil diese ihr Vorstellungsvermögen übersteigen und sie möglicherweise auch ängstigen. Dabei wäre die Akzeptanz der großartigen Entdeckung der Nichtlokalität eine ganz wesentliche Bereicherung unseres Denkens und unseres Verständnisses von Natur, die sowieso alle Denkbarkeit übersteigt, was gerade ein Forscher immer in Rechnung stellen sollte, will er seiner Aufgabe gerecht werden. Ich habe damit keine Probleme und darf nochmals auf meinen Aufsatz A PLEA FOR HOLISTIC EFFECTS in dem gerade jetzt in NY erscheinenden Buch Instantaneous Action at a Distance in Modern Physics: "Pro" and "Contra" verweisen, dessen englischer und deutscher Text ebenfalls im Kosmologieteil meiner Homepage zu finden ist. Auch in diesem Fall dürfte ich der Diskussion wieder voraus sein, die jetzt jedoch immerhin, wenn auch mühsam genug, in Fahrt kommt, während andere von mir behandelte wissenschaftliche Grundsatzfragen erst noch aktuell werden müssen.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Helmut Hille

1 Anlage: "Gottes Urknall?" (5 Seiten)

von einem weiteren Schriftwechsel mit Prof. Bradshaw wird in der Datei (I/B11a) im 6. Text berichtet


Sind Physiker eine bedrohte Spezies? Brauchen sie verstärkte Zuwendung, vielleicht gar besonderen Schutz? Ganz abwegig scheinen solche Gedanken nicht. Kaum sind das "Jahrhundert des Kindes", das "Jahrzehnt der Katastrophenvorbeugung" und das "Jahr der Senioren" glücklich zu Ende, ruft die Bundesforschungsministerin das "Jahr der Physik" aus. Sie wolle "dem Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft neue Impulse geben" und das "Schlaraffenland des Wissens" für alle nutzen, sagt Edelgard Bulmahn.
     Nun könnte man verwundert fragen, warum diesen Dialog gerade die Physiker führen sollen, wo doch die spannendsten Erkenntnisse derzeit aus den Biowissenschaften kommen. Doch erstens ist das Jahr der Physik nur der Beginn einer mehrjährigen Initiative, in deren Verlauf auch Geo- und "Lebenswissenschaften" zu Wort kommen sollen. Und zweitens spüren die Physiker derzeit vielleicht am dringendsten das Bedürfnis, sich dem großen Publikum mitzuteilen. Seit Jahren schwindet ihre gesellschaftliche Bedeutung. Die Zeiten, da Relativitätstheorie, Kernspaltung oder Elementarteilchenphysik für Aufregung sorgten, sind vorbei. Sinkende Studentenzahlen und der immer schwierigere Kampf um öffentliche Fördermittel motivieren zusätzlich zum Dialog.
     So kommen Ministerwunsch und Forscherinteresse zusammen. Dabei gehe es nicht um eine "Akzeptanzkampagne", betonen Edelgard Bulmahn und die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) unisono. Wichtig sei, dass die Wissenschaftler "auf die Menschen zugingen und das Gespräch suchten". Ein hehres Ziel und ein löbliches Unterfangen. Noch tun sich viele Forscher außerhalb ihres Elfenbeinturms schwer.
     "Debatte und Kontroverse" versprach eine Talkrunde zum Auftakt des Physikjahres in der vergangenen Woche in Berlin. Stattdessen gab es wohlfeile Bekenntnisse zum Wert der Physik. Auf der Begleitausstellung dominierte nüchternes Gerät und Faktenwissen. Und wer im Internet unter www.physik-2000.de gespannt die heiße Rubrik hot physics anklickt, landet vorwiegend auf altbekannte Seiten der DPG und verschiedener Physikjournale: statt Hitze höchstens laue Wärme.
     Aber hie und da gibt es auch hoffnungsvolle Ansätze. Wurde der Laie in Berlin mit anregenden Filmsequenzen gelockt oder durfte er selbst einmal seinen wissenschaftlichen Spieltrieb ausleben, stieg das Interesse spürbar an. Dann kam es tatsächlich zu dem viel beschworenen Dialog. Liebe Physiker, von solcher Experimentierfreude wünschen wir uns mehr. Noch ist das Jahr lang.

ULRICH SCHNABEL


13. Juli 2000      DIE ZEIT Nr. 29     WISSEN     Seite 35

Der gordische Knoten bleibt zu

Je mehr die Wissenschaft herausfindet, umso weniger weiß sie.
Bekenntnisse vom 50. Nobelpreisträger-Treffen in Lindau  /  VON JOACHIM ROGOSCH

Auszug mit Anmerkungen in [ ]

Wie war es doch vordem so schön, als Naturwissenschaftler das Glauben noch den Theologen überließen. Strenge Logik, sichere Beweise und unumstößliche Tatsachen bestimmten ihr Weltbild. [Zumindest wurde manch fragliche Interpretation dafür gehalten.] Die Zeiten sind vorbei. Physiker, Chemiker und Biowissenschaftler produzieren zwar immer mehr Ergebnisse - doch sie wissen immer weniger. Nicht, weil den Forschungseinrichtungen das Geld ausginge, sondern weil sie mit jedem Erkenntnisfortschritt auf immer größere Komplexität stoßen.
    Als vergangene Woche 53 Nobelpreisträger der naturwissenschaftlichen Sparten in Lindau am Bodensee zusammentrafen - immerhin fast ein Drittel der lebenden Laureaten -, da war nichts mehr von der Siegesstimmung früherer Jahre zu spüren. Damals, als Astrophysiker noch behaupteten, sie hätten jetzt nur noch die letzten Sekunden bis zum Urknall zu erforschen, und dann wisse man ein für alle Mal Bescheid.
    Ein zaghaftes "Ich glaube..." bestimmte den Diskurs. Und das unter den angesehendsten Vertretern der rationalen Wissenschaft. [Wahrscheinlich hauptsächlich wohl nur unter diesen.] "Ich glaube..., Leben ist Chemie", sagt Christian de Duve, Medizinnobelpreisträger von 1974 aus Brüssel. ... "Ich glaube..., das einzige biologische Gesetz ist die Selektion", sagt Hamilton Smith, Duves Kollege aus den USA. "Ich glaube..., dass wir irgendwann physikalisch beschreiben können, was Bewußtsein ist", sagt Edmond Fischer, Medizinlaureat von 1992 aus den USA. [Hier spricht der Reduktionist, die reduktionistische Methode weit überschätzend. Gut daß ihm von Manfred Eigen,] einer der großen alten Gelehrten, der vor 33 Jahren den Chemienobelpreis bekam, [entgegnet wurde:] "Ich glaube..., wir sollten sagen, dass wir vom Bewusstsein nichts verstehen. Wir sollten schon froh sein, wenn wir uns mit einfachen Dingen sinnvoll beschäftigen können." - "Wir bewegen uns vom Zustand, in dem wir dachten, wir wüssten viel, dahin, dass wir merken: wir wissen wenig. In der Biologie wissen wir fast nichts", bringt Richard Roberts, ein praktisch denkender Mann, der seit Jahren bei der New England Biolabs Company im amerikanischen Beverly Gene erforscht, das Lebensgefühl seiner Nobel-Kollegen auf den Punkt.
    Nun war es kein leichtes Thema, zu dem sich die Fach-Koryphäen in der Lindauer Inselhalle äußern sollten: Ursprung und Fortpflanzung des Lebens. Aber die Bescheidenheit der Naturwissenschaftler rührte nicht aus der Nähe zur Philosophie, die ein solches Thema mit sich bringt. Sie bezieht sich auf das eigene Forschungsgebiet. Und das wenige Tage, nachdem mit Pomp das Human Genom Project in die Welt hinausposaunt wurde. ...
    Günter Blobel, der "Neue" in Lindau, der im vergangenen Jahr den Medizinnobelpreis erhielt, sieht in der so genannten Entschlüsselung des menschlichen Erbguts nichts als eine "technische Errungenschaft". Blobel, der gebürtige Schlesier, der seit 1967 in den USA forscht und lehrt, zitiert Francis Collins, den Leiter des amerikanischen Humangenomprojekts. "Das ist nicht das Ende der Forschung", hatte Collins gesagt. "Das ist höchstens das Ende vom Anfang."
...
    Eigentlich ist es beruhigend, was die Leute sagen, die es wissen müssen. Beruhigend für alle, die Angst haben vor den Frankensteins, die demnächst Menschen nach Wunsch formen sollen. Warum sind dann aber so viele nicht beruhigt? Weil sie keine Ahnung haben von der Ahnungslosigkeit der Forscher. [!!!] Das Verhältnis der Wissenschaft zur Öffentlichkeit ist gestört, zumindest in Deutschland. Auch das war eine Erkenntnis, die in Lindau an mehreren Stellen offenbar wurde. Blobel sieht es daher als große Verpflichtung der Forscher, der breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen, was in den Labors eigentlich passiert. "Was Sie tun, müssen Sie Ihrer Großmutter erklären können, sonst haben Sie es selber nicht verstanden", sagt er seinen Studenten. [Siehe hierzu in Text I/C2 in meinem Aufsatz Public Understanding of Science - genügt das?, den ich vor einem Jahr schrieb, nach dem Bild von Sir Robert May die Bemerkung: Was ist nun das tiefere Problem "der Entkoppelung von Wissenschaft und Öffentlichkeit" (Wandelt)? Meiner Meinung trägt der Umstand ganz wesentlich dazu bei, daß sich die Physiker die Ergebnisse ihrer Wissenschaft nicht ausreichend selbst verständlich machen können. So können sie auch Außenstehenden kein wirkliches Verständnis vermitteln.] In der Selbstdarstellung sieht er [Blobel] eine gesellschaftliche Aufgabe. "In Deutschland dagegen leben die Wissenschaftler in einem Elfenbeinturm, und wer der Öffentlichkeit erklärt, was er tut, gilt als eitler Selbstdarsteller.
    Auch Sir Harold Kroto, Chemienobelpreisträger von 1996, geht mit der Öffentlichkeitsarbeit deutscher Forscher hart ins Gericht. Der Brite kämpft seit Jahren für Wissenschaftssendungen im Fernsehen und hat einen Internet-Auftritt entwickelt, der Interessierte über das Geschehen in den Forschungslabors aufklären soll. Wer auf www.vega.org.uk klickt, erfährt, was läuft in den Genküchen. Krotos These: Angst entstehe aus Mangel an Aufklärung.
...
    Nur wenige Forscher können so anschaulich den Stand der Wissenschaft vermitteln wie Blobel oder Kroto. Immerhin, diese Tatsache wurde auch in Lindau erkannt, wo der Kontakt zwischen Nobelpreisträgern und rund 650 geladenen Studenten aus aller Welt dem Brückenschlag zwischen Spitzenforschung und Öffentlichkeit dienen sollte. Ausreichend ist das Gespräch zwischen der winzigen Elite der Nobelpreisträger und einer kleinen Elite von anwesenden Studenten nicht.
    Manfred Eigen hat in Lindau darauf hingewiesen, dass sich die Zustände in der Welt nicht durch Genveränderung verbessern werden, sondern nur durch "mehr Hirn". [Wenn damit mehr kritisches Selbstbewußtsein gemeint ist, bin ich einverstanden.]

Siehe hierzu auch Teil III dieser Homepage über die Hervorbringung des Menschlichen. Texte zur Biologie und zur Evolution von Körper und Geist.

zurück weiter zurück zum Seitenanfang