Zeit und Sein als Themen

Einführung und Links zu allen Texten von II.

Ich halte die Erkenntnistheorie für die Schlüsseldisziplin von Philosophie und Wissenschaft.



Göttliche Komödie
Die Götter im Olymp waren selig,
weil sie über die Illusionsfähigkeit des Gehirns Bescheid wussten.
Sie genossen seine Göttliche Komödie,
während wir Menschen ganz versessen darauf sind, sie zu spielen.

"Da lacht sich das Gehirn ins Fäustchen.
Es ist dasjenige Organ, das die Erforschung seiner eigenen Leistungsfähigkeit,
mittels eben dieser Leistungsfähigkeit bestmöglich zu verhindern weiß."
Jürgen Krüger

Und warum tut es das?
Um ungestört Plausibilitäten als "objektive Wahrheiten" verkaufen zu können.
Wer an objektive Wahrheiten glaubt, ist schon hereingefallen.

Schon den WissensTest zu Philosophie und Hirnforschung gemacht? Sollten Sie nicht versäumen! Die für den Philosophen grundlegende erkenntniskritische Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein, ist für den Naturwissenschaftler die Frage nach der Rolle des Beobachters, die für die Differenz von Sein und Schein verantwortlich ist. Ohne die Abklärung dieser Frage muß offen bleiben, wieweit philosophische und naturwissenschaftliche Aussagen ernst genommen werden können. Wer in der Wissenschaft nur seinen im Alltag mehr oder weniger bewährten Sicht- und Sprechweisen folgt, ohne sich um Aufklärung zu bemühen, inwieweit sie dem Objekt seiner Forschung angemessen sind, verfehlt das Ethos der Wissenschaft. Und sich einfach darauf zu verlassen, daß die Dinge schon so sein werden, wie sie uns erscheinen, was man den naiven Realismus nennt, läßt jene erhöhte Sorgfaltspflicht vermissen, die von einem Wissenschaftler verlangt werden muß, damit wirkliches Wissen gewonnen werden kann. Denn was wird allein schon dadurch an neuen Eigenschaften in die Welt gesetzt, daß Lebewesen über ein vergleichendes Gedächtnis verfügen! Ohne das vergleichende Gedächtnis gäbe es z. B. nichts, was man Ortsveränderung oder Zeit nennen könnte! Der Ort einer Sache ist etwas, was ihr vom Beobachter dazugegeben wird, weil er, zu seiner Sicherheit, alle Dinge seines Gesichtsfelds unwillkürlich miteinander in Beziehung setzt um ihr zukünftiges Verhalten voraussehen zu können. Und wenn er sie nacheinander an unterschiedlichen Orten sieht, nennt er sie "bewegt", ganz gleich was die Ursache der Ortsveränderung einer von ihm ins Auge gefaßten Sache ist: ob sie - aus eigener Muskel- oder Motorkraft sich tatsächlich bewegend - den Ort ihres Aufenthalts wechselt oder ob sich nur eine vom Beobachter hergestellte Relation ändert, während wir an der beobachteten Sache nichts finden können, woran sie sich in beiden Zuständen unterscheidet. Und wenn der Beobachter, wiederum dank seines Gedächtnisses, seine Erlebnisse nach "früher", "später" und "jetzt" ordnet, gewinnt er den Begriff der Zeit. Der Wissenschaftsphilosoph Rudolf Carnap erwähnt in seiner Biographie "Mein Weg in die Philosophie" von den mit Einstein in dessen letzten Lebensjahren besprochenen Fragen als erste Einsteins Frage nach der Gegenwart, die er in der Welt des Physikers schmerzlich vermißt. Wenn wir jedoch die Entstehung des Zeitbegriffs bedenken wird klar, warum dies notwendig so ist: die Zeit gehört zum Beobachter, die Gegenwart jedoch, die zeitlos ist, zu den Dingen. Wie es ohne Augen kein Licht und keine Farben und ohne Nasen keine Gerüche gibt, so gibt es genauso ohne ein vergleichendes Gedächtnis keine Bewegung, keine Geschwindigkeit und keine Zeit. Für die Eleaten waren solche Eindrücke subjektive Qualitäten, weil sie durch die Art unserer Wahrnehmung von Objekten entstehen, die John Locke später "sekundäre Qualitäten" nannte. Und genauso gehören Raum und Zeit zu unserer Art der Rezeption. Indem der Beobachter das Chaos seiner Wahrnehmungen - das Durcheinander - unwillkürlich nach den Kriterien des Neben-, Über-, Hinter- und Nacheinander ordnet, erzeugt er - zu seinem Verständnis der Dinge - die vier Dimensionen. Das heißt: wir orientieren uns nicht in Raum und Zeit sondern mit Raum und Zeit unseres geistigen Unterscheidungsvermögens. Und weil uns das zumeist trefflich gelingt, glauben wir, daß es sich um objektive Eigenschaften der Realität handelt und nicht um Eigenschaften, unter denen wir mit der Realität umgehen, deren Beschaffenheit diese Eigenschaften zwar hergibt, weshalb wir mit ihr erfolgreich umgehen können, die jedoch selbst alle menschlichen Kategorien übersteigt.

Die im 5. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung lebenden vorsokratischen Eleaten waren die ersten Erkenntniskritiker, welche die Rolle des Beobachters durchschauten. Sie hatten keine Probleme mit der Wahrnehmung, wie am Lehrgedicht des Parmenides, das den Weg Vom Schein zum Sein beschreibt, erkennbar ist, das ich im Aufsatz Was uns hindert, die Einheit des Daseins zu sehen neu interpretiere. Parmenides war auch derjenige, von dem wir wissen, daß er als erster sein Gehirn benutzte, statt sich von ihm benutzen zu lassen. Die Schilderung des Weges zu seinen Erkenntnissen, das einleitende Proömium seines Lehrgedichts, das sich wie eine Himmelfahrt zu einer namenlosen Göttin liest, ist als Schlüssel selbst mythisch verschlüsselt und soetwas wie die Eigernordwand der Philosophie. 1997, zwei Jahre nach Interpretation des Haupttextes und nach wohl etlichen geistigen Fortschritten, fühlte ich mich eines Morgens wie Jean-Francois Champollion 1822, als er die Hieroglyphenschrift anhand des 1799 gefundenen dreisprachigen Steins von Rosette entzifferte, und verfaßte Parmenides im Klartext, den zu schreiben der Altphilologe Dieter Bremer (LMU München) für ausgeschlossen hielt. Heute denke ich darüber hinaus, daß es sich bei der namenlosen Göttin, die Parmenides auf einem "weitab vom üblichen Pfad der Menschen" liegenden Weg erreichte, nur um die höchste Vernunft in Form einer neuen Bewußtseinsstufe selbst handeln kann (s. auch Nachtrag vom April 2003 und die noch weiteren neuen Anmerkungen), die den Eleaten mit Handschlag begrüßte und ihn aufklärte. Ebenso wie Parmenides können auch wir, wenn wir unsere gesunde Skepsis bewahren und uns nicht vom scheinbaren Wissen des Gehirns bluffen lassen, zu ihm ein vertrautes Verhältnis finden. Kernsatz:

Nur die kritische These, daß das Gehirn kein objektives Wissen besitzt, bedarf keiner Begründung, weil sie ja nichts voraussetzt. Und gerade deshalb - weil sich der Kritiker selber nichts vormacht - kann er sich in die Lage des Gehirns versetzen und mit ihm vertraut werden. Das bringt mehr Verstehen, als alle Hirnforschung je erreichen kann.

Das Gehirn in seiner Not zu verstehen ist der Inhalt des Aufsatzes Das Gehirn und sein Ich. Die ihm vorausgehende Besprechung des Buches Geheimnisvoller Kosmos Gehirn setzt sich u. a. mit Tendenzen in der Hirnforschung auseinander, die Fähigkeiten des Gehirns, aus absorbierten Energien überlebensdienliche Informationen zu generieren, zu minimalisieren, um die Illusion von der Objektivität der Erkenntnis aufrecht erhalten zu können. Was uns veranlaßt, eine Aussage für "wahr" zu halten, wird in der gleichnamigen Arbeit untersucht, die als erste meiner erkenntniskritischen Aufsätze in der philosophischen Halbjahreszeitschrift "Aufklärung und Kritik" erschienen ist. Sie enthält die Grundzüge meiner erkenntniskritischen Theorie. Ihr vorausgegangen ist die Besprechung des bereits vom SPIEGEL samt seinem Autor vorgestellten Buches von Josef Mitterer Das Jenseits der Philosophie, in dem Mitterer zeigt, daß wir beim Sprechen immer nur auf das bereits Gesprochenen rekurrieren können, niemals jedoch auf ein Jenseits des Diskurses, das immer nur als Schutzbehauptung für die "Wahrheit" des Gesprochenen dient. Das angebliche Jenseits ist nur die Wiederholung des Diesseits und damit ohne Erkenntniswert. Das Verhältnis von Denken und Sein können wir nicht von einem Standpunkt außerhalb von uns klären, weil wir ihn nicht einnehmen können. Wir können den naiven Realisten und den Solipsisten, den großen Vereinfachern der Realismusfrage, nicht einfach so widerlegen. So einfach wie diese, können wir es uns nicht machen. Wir können nur durch gute Gründe einsichtig machen, auf welche Weise es Lebewesen möglich war und ist, mit Nichtwissen überlebensdienlich umzugehen und welchen Wahrheitswert ein solches selbst- und handlungsbezogenes Wissen haben kann. Die Rolle des Beobachters zu erkennen heißt eben, die unvermeidliche Subjektbezogenheit aller Erkenntnis - wie sie sich auch in der Grammatik niedergeschlagen hat - aufzuklären und zu lernen, die Subjektivität zu meistern. Schon Protagoras warnte vor dem Irrglauben einer natürlichen Objektivität der Erkenntnis: Der Mensch ist (sich) das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind (was sie für ihn sind - z.B. Feind oder Beute), und der nichtseienden, daß sie (für ihn) nicht sind, was das unaufgeklärte Denken immer wieder zu bestreiten versucht, um die Illusion von seiner natürlichen Objektivität aufrecht erhalten zu können. Daß die Quantenmechanik sich in so einzigartiger Weise bewährt, verdankt sie dem souveränen Umgang mit dem egozentrischen Erkenntnisapparat, was auch zur Wiederentdeckung der subjektiven Qualitäten der Eleaten führte. Diese Souveränität ist es, die ich uns allen und der Wissenschaft wünsche und die das Ziel meiner Arbeit ist, damit wir aufhören, der blinde Affe unseres tierischen Erbes zu sein, der dem "geschickten Gaukler namens Gehirn" (DER SPIEGEL 16/96) ständig aufsitzt. Oder wie es Niels Bohr in seiner Auseinandersetzung mit Einsteins Objektivismus, etwas weniger drastisch formulierte: "Wir müssen lernen, daß wir im Spiel des Lebens Zuschauer und Schauspieler zugleich sind." Nur so wandeln wir uns von Toren zu Weisen. Das wiederum ist das Anliegen der Philosophie - oder sollte es sein. Die Philosophie selbst ist Teil jenes hermeneutischen Prozesses, in dem menschlicher Geist sich selbst finden möchte, mit dem sich (dem Prozeß) der im Alter von 102 Jahren verstorbene Hans-Georg Gadamer befaßte, der nie müde wurde, das hermeneutische Problem als ein universales Problem kenntlich zu machen.

Ein Beispiel für den richtigen Umgang mit der Transzendenz, als der alle Denk- und Sagbarkeit übersteigenden Realität, ist der Text Meister Eckhart und das Sein an sich. Die Langfassung "Könntet ihr mit meinem Herzen denken ..." mit vielen Eckhart-Zitaten, versucht das Unsagbare des Seins in mehreren Anläufen zum Verständnis zu bringen. Nach Einstein im Klartext (Text I/B7 - B8a, I/B11a u.a.) und "Parmenides im Klartext" (Text 5a und 5b) ist es mein nicht geringes Ziel, nun auch Meister Eckhart mit möglichst viel eigenen Worten im Klartext zu zeigen. Gerade sein Setzen auf die Grundlosigkeit und somit die Abgründigkeit göttlichen Wesens erweist sich als eine Letztbegründung allen Seins, Denkens und Tuns. Sie geht über in letzte Gedanken, was das Besondere der menschlichen Existenz ausmacht und was uns erwartet, wenn die Zeit unseres Wandelns auf Erden abläuft. Sicher ist da, daß der Mensch, wenn er sein Bewußtsein genügend erweitert, sich als das Bewußtsein des Seins erkennen und er, wie alles, niemals aus dem Sein herausfallen kann, auch wenn sein Bewußtsein dann entschwindet.

Abgerundet werden meine Überlegungen zu den Themen von Zeit und Sein, Endlichkeit und Ewigkeit und zum Wahrheitsbegriff von vier Gastbeiträgen von Wolfgang Dittrich. Nicht mehr ganz am Ende findet sich sein Aufsatz über Das Natürliche des Nichtverstehens, ein Plädoyer für Toleranz gegenüber anderen Sichtweisen, sowie seine gleichsinnige Veröffentlichung im LUXENBURGER WORT zu der Frage "Gibt es nur eine Wahrheit?" Auch in der folgenden Buchsprechung Rombach/DER KOMMENDE GOTT. Hermetik - eine neue Weltsicht wirbt Dittrich für eine Erweiterung unseres geistigen Horizonts und setzt dabei mit Heinrich Rombach auf die spontanen schöpferischen Kräfte in Natur und Mensch. (Eine weitere Buchbesprechung von W. Dittrich finden Sie in der Datei III/4: "Einführung in den Konstruktivismus".) Sein Aufsatz über die natürliche und wissenschaftliche Verwendung der Intelligenz ergänzt meine Überlegungen zur Meisterung der Subjektivität.

Neuere Erkenntnisse zur Gehirnforschung greift die Seite Die Eigen-Mächtigkeit des Gehirns, mit der Buchbesprechung zweier Bücher von Gerhard Roth auf. Vielleicht habe ich sein Buch "Aus der Sicht des Gehirns" dabei im positiven Sinne etwas überinterpretiert, in dem ich das von ihm als Wissenschaftler Unausgesprochene als Philosoph sage. Danach folgt Autismus als Forschungsgebiet. Formen des Autismus, Anmerkungen zur Sendereihe von 2006 "Expedition ins Gehirn" zu einem relativ jungen Forschungsgebiet, das besonders intensiv in den USA verfolgt wird (the decade of the brain), von wo es dann auch viele Zugriffe auf meine Seiten gab, die vor allem wohl von dem Autismusartikel ausgingen, der die Erscheinungen des Autismus mit der grundsätzlichen Arbeitsweise des Gehirns in Verbindung bringt. - 2007 gab es monatlich auf der Startseite Anmerkungen zur Erkenntnistheorie, die anschließend in der neuen Datei II/16 gesammelt wurden. Aber auch beim Menschen selbst gilt es oft genug Schein und Sein zu unterscheiden, von mir Das Problem der Authentizität genannt. Schließlich versuchte ich das Ergebnis meines lebenslangen Philosophieren in Mein Weltbild zusammenzufassen, dessen erstes Kapitel "Meine Kosmologie" im Januar 2008 erschien und von dem 2008 jeden 2. Monat ein weiteres Kapitel veröffentlicht wurde (im oberen Menue ein weiterer direkter Link).

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